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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 08.09.2016

Wenn Referenden spaltenBist Du für uns oder gegen uns?

Von Sebastian Wessels

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Eine Britische Fahne weht vor dem Uhrenturm Big Ben. (dpa / Michael Kappeler)
Das Brexit-Votum ist zum berühmten Beispiel für die mit einem Referendum möglicherweise verbundene Spaltung der Gesellschaft geworden (dpa / Michael Kappeler)

Entscheidungen müssen in einer Demokratie öffentlich ausgefochten werden. Doch wenn komplexe Fragen auf eine Ja-Nein-Entscheidung reduziert werden, gibt es eine Gefahr, warnt Sebastian Wessels: Dann produziere so ein Referendum keine Lösungen, sondern eine gespaltene Gesellschaft.

Menschen haben nur selten Gelegenheit, den Gang der Geschichte zu lenken. Erst recht nicht mit einem schlichten Ja oder Nein. Genau das ermöglicht ein Referendum in den Augen seiner Befürworter – die Sprengung vermeintlicher Alternativlosigkeiten durch den Willen der Bevölkerung. Andere teilen diesen Idealismus überhaupt nicht. Sie befürchten unter anderem, dass allzu viele Wahlberechtigte gar nicht überblicken, was sie da entscheiden, und lehnen Referenden ab.

Wie man sieht, lässt sich auch das Referendum als solches bequem von den Standpunkten der Ablehnung und Zustimmung her begreifen. Sind Sie für Referenden oder dagegen? Ja oder nein? Die Frage teilt die Antwortenden in zwei Gruppen. Dadurch aber verwandelt sie sich schnell in eine andere: Sind Sie einer von denen oder einer von uns?

Abgeschottet wie in einer Sekte

"Them and Us", also "die und wir", ist auch der Titel eines Buches über die Psychologie der Sektenbildung, das der US-amerikanische Psychiater Arthur Deikman im Jahr 2003 veröffentlichte. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 hatten der Öffentlichkeit gerade in Erinnerung gerufen, wozu religiöse Kulte imstande sein können. Sein Anliegen war aber weder ein Angriff auf Religionen, noch erklärte er deren Anhänger für psychisch krank. Im Gegenteil: Er wollte zeigen, dass die Verhaltensweisen, aus denen sektenartige Gruppen entstehen, in Ansätzen überall in der Gesellschaft und in unserem Alltag zu finden sind. Sein Buch sollte über entsprechende Verführungen aufklären und so als Gegenmittel wirken.

Sekten sind Extremformen normalen Gruppenverhaltens. Und die erste Voraussetzung, um überhaupt von einer Gruppe zu sprechen, ist die Unterscheidung zwischen denen und uns, zwischen Zugehörigen und Außenseitern.

Nun wäre ohne diese Unterscheidung keine Firma, keine Familie, kein Gesangsverein und ganz allgemein keine Organisation möglich. Sie ist ein grundlegender Aspekt der menschlichen Existenz. Gefährlich wird die Unterscheidung zwischen "denen" und "uns" aber, wenn eine Gruppe beginnt, sich abzuschotten, und eine Fantasie von sich selbst als den anderen irgendwie überlegen ausprägt. Darin ist dann zugleich eine Abwertung von Außenstehenden angelegt. Durch die Abschottung geht außerdem der Bezug zu Teilen der Realität verloren – und zwar allen, die der Gruppenfantasie nicht dienlich sind. Irrationalität und Feindseligkeit nach außen sind naheliegende und häufige Folgen.

Das Gute und Richtige als Komplettpaket

Die allseitige Aufregung etwa über den Brexit macht offensichtlich, dass es dabei nicht nur um Sachfragen geht, die man durch eine nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung entscheiden könnte. Weit über das Vereinigte Königreich hinaus teilte das Referendum die Menschen in zwei Lager: in "die" und "uns". Wir verkörpern das Gute, die anderen das Schlechte. Unterschiedliche Wertesysteme prallen aufeinander. Die Zuspitzung auf ein Ja oder Nein im Referendum führt allen Beteiligten schmerzlich vor Augen, dass ihre Werte nicht uneingeschränkt gelten. Die anderen werden wahrnehmbar; die Gruppe der Gleichgesinnten wird zur seelischen Zuflucht und Heimstatt. Deswegen geht die Abstimmung vielen so nahe.

Es ist zwar gut, wenn Differenzen zwischen Wertesystemen ans Licht kommen, weil sie dann demokratisch ausgefochten werden können. Aber es besteht die Gefahr, dass aus Ja-Nein-Referenden ein Glaubenskonflikt wird, der die Spaltung der Gesellschaft vertieft. Die mühsame Erforschung der komplexen Wirklichkeit bleibt auf der Strecke, wenn Gemeinschaften die Illusion pflegen, es gebe das Gute als Komplettpaket.

Wir neigen dazu, gerade polarisierende Fragen weltanschaulich zu überhöhen. Dabei bedürfen sie umso mehr der realistischen Erdung. Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen, sagte Helmut Schmidt. Realistisch geerdet bedeutet das: Wer Visionen hat, soll die Argumente, Gründe, Mittel und Zwecke seiner Politik sortieren und offenlegen. Nur so ist eine gemeinsame Lösung auch mit denen möglich, deren Vision eine andere ist.

Sebastian Wessels (privat)Sebastian Wessels (privat)Sebastian Wessels, geboren 1976 in Bremen, studierte Sozialwissenschaften in Hannover und Cardiff (Wales) und promovierte zur Frage: "Was ist Autonomie?" (2016). Mit menschlicher Konformität und Selbstbestimmung hatte er sich zuvor im Rahmen eines Forschungsprojekts am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) näher befasst. Sebastian Wessels lebt als freier Autor und Texter in Berlin.

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