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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.09.2012

"Wenn man ins Exil geht, verliert man fast alles"

Der rumänische Schriftsteller Norman Manea über sein Leben in den USA und sein neues Buch "Höhle"

Norman Manea im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Norman Manea ist Autor des Buches "Die Höhle".  (dpa / picture alliance / Toni Garriga)
Norman Manea ist Autor des Buches "Die Höhle". (dpa / picture alliance / Toni Garriga)

Norman Manea lebt seit den Achtzigerjahren in den USA. Sein neuestes Buch handelt von mehreren Rumänen, die sich im New Yorker Exil "verkrochen" haben. Seine eigene "Höhle" sei das Buch, das ein "Schutz gegen die Außenwelt" und gegen die "Aggression des Täglichen" sei, sagt der Schriftsteller.

Liane von Billerbeck: Wenn es nach seinem Freund, dem Schriftsteller Philip Roth, ginge, dann müsste er längst den Literaturnobelpreis haben! Norman Manea, einer der bekanntesten rumänischen Schriftsteller, der schon seit Mitte der Achtziger in den USA lebt und dessen neustes Buch, "Die Höhle", kürzlich auf Deutsch erschienen, sich auch genau mit Menschen wie ihm befasst: Mit dem Leben und den Folgen des Exils für diejenigen, die zwar dem Ceausescu-Regime in Rumänien vor dem Mauerfall entkommen sind, die aber bis heute mit dessen Folgen zu tun haben. Norman Manea ist mein Gast, herzlich willkommen!

Norman Manea: Vielen Dank!

von Billerbeck: Ihr Roman "Die Höhle" ist jetzt bei Hanser erschienen. In solche Höhlen haben sich mehrere Rumänen in New York im Exil verkrochen. Die einen ganz direkt, in eine Hütte, der andere in eine esoterische Welt. Was ist Ihre Höhle?

Manea: Meine Höhle ist, glaube ich, das Buch. Dort finde ich so einen Schutz gegen die Außenwelt, gegen diese Aggression des Täglichen. Und was ich in diesem Buch besonders akzentuieren wollte, war diese sogenannte andere Genealogie, die kulturelle Genealogie, die Genealogie, die nicht verbunden ist zu unserer Familie unbedingt oder nur, sondern zu Büchern, zur Kultur und so weiter.

Wenn man ins Exil geht, verliert man fast alles, aber was man in den Regalen in einer Bibliothek sieht, sind die Autoren, die man geliebt hat im alten Land. Und die sind hier doch auch. Auch wenn in einer anderen Sprache, aber die sind hier zur Verfügung. Also, man findet etwas, das familiär ist, wenn man so sagen kann. Und es gibt auch einen sehr schnellen Dialog dort, wo einer den anderen anruft telefonisch, und ihn fragt, wo bist du jetzt, bist du in der Höhle? Und er sagt ja, ich bin im Buch. Also, das war die Absicht.

von Billerbeck: Dieses Buch spielt einerseits in der Realität und andererseits ist es aber auch fantastisch. Wie wichtig ist die Fantasie für einen rumänischen Schriftsteller und seine Landsleute im Exil?

Manea: Ich glaube, es ist vielleicht wichtig, weil es, man kann so sagen, eine Kompensation ist zur Realität. Und diese Leute, die das Land verloren haben, die Sprache, die Freunde und allgemein die Biografie, suchen nach einem neuen Ausgleich. Und die Leute, die so tief mit der Kultur verbunden waren, die suchen das auch wieder in der Kultur, in der neuen und alten Kultur. Die Freude ist dort, aber es gibt auch eine Gefahr.

Und es gibt den Moment im Buch, 9/11, dieses große Attentat in New York, und der Mann, der über dieses Geschehen denkt, sagt, diese Terroristen sind doch sehr dumm, denn die wollten diese Welt zerstreuen und vernichten, die sollten die Bibliothek bombardieren! Dort ist alles, nicht im Trade-Zentrum! Das ist etwas sehr Vulgäres, Kommerz, Geld, alle diese verrückten täglichen Sachen! In der Bibliothek ist alles: Es ist auch Kommerz, es ist auch Literatur, es ist auch Kunst, es ist auch Ökonomie, alles ist dort, Religion und so weiter. Also, es gibt diese Obsession, diese stabile, sagen wir so, Erinnerung an Büchern und an Kultur.

von Billerbeck: Nun haben Sie gesagt, das Exil nimmt einem fast alles. Ihre Hauptfigur beschreibt auch ziemlich am Anfang des Buches, dass immer der Traum von der Zukunft da war und das Denken an die Vergangenheit, und plötzlich ist man nur noch in der Gegenwart. Was gibt einem denn das Exil?

Manea: Es nimmt fast alles weg, aber es gibt auch vieles, glaube ich. Es ist eine wunderbare pädagogische Erfahrung. Weil, man ist im Unbekannten, und man ist gezwungen, dieses Unbekannte zu verstehen, zu bedanken, zu debattieren. Und es ist nicht das Unbekannte ringsherum, es ist auch das Unbekannte in uns selbst.

Und der Mann, die Frau, die diese gespannte und tiefe Erfahrung hat, ist gezwungen, sein Leben wieder zu holen und wieder zu debattieren und immer zu fragen, war ich richtig, wie ich bis jetzt gedankt habe, und ist diese neue Realität wichtiger, schöner, zivilisierter und so weiter? Also, es ist nicht nur ein Verlust, es ist auch, glaube ich, eine große Chance, sich zu konfrontieren mit einer anderen Welt. Und eine andere Welt ist auch in uns selbst

von Billerbeck: Aber nun waren Sie schon 50! Es ist ja was anderes, wenn man als Kind oder als Jugendlicher ins Exil geht und quasi ganz neu anfängt, ganz viel Kraft hat, ganz optimistisch ist.

