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Religionen / Archiv | Beitrag vom 26.06.2010

Wenn Menschen konvertieren

Zu Besuch bei zwei gläubigen Damen

Von Annegret Kunkel

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Welche Glaubensrichtung die richtige ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)
Welche Glaubensrichtung die richtige ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)

Lore Hahn und Elenore Mack haben die Kirchenzugehörigkeit gewechselt. Lore Hahn wurde Katholikin, Elenore Mack Protestantin. Zwar sind die Frauen in entgegensetzte Glaubensrichtungen konvertiert, dennoch vereint sie vieles - auch ihr Grund für den Wechsel.

Lore Hahn: "Wissen Sie, Glaube wächst, und der ist von Kindheit über Erwachsenwerden zum Erwachsensein so gewachsen. Und da gibt es dann auch Erfahrungen im Glauben. Und wenn ich jetzt Bibel lese oder Psalmen bete, dann merke ich, dass das heute noch viel ruhiger ist und ich mich dem viel gelassener hingeben kann. Das ist wie bei Wein. Junger Wein, der ist feurig, und alter Wein, der ist füllig und hat Geschmack, und so ist das auch beim Glauben."

Elenore Mack: "Ich kann das Gottesbild nicht umreißen in einem Satz. Ich kann nur sagen, es ist etwas. Ich würde es als Schicksal bezeichnen, gottgegeben sag ich schon manchmal, ich nehme das Leben an."

Eleonore Mack und Lore Hahn haben etwas gefunden, genau das Gleiche und zugleich ganz anders. Die beiden kennen sich nicht und könnten unterschiedlicher nicht sein. Beide sind konvertiert – aber jeweils in die andere Richtung. Eleonore Mack, die frischgebackene Protestantin, sitzt am riesigen Schreibtisch ihrer Berliner Altbauwohnung und erzählt von ihrer katholischen Jugend. Sie ist Anfang 50, jugendlich, trägt kurze blonde Wuschelhaare und ein enges T-Shirt über der femininen Figur.

Mack: "Ich habe es kaum erwarten können, auch zur Kommunion gehen zu dürfen, meine Schwester ist zwei Jahre älter, und bin schon mal heimlich mitgegangen, weil ich das ganz toll fand, dass man da was kriegt, und dann hab ich gesehen, wie die das machen, sind wieder in die Reihen zurück, haben irgendwas gemurmelt, haben ganz klug und brav geguckt, das hab ich dann auch nachgemacht, als meine Schwester mal krank war, bin ich heimlich zur Kommunion. Das fand ich ganz spannend."

Schön fand es auch Lore Hahn, damals, als sie noch evangelisch war. Die pensionierte Geschäftsfrau und frischgebackene Katholikin ist eine zierliche und vornehme Erscheinung. Sie trägt eine gebügelte Bluse und sitzt sehr aufrecht im Sessel ihres gepflegten Wohnzimmers, in ihrem Reihenhaus im Grünen, am Rand der Stadt. Sie hat vier Kinder und neun Enkel und lebt seit dem Tod ihres Mannes allein, und zum Gottesdienst geht sie mindestens einmal pro Woche. Das war schon immer so.

Hahn: "Ich bin in einem sehr gläubigen Elternhaus groß geworden und komme aus der Hochburg der Lutheraner. Noch zu einer Zeit, wo es gutbürgerlich war, sonntags mit dem Gesangbuch unter dem Arm in die Kirche zu gehen. Aber bei uns war das nicht nur Äußeres, sondern es war auch gelebtes Christentum ..."

Und trotzdem haben die zwei gläubigen Damen, die vornehme und die lässige, ihre Kirche verlassen. Die eine wurde rebellisch, die andere still, und nach langer Suche wechselten beide die Seiten – in die jeweils andere Richtung. Der evangelische Pfarrer Klaus-Heinrich Kanstein kennt solche Geschichten. Er ist seit 1962 Pfarrer, arbeitet seit zehn Jahren in der Kircheneintrittsstelle in Berlin und hat schon viele Konvertiten aufgenommen.

"Ich lasse jeden rein. Und in der Regel ist es so, dass, wenn jemand zu einer Kircheneintrittsstelle kommt, ein langer Prozess vorausgegangen ist. Ein Lösungsprozess aus der alten Kirche, der manchmal dramatisch ist und oft so dramatische Ansatzpunkte hat: Da hab ich mich geärgert über. Das kann ganz unterschiedlich sein. Neulich ist mir jemand begegnet, der erschüttert war von einem Todesfall her. Und gesagt hat, jetzt muss ich doch was machen."

Und natürlich kennt auch der promovierte Theologe Pater Bernhard Heindl von der Katholischen Glaubensinformation in Berlin jede Menge Geschichten. Nur eben umgekehrt. Er lässt zwar auch jeden rein, aber das kann dauern. Zuweilen erstrecken sich die vorbereitenden Gespräche für eine Konversion über ein ganzes Jahr. Das kann im Vieraugengespräch geschehen oder in einem der Glaubenskurse, die die katholische Kirche anbietet.

