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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 06.12.2009

Wenn Störtebeker unter Burn-out leidet

Der Film "Zwölf Meter ohne Kopf" zeigt ein neues Gesicht des legendären Piraten

Sven Taddicken und Ronald Zehrfeld im Gespräch

"Zwölf Meter ohne Kopf" wurd auf einem nachgebauten Piratenschiff gedreht. (AP Archiv)
"Zwölf Meter ohne Kopf" wurd auf einem nachgebauten Piratenschiff gedreht. (AP Archiv)

"Zwölf Meter ohne Kopf" läuft ab der nächsten Woche in deutschen Kinos: ein Piratenfilm, der Störtebeker nicht als überlebensgroßen Helden, sondern verunsicherten Menschen voll Freiheitsdrang zeigt. Regisseur Sven Taddicken und Schauspieler Ronald Zehrfeld erzählen von den Dreharbeiten auf hoher See.

Moderator: Ja, und wir haben jetzt das große Glück, Klaus Störtebeker persönlich im Studio begrüßen zu dürfen, na gut, seinen Darsteller. Guten Tag, Ronald Zehrfeld!

Ronald Zehrfeld: Hallo, hallo!

Moderator: Und auch den Mann, der Störtebeker sozusagen in die heutige Zeit geholt hat: Willkommen, Sven Taddicken!

Sven Taddicken: Hallo, guten Tag!

Moderator: Der große deutsche Pirat Störtebeker - wie sah der Störtebeker aus, den Sie beide im Kopf hatten, bevor Sie sich dann so intensiv mit ihm befassen wollten und mussten?

Zehrfeld: In meiner Kindheit gab es so ein Buch, das war glaube ich eines sogar, das Jugendbuch meines Vater, und es war so ein sehr altes Buch, in dem halt die Legenden von Klaus Störtebeker erzählt werden. Und das hatte halt so ein Cover, wo halt ein echt, also ich sag mal so, sehr furchterregender Haudegen drauf war. Das hat mich als Kind einfach immer sehr eingeschüchtert. Und ich glaube, irgendwann habe ich mir jetzt gesagt so, ja, spannend, aber ich mache jetzt ein Film über den, aber erst gucke ich mal, wie der wirklich drauf ist.

Moderator: Ein Haudegen und Raubein, Herr Zehrfeld, gut beschrieben.

Taddicken: Ja, durchaus gut beschrieben: ein Haudegen. Ja, aber in unserem Film hat der noch eine andere Wandlung, da geht es ja noch anders zu.

Moderator: Das ist wohl wahr, denn Sie haben ihn auf eine gewisse Art und Weise in die Jetztzeit geholt. Der Klaus hat Beziehungsprobleme und ist ein kleiner Neurotiker.

Taddicken: Das war glaube ich das Verlockende zu gucken, so okay, es gibt diesen Mythos von diesem Haudegen, der Ketten sprengt, der ohne Kopf die Mannschaft noch befreien will, und das war für uns einfach ein total schönes Spiel zu gucken, so okay, was steckt jetzt wirklich dahinter. Und mir hat das einfach gefallen, einen Film zu machen, der eben genau das sagt, so eh, wir kochen alle nur mit Wasser. Also natürlich, die Legenden haben alle ihren Grund und der Film erzählt ja auch, wie es zu diesen Legenden kam, aber das finde ich einfach ein sehr, sehr menschliches, charmantes Spiel, zu sagen, vielleicht steckte da auch ein wirklicher Mensch hinter diesen Geschichten.

Moderator: Also eher das Menschendrama statt Heldensaga?

Taddicken: Genau. Das Tolle an Ronny Zehrfeld war einfach so, auch als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich gleich so, Mensch, das ist ja eigentlich fast der Kerl wie auf dem Buchcover sozusagen. Es ist irgendwie, der sieht ja aus wie Störtebeker. Und das …

Zehrfeld: Bin ich jetzt ein Raubein oder erschreckend? Nee, ich glaube, das ist genau ... So funktioniert der Film, dass man auf den ersten Blick, glaube ich, genau den Störtebeker erzählt, den alle erwarten, nämlich also wirklich den Haudegen, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht und quasi genauso die Nordsee beherrscht. Und dann aber war das einfach toll, was Ronny da teilweise macht irgendwie, wenn es darum geht, die sensiblen Seiten von Klaus Störtebeker zu zeigen. Das hat wirklich so eine augenzwinkernde Comic, dass man wirklich mit ihm über ihn lachen kann in diesem Moment, wo er dann neurotisch wird, die Basisdemokratie erfindet oder auch teilweise am Burn-out-Syndrom leidet.

