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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.07.2010

Wenn Musik nach den Sternen greift

Werke der Komponistin Kaija Saariaho beim Rheingau-Musikfestival

Von Ursula Böhmer

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Kaija Saariaho (Maarit Kytöharju)
Kaija Saariaho (Maarit Kytöharju)

"Musik ist meine Art, mich dem Göttlichen zu nähern", hat die finnische Komponistin Kaija Saariaho einmal gesagt. Beim Rheingau-Musikfestival ist ihr das diesjährige Komponisten-Porträt gewidmet.

Gleißend hell bricht sich ein Energiestrom Bahn: In dem Ensemble-Stück "Solar" verwendet Kaija Saariaho überwiegend hohe Instrumente wie Piccolo-Flöte, Oboe, Trompete, Harfen und helles Metall-Schlagwerk, webt in das feine Klanggeflecht Computer-Samples und Synthesizer-Klänge ein. Das Licht ist Inspirationsquelle für viele Werke der Finnin – zumal sie früher auch viel gemalt hat:

"Das hat mit meiner Konzeption von Klängen zu tun. Es gibt bestimmte Klänge in meinem Kopf, die in mir - ohne dass ich es forcieren würde - Lichter und Farben auslösen. Ich denke sozusagen mehr cineastisch - und das möchte ich dann in meiner Musik umsetzen."

Schon als 11-Jährige wusste Kaija Saariaho, dass sie komponieren wollte - doch zunächst stand sie sich ein wenig selbst im Weg, glaubte noch nicht so recht an ihr Talent. Es brauchte mehrere Anläufe, bis sie sich schließlich für die Komponistinnenlaufbahn entschied - da war sie Anfang 20. Als Frau musste die zumal eher zarte Rothaarige in den 70er-Jahren allerdings erst mal gegen allerlei männliche Überheblichkeit ankämpfen:

"Sie sagten, oh, was macht denn so ein nett aussehendes Mädchen hier? Und einige Lehrer wollten mich gar nicht erst unterrichten, weil sie dachten, in ein paar Jahren heiratet die ja sowieso - und dafür war ihnen ihre Zeit zu kostbar. Als mein erstes Auftragswerk vom finnischen Radio aufgenommen wurde, kannte ich die Musiker nicht - und sie begrüßten mich mit: Oh, da kommt ja unser Mädchen fürs Seiten umblättern! Ein Cellist, den ich sehr bewundert habe, hat sich schier kaputt gelacht, als ich ihn fragte, ob er mal ein Stück von mir fürs Radio aufnehmen würde. Es war ganz schön absurd, wenn ich heute so daran denke."

In dem Finnen Paavo Heininen fand Kaija Saariaho in Helsinki ihren wohl wichtigsten Lehrer, der vor allem ihr Selbstvertrauen stärkte. Weitere Weggefährten waren Brian Ferneryhough, der sie bei den Darmstädter Ferienkursen so scharf kritisierte, dass sie mehr wissen wollte - und ihm an die Freiburger Musikhochschule folgte. Anregungen in punkto Orchestrierung bekam sie dort auch bei Klaus Huber, während sie an der Pariser IRCAM schließlich ihre Kenntnisse in der Live-Elektronik vertiefte.

Sozusagen eine "Bohémienne", die sich die Nächte um den Kopf schlägt, ist Kaija Saariaho nicht – eher eine disziplinierte Arbeiterin und Frühaufsteherin, zumal sie "nebenher" zweifache Mutter ist:

"Ich gehe beim Komponieren sozusagen vom Globalen ins Detail: Ich stelle mir die Tempi vor, die Orchestration – und dann beginne ich, mein musikalisches Material zu entwickeln: Ich definiere die Harmonien, die Rhythmen, in welche Richtung sie sich entwickeln. Und dann erst beginne ich mit dem Aufschreiben. Dazu brauche ich ausreichend Zeit - darum plane ich weit im Voraus, setze mir bestimmte Deadlines. Ich hasse es nämlich, Stress zu haben!"

Das Bildhafte und Erzählerische spielt in Kaija Saariahos Kompositionen eine große Rolle - obgleich sie mit Titeln wie "Lichtbogen", "Changing light" oder "Laterna Magica" keinesfalls eine Programmmusik verfolgt. Sie lässt sich davon eher atmosphärisch inspirieren:

"Es hilft mir dabei, mein Material zu entwickeln. Bei "Orion" zum Beispiel habe ich mich mit den Sternen und ihrer Beziehung zueinander beschäftigt - das war der Ausgangspunkt, von dem aus ich mein abstraktes Musikmaterial erarbeitet habe. Für mich ist ein Titel sehr wichtig: Denn ich möchte eine persönliche musikalische Form in meiner Musik finden."

In dem großangelegten Orchesterstück "Orion" war es dann nicht nur das Sternenbild, das Kaija Saariaho anregte: Den dritten, eher scherzohaften Satz hat sie hörbar dem übereifrigen Jäger und Göttersohn Orion gewidmet:

"Ich fühlte, dass ich energetische Musik schreiben musste, die nicht ärgerlich oder nervös klingt, sondern freudig. Und da ich Orion als Metapher benutzte, habe ich ihn hier wie einen jungen Gott über den Himmel jagen lassen. Darum hört man es hier auch donnern. Und mit diesem Bild in meinem Kopf habe ich dann eine eher freudige, jugendliche Energie kreiert."

Inspirationsquellen sind für Kaija Saariaho häufig die Natur, aber auch die Wissenschaft und Technik. Daher empfindet sie es auch nicht als Widerspruch, Naturgeräusche, die an Vogelgezwitscher oder Brandungswellen erinnern, am Computer und Synthesizer zu erschaffen und als Samples zuzuspielen. Letztlich hat Kaija Saariaho gerade mit der Verknüpfung dieser Klangwelten hypnotische, lichte Werke geschaffen, in denen mühelos gelingt, was sie erreichen will - nämlich "tief in das Geheimnis der menschlichen Existenz einzudringen".

Kaija Saariaho beim Rheingau-Musikfestival

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