"Wenn jemand zu mir kommt und katholische Kirche über den roten Klee lobt, gewissermaßen durch eine rosa Brille sieht und an seiner eigenen Kirche alles pechschwarz ist, dann versuche ich auszugleichen, was glaube ich einfach fair und ehrlich ist, einfach zu sagen, auch in der katholischen Kirche gibt es genug, wo man sich ärgern kann und was nicht perfekt läuft, jetzt nehmen sie sich doch die Zeit und gucken genau hin. Weil ich seh darin eine Lebensentscheidung, ich will da keine ständigen Wechsel unterstützen."

Ein Konvertit, erzählen beide, Pfarrer Kanstein und Pater Heindl, durchläuft meist verschiedene Stadien. Zuerst kommt oft die Enttäuschung über die eigene Kirche, das Gefühl der geistlichen Heimatlosigkeit. Dann kommt der Abschied, dann der oftmals euphorische Neubeginn. Und dann kommt die Innigkeit. Bei Eleonore Mack dauerte das eine ganze Weile.

"So zwischen 25 und 28, da hatte ich einen Aufkleber am Kühlschrank in meiner ersten Wohnung: Ich bin Atheist, Gott sei Dank, das fand ich ganz komisch und hab das ganz stolz immer gezeigt, ist ja ein Paradoxon, aber ich fand das ganz passend. Hatte auch keine Gesprächspartner, was Glauben betrifft, denn meine Altersgenossen waren alle hart gegen die Kirche und den Glauben überhaupt."

Auch bei Lore Hahn ging der Konversion ein langes Ringen voraus. Nach dem Tod ihres Mannes fühlte sie sich allein. Bis dahin hatte sie ihren Glauben mit ihrem Mann geteilt. Aber plötzlich war da niemand mehr, nicht mehr in ihrer evangelischen Gemeinde.

"Und bin verstärkt dann zur katholischen Messe gegangen, und mir kamen jedes Mal fast die Tränen, dass ich nicht mir zur Eucharistie gehen konnte, nicht mit zum Abendmahl, und da reifte das doch in mir, dass ich mich völlig haltlos fand."

Mack: "Etwa vor zwei Jahren hatte ich eine sehr große Krise, gesundheitlich, finanziell, beruflich, und das hat mich sehr runtergezogen und am Leben zweifeln lassen, ich bin auch damals nicht in die Kirche gegangen und hab gebetet, ich hab nur für mich das Gefühl gehabt, ich komm da wieder raus, ich hatte nur das Gefühl von irgendwas Tiefem, ich weiß nicht, ob das schon religiös war, das Gefühl von etwas Demutsvollem, dass ich leben kann, dass ich leben darf und eine Lebenszuversicht hat sich eingestellt."

Zurück in den Katholizismus wollte Eleonore Mack aber nicht mehr. In ihrem Freundeskreis, erzählt sie, kenne sie niemanden, der einen positiven katholischen Eindruck bei ihr hinterlassen habe.

"Es ist mehr ein Bauchgefühl als ein Aufzählen von Kriterien, die in der Differenzierung zwischen katholisch und evangelisch eine Rolle spielen, die evangelische Kirche ist mehr als die katholische Kirche bereit, in meiner Wahrnehmung, das, was ich als das reale Leben bezeichnen würde, in den Glauben einfließen zu lassen. Da ist weniger Dogmatismus, da ist mehr das Wahrnehmen, wie die Welt ist."

Und genau das war es, was Lore Hahn wiederum an der evangelischen Kirche so störte.

"Es wird immer weniger von Gott und von Jesus Christus gesprochen, und die Alltäglichkeiten rücken in den Mittelpunkt. Wenn ich in die Kirche gehe, dann gehe ich dahin, um Gott anzubeten, und nicht, um aktuelle politische Ereignisse zu diskutieren ... Die Ordnung im Dienst, in dem Gottesdienst, führt zur Ruhe, und in der Ruhe findet man Jesus Christus, und wenn Turbulenzen sind und immer wieder experimentiert wird, wird man aus dieser Verbindung immer wieder herausgerissen."

Zunächst aber bedeutet Konversion erst einmal Neuordnung und Umordnung. Für den zum Katholizismus konvertierten Protestanten gibt es plötzlich eine verbindliche Stelle, die in wichtigen Glaubens- und Lebensfragen eine Meinung vorgibt und sagt: Das sehen wir jetzt so. Es gibt den Papst, und scheiden lassen kann man sich auch nicht mehr. Pater Heindl weiß um die Konflikte, die ein zum Katholizismus konvertierender Protestant durchläuft.