Moderator: Für einen Schauspieler muss so eine Rolle doch wie Weihnachten und Geburtstag am Stück sein, also das ist ja eine der großen deutschen Heldenfiguren, die eben gebrochen auch ist, er war ja auch ein Gangster, keine Frage. Wie kommt man da rein in diese Figur? Man weiß ja relativ wenig über ihn, außer dass es ein Buch gibt, wo er ganz deutlich abgebildet ist. Nein, aber das ist natürlich ein erfundenes Bild. Und es gibt Sascha Gluth, den müssen wir vielleicht erwähnen, also der auf der Insel Rügen ja seit Jahren bei den Störtebeker-Festspielen ganz großartig da den Piraten gibt. Also Respekt oder wirklich wie Kindergeburtstag, in so eine Rolle zu gehen?

Zehrfeld: Natürlich einen großen Respekt vor dieser Rolle, gerade auch den Kollegen in Ralswiek. Aber natürlich, wie legt man die Rolle an? Zum einen ist es ein Kindheitstraum, gefüttert natürlich mit meiner Fantasie oder mit meinem Humus, also das stärkste Bild in meinem Kopf ist natürlich aus der Kinderzeit. Wenn mein Opa irgendwie das Huhn geköpft hat auf dem Bauernhof - ich hatte das Glück, dass er eben einen Bauernhof hatte -, und da war halt immer gleich im selben Atemzug diese Geschichte sehr präsent, dass es ja nun hieß, weißt du, Klaus Störtebeker soundso.

Und die Geschichte oder die Frage in meinem Kinderkopf war dann immer: Wie weit hätte es Klaus noch geschafft, wenn man ihm den Knüppel nicht vor die Füße geworfen hätte? So. Und jetzt natürlich die Chance zu bekommen von Sven, diesen Störtebeker zu spielen, also das ist wie Geburtstag, Weihnachten und ja, ein Sechser im Lotto zugleich. Und ich hoffe, dass die Zuschauer was mit meiner Rolle, mit meinem Störtebeker anfangen können, und bin gespannt auf Meinungen.

Moderator: Interessant ist ja, dass in diesem Film es eine zweite Figur gibt, nämlich Gödeke Michels von Matthias Schweighöfer gespielt, und das ist ein bisschen so, als wenn, dass beide Figuren erst die Gesamtfigur ergeben. Es ist wie so ein Januskopf. Ist das so, ist das so angelegt auch im Buch?

Taddicken: Vollkommen richtig. Also für uns war das sehr spannend, im Zuge der Arbeit und auch in der Vorbereitungsphase zu merken, dass diese beiden Figuren, diese zwei Körper, dass die eigentlich in ihrer Temperatur, in ihrer Kraft erst zusammen eine Einheit ergeben: Klaus Störtebeker. Und ich würde auch nicht Klaus Störtebeker nur an Ronald Zehrfeld festmachen und Gödeke Michel nur an Matthias Schweighöfer festmachen, sondern die beiden, die beiden sind ein Team, die haben eine Kraft und hinter ihnen steht eine Mannschaft, und ohne diese Mannschaft wären sie auch nichts.

Und nun geht diese Energie, diese Kugel geht in der Nordsee hoch und runter und macht da alles kurz und platt und hat natürlich plötzlich Umstände oder Nahtoderlebnisse, mit denen sie dann umgehen müssen. Und auf einmal beginnt diese Kugel, diese Einheit zu zerbrechen, und man stellt diese Einheit infrage. Und das ist glaube ich das Spannende, wo man dann plötzlich in der heutigen Zeit Stück für Stück ankommt, weil es da eben nicht mehr um Klaus Störtebeker geht oder ...

Zehrfeld: Das habt ihr mir eigentlich erzählt. Ich glaube, für mich war das im Drehbuch immer vor allem eben eine Freundschaftsgeschichte aus eben zwei durchaus sehr gegensätzlichen Piraten, die aber beide an diesem Leben unbedingt festhalten wollten. Aber eigentlich irgendwie habt ihr völlig recht, das sagtest du glaube ich mal, dass eben beide Figuren eben diesen Januskopf irgendwie eigentlich einen Menschen zusammen bilden. Was der eine nicht tat, tat der andere.

Taddicken: Genau, genau. Es sind so Sehnsüchte einmal, die absolute Freiheit, sich nirgendwo zu binden, keine Verantwortung zu übernehmen, auf der anderen Seite eben anzukommen, sich zu verlieben, festen Boden unter den Füßen zu haben, quasi personifiziert durch diese beiden Figuren.

Moderator: Sie haben ja ohnehin ein grandioses Ensemble zusammenbekommen. Ich will einfach nur mal Devid Striesow nennen so als speckgesichtigen Ratsvorsitzenden Simon van Utrecht. Die Männer in diesem Film - mussten Sie die noch großartig motivieren oder wollten die einfach alle mal so ihre Piratenfantasien ausleben?

Taddicken: Es ist tatsächlich so gewesen. Ich hatte selten … war es so einfach, einen Film zu besetzen, weil einfach wirklich alle Leute da große Lust drauf hatten, eben über Detlev Buck, Sascha Reimann alias Ferris MC, Simon Gosejohann, Hinnerk Schönemann, Oliver Bröcker, wie sie alle heißen, also die waren wirklich alle sofort dabei. Und es war dann fast eher so ein bisschen - am Set hat es sich manchmal so ein bisschen angefühlt, so oh, das ist jetzt ein bisschen Kindergeburtstag hier irgendwie und ich muss jetzt den Herbergsvater hier machen, um zu gucken, so nee, wir haben hier eine richtige Geschichte zu erzählen. Aber das hat dann alles gut funktioniert.

Moderator: "Zwölf Meter ohne Kopf", so heißt der neue Film von Sven Taddicken, der Regisseur und sein Hauptdarsteller Ronald Zehrfeld sind hier im Deutschlandradio Kultur zu Gast.

Der kleine Beitrag vor dem Gespräch eben endete mit dem Ruf "Fick die Hanse", und das ist kein Versehen, sondern auch Ausdruck des Gesamtkonzepts. Sie haben es schon erwähnt, also auch die Sprache ist ja heutig, könnte man da sagen. Oder es gibt auch durchaus schon den ein oder anderen Kritiker, der gesagt hat, na, die wollen sich jetzt da an die ganz jungen Kinogänger ranwanzen. Was antworten Sie solchen Nörglern?

Taddicken: Darum ging es eigentlich nicht. Also es ging so darum, also natürlich hat man erst mal überlegt so, okay, Spätmittelalter, Norddeutschland, wie sprechen die da, wie werden wir da sprechen. Und häufig sucht ja halt ein Film immer dann die Lösung darin, halt eine sehr gestelzte Sprache so zu wählen. Das funktioniert auf einer gewissen Art und Weise, aber eben "Zwölf Meter ohne Kopf" ist ja eine ganz moderne, gerade Geschichte über zwei Freunde, die halt eben genau gucken, wo sie mit ihrem Leben so hingehen - irgendwie einfach und wirklich sehr, sehr berührendes, herzzerreißendes und eben auch wirklich komisches Ding tatsächlich.

Und ich hatte irgendwann einfach beschlossen oder wir haben beim Drehbuch dann einfach gesagt: Komm, wir machen das so, die Schauspieler sollen einfach so sprechen können, wie sie normalerweise auch sprechen. Die sollen sich wirklich frei fühlen wie einfach zwei Jungs, zwei Piraten oder die ganze Mannschaft, die unterwegs ist, und der Zuschauer soll sich ihnen so nah wie möglich fühlen. Auch zum Beispiel, um so eine Situation zu erschaffen, dass man improvisieren kann, dass auch wirklich so übers Drehbuch hinaus teilweise tolle Sätze, schöne Sachen einfach mit reinfließen können. Also ich glaube, ich hatte immer die Sehnsucht, diesen historischen Rahmen aufzubrechen.