"Das ist eine große Reibungsfläche. Wobei da sich ja auch viele Katholiken dran reiben. Und man darf sich ja auch dran reiben. Die Vorgabe ist ja nicht so, dass man sofort Ja und Amen sagt, sondern dass sie mir auch hilft, meine eigene Position zu klären. Aber da knirscht es manchmal deutlich, dass die Menschen, die zu mir kommen und Protestanten waren und sagen, wie es dann mit dem Papst wird, da muss ich noch mal gucken. Oder da bin ich mir noch nicht ganz so sicher."

Der Katholik, der Protestant werden möchte, kann sich hingegen auf einmal nicht mehr an einer festen Hierarchie orientieren, sondern soll selbst Verantwortung tragen für das Weiterleben der Kirche. Und beichten kann er auch nicht mehr. Das gefällt nicht jedem, meint Pfarrer Kanstein.

"Sie wissen, in der protestantischen Tradition ist es so, dass wir sagen, Gott wirkt in der Kirche durch seinen Geist, und alle, die Christen sind, tragen gemeinsam die Verantwortung für diese Kirche und für das Weiterleben dieser Kirche. Und das heißt, jeder Einzelne wird in einer ungeheuren Weise ernst genommen. Das hat Vor- und das hat Nachteile. Und es wird sicher eine ganze Menge Menschen geben, die dann sagen, ach ja, das wird mir zu viel. Da bin ich eher zu Hause in der römisch-katholischen Kirche."

Zunächst ist die Konversion aber ein rein bürokratischer Akt. Man kann eben nur Mitglied einer einzigen Kirche sein, und das bedeutet, man muss die alte verlassen, also zum Amtsgericht gehen und seinen Austritt erklären. Dann erst ist der Weg in die neue Kirche frei. Bis dahin lebt der Konvertit in einer Zwischenwelt und gehört nirgendwo so richtig hin. Lore Hahn erinnert sich noch gut an diese Phase.

"Und man bekommt dann seine Urkunde und ist dann eigentlich vogelfrei, und das ist ein fürchterlicher Zustand für einen, der sich immer in der Kirche bewegt hat und plötzlich nichts mehr ist. Wenn dann diese Konversion geschehen ist, dann ist das ein gewisser Halt. Aber ich muss sagen, es ist auch eine Freude, dass man nun dazu gehört."

Mack: "Und dann bin ich am Montag dann zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, hatte schon ein bisschen Herzklopfen, stand eine Minute im Gang, hab gesehen, dass da viele Obdachlose und Alkoholbetreuung und Kurse und Gruppen stattfinden, und dann kam ein Mann aus der Tür des Beratungsraums in den Raum und fragte: Wollen Sie in die Kirche eintreten, und ich sagte ja. Ich war ein bisschen enttäuscht. Ich hatte mir ein Gespräch erhofft. Ich hatte mir erhofft, dass man einmal die Frage stellt, warum ich das machen will, damit hätte ich mich gerne auseinandergesetzt."

Und das ist etwas, das wohl bezeichnend für alle Konvertiten ist, die es ernst meinen: Der Glaube ist zu einem bewussten Akt geworden, und die Welt der neuen Kirche ist eine, an die einen keine alten Gewohnheiten, keine Kindheitserinnerungen und keine verinnerlichten Regeln binden. Die Welt der neuen Kirche ist eine neue Welt, nicht gewachsen, sondern gewählt. Und der, der Sie betritt, hat bereits eine lange Geschichte des Zweifelns hinter sich.

Kanstein: "Und zu dieser Geschichte gehört nun mal auch ein deutliches Nein. Und der geht mit so was anders um als jemand, der dieses Nein nicht hinter sich hat. Vielleicht gibt es auch das noch, ich glaube, das war früher stärker, jene Leute, die gesagt haben, also konvertiert, das ist ja richtig fanatisch. Der fanatische Protestant oder der fanatische Katholik. Ich weiß nicht, ob es das heute noch gibt, da hab ich so meine Fragen."

Heindl: Also was mich immer wieder beeindruckt, ist die Ernsthaftigkeit und Entschiedenheit, mit der Konvertiten oder Konversionswillige zu mir kommen, in einer Zeit, wo Entscheidungen schwer fallen und man die lieber vermeidet, kommen die und sagen, ich möchte da etwas ändern und muss mich jetzt auf was Neues einlassen und orientieren.

Kanstein: "Der Hintergrund ist doch, dass wir in der gesamtlichen christlichen Kirche in verschiedenen Kirchen Heimat haben. Der eine hatte sie in seiner Herkunftskirche verloren oder nie gefunden und findet sie in einer anderen Kirche. Damit wird dann der Kircheneintritt Eintritt und nicht Trennung."

Heindl: "Ich persönlich würde jetzt sagen, die Zeiten, wo wir uns konfessionell abgrenzten und in dem anderen je nachdem den Antichristen sahen, sind ja Gott sei Dank vorbei und überwunden."

Kanstein: "So möge er dann in Gottes Namen und mit Seinem Segen gehen."

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