Moderator: Jahrelang herrschte Flaute für Piraten auf der Leinwand, für Wasserfilme überhaupt, Wasser galt als Kassengift. Da gibt es legendäre Flops aus den letzten 30, 40 Jahren. Dank "Fluch der Karibik" mit Johnny Depp haben die Kinogänger jetzt seit Jahren bestimmte Bilder im Kopf. Also wenn Sie in einen Piratenfilm gehen, da sieht der Pirat eben so ein bisschen aus wie Opa Keith Richards gepaart mit Johnny Depp. Ist das ein Fluch für Sie, dieser Riesenerfolg der Filme, oder könnte es sein, dass die Deutschen jetzt mal gucken wollen, wer ist denn unser deutscher Pirat?

Zehrfeld: Also wir hoffen oder ich hoffe, dass die Deutschen jetzt endlich mal gucken, wer ist denn so unser Pirat, und ich glaube auch nicht, dass man die zwei Filme vergleichen sollte, sondern: Leute, geht einfach rein, schaut euch "Zwölf Meter ohne Kopf" an und teilt uns dann mit, was ihr mitnehmt von diesem Film. Also das ist ja eigentlich die viel spannendere Frage.

Moderator: Sie haben nicht in künstlichen Kulissen gedreht. Es gibt diesen berühmten Wasserbehälter vor Malta, wo ich glaube seit Jahrzehnten sämtliche Seestücke aufgenommen werden, also die Seeszenen. Also es ging mit richtigen Schiffen auf große Fahrt, na vielleicht auch nicht ganz so große Fahrt. Das plus Kindergeburtstag mit all den entfesselten Männern, war das eher harter Alltag oder war das auch so mal ein Riesenspaß? Ich meine, man kann sich ja dann nicht nach dem Dreh oder nach einer Szene zurückziehen in den Wohnwagen, man ist ja auf dem Schiff gefangen. Was war das für eine Situation?

Taddicken: Natürlich war das nicht ohne sozusagen, auch das alles irgendwie im Griff zu behalten, oder was heißt im Griff - man hat diesen Film, den man erzählen will, und das muss irgendwie funktionieren und halt diese ganzen Unsicherheitskomponenten.

Aber ich sag mal, genauso im Gegenteil gibt das ja auch eine unglaubliche Energie frei, also wenn wirklich diese ganzen Leute, die Schauspieler da so einen Spaß dran haben. Und ich glaube, das hat fast wieder diesem Kindergeburtstag wieder sehr, sehr gut getan zu sagen, so okay, wir sind wirklich auf See, es gibt einen echten Seegang, es gibt einen Wind, der einem um die Nase pfeift, und ich glaube, das hat alle Schauspieler mal wieder so runtergefahren und auf den Boden unserer Piratenrealität gebracht.

Das war wirklich ein Geschenk. Und es hat sich ja einfach so daraus entwickelt, dass wir eigentlich, eigentlich zu wenig Geld hatten, um die Deckszenen wirklich vor einer Blue Screen im Studio zu machen, wie das die Kollegen in Hollywood machen. Das heißt, wir mussten einfach wirklich einfach aufs Schiff rausfahren und da drehen. Aber ich glaube, das hat dem Film wirklich eine ganz eigene und besondere Note gegeben, auf die ich auch ein bisschen stolz bin im Nachhinein.

Zehrfeld: Dank den Göttern, die uns gnädig waren, die uns wohlgesonnen waren, Poseidon, Neptun. Es war natürlich ein Traum, draußen auf offener See zu spielen und nicht vor einer Blue Screen. Und wir haben uns mehrfach am Tag angeschaut und haben gesagt: Es passiert tatsächlich, wir sind jetzt hier auf einer Kogge in Originalkostüm und spielen Störtebeker mit seiner Mannschaft und seinen Abenteuern. Also das ist schwer zu vermitteln, aber es war ein Traum.

Moderator: Nächste Woche läuft dieser Traum im deutschen Kino, ein deutscher Piratenfilm, "Zwölf Meter ohne Kopf". Bei mir zu Gast waren Regisseur Sven Taddicken und der Darsteller des Klaus Störtebeker, Ronald Zehrfeld. Vielen Dank!

Taddicken. Danke Ihnen!

Zehrfeld: Sehr gerne!

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