Manea: Ja, absolut.

von Billerbeck: Das kennen wir ja von vielen Exilanten, die in jungen Jahren ins Ausland gegangen sind. Sie sind ja ein Jude aus der Bukowina, haben Deutsch gelernt, sind in ein Lager deportiert worden mit Ihrer Familie, die Großeltern haben es nicht überlebt. Dann kam der Sozialismus nach dem Krieg, der hat Sie relativ schnell entzaubert.

Sie haben dann erlebt, wie Rumänien immer nationalistischer und antisemitischer wurde, haben das auch kritisiert, wurden zum Staatsfeind, und dann sind Sie ins Exil gegangen mit 50 Jahren. Das ist ja eigentlich ein Alter, wo man ...

Manea: Ich war sehr, also, ich war sehr jung! Weil, jetzt bin ich älter! Ja, es war schwierig ...

von Billerbeck: Aber es ist doch schwerer mit 50, als als junger Mann zu gehen?

Manea: Es war sehr schwierig, und es war auch sehr schwierig, weil ich überhaupt keine englische Sprache gehabt habe. Ich konnte, wie Sie sehen, ein bisschen Deutsch, nicht sehr viel, ich habe Französisch im Lyzeum gelernt, aber ich habe überhaupt kein Englisch gehabt.

Das war sehr, sehr kompliziert und schwierig. Man gewöhnt sich am Ende an alles. Und wie Sie sehen, ich bin hier! Also, ich habe auch das überlebt, ich habe Amerika das beste Hotel in der Welt genannt. Hotel ist nicht etwas Persönliches ...

von Billerbeck: Hotel ist auch nicht Heimat.

Manea: ... ist überhaupt nicht Heimat, aber es ist ein Platz, wo man leben kann, wo das Wasser funktioniert und das Telefon funktioniert, und die Quittung ist korrekt. Und, also, es gibt kein Gefühl dort, aber es gibt eine Stelle, wo man doch leben kann oder überleben. Es ist doch besonders in unserer Zeit eine ganz besondere und doch mehr und mehr gewöhnliche Erfahrung. Viele Leute gehen ins Exil, weil sie gezwungen sind oder weil sie einen anderen Ort wählen. Und das macht diesen Zustand, der nicht normal ist, es macht diesen Zustand mehr normal.

von Billerbeck: Als ich Ihr Buch in die Hand bekam, also die deutsche Ausgabe von Ihrem neuen Roman "Die Höhle", da war ich fast erleichtert, dass da stand, er ist aus dem Rumänischen übersetzt und nicht aus dem Englischen.

Manea: Ja.

von Billerbeck: Sie haben ja viele Kollegen in den USA, die auch ins Exil gegangen sind, rumänische Landsleute, und Sie sprechen an einer Stelle Ihres Buches auch von der Krankheit des Misstrauens unter den rumänischen Exilanten, die doch eigentlich in Sicherheit sind, möchte man meinen. Warum reicht dieses Misstrauen aus der Vergangenheit so weit in die Gegenwart?

Manea: Es geschieht nicht nur im Exil, es geschieht auch in Rumänien.

von Billerbeck: Aber da wundert es einen ja nicht. Also, im Exil wundert es einen.

Manea: Es wundert jemand, der Rumänien nicht kennt. Aber wer Rumänien gut kennt und dort gelebt hat, weiß, dass es fast eine tägliche Krankheit dort ist. Eine alte und aber auch eine neue. Und es dauert viel, bis man diese Sache lösen kann.

von Billerbeck: Das haben wir in Deutschland ja auch erlebt unter den rumänischen Intellektuellen: Als es einen Verdacht gegen Oskar Pastior gab, brach wieder eine große Debatte los ...

Manea: Aber ich weiß nicht, ob es nur ein Verdacht war: Am Ende hat man gesehen, dass etwas wahr ist dort. Man weiß nie, ob es wirklich die Wahrheit ist oder eine Manipulation, auch der Geheimdienst oder man weiß nicht. Immer ist man verdächtig und man denkt, ist es wahr, ist es nicht wahr. Und das ist der Zustand.

von Billerbeck: Das heißt, dieses Ceausescu-Regime und dessen Folgen liegen immer noch so wie Blei auf den Seelen?

Manea: Ja. Ja, es ist noch deutlich dort.

von Billerbeck: Sie waren im vorigen Jahr für einen Dokumentarfilm in Rumänien, haben in diesem Jahr einen Aufruf unterschrieben, mit dem Sie dagegen protestiert haben, dass das rumänische Kulturinstitut, da der herrschenden Politik quasi unterstellt wird gemeinsam mit anderen rumänischen Intellektuellen ... Wird Ihr Protest ernst genommen?

Manea: Sie sollen nicht mich das fragen, Sie sollen diese Leute, die Behörde fragen. Ich glaube nicht. Was in den letzten Monaten in Rumänien geschehen ist, ist sehr, sehr peinlich. Und diese Maßnahmen im Kulturinstitut waren sehr, sehr dumm, muss ich sagen, weil diese Institute sehr, sehr erfolgreich waren. Die haben sehr gut gearbeitet, ich habe die kennengelernt in New York, Madrid, in London, in Istanbul. Die waren sehr, sehr gute und tätige Leute, die haben sehr professionell gearbeitet, und die haben einen großen Erfolg für die rumänische Kultur gehabt. Und es war ...

von Billerbeck: Das heißt, man schneidet sich ins eigene Fleisch?

Manea: Exakt, exakt. Und man geht zurück, ich weiß nicht, zu was, aber es war sehr, sehr dumm und peinlich. Und ob dieser Protest eine Wirkung hat, kann ich mich fragen.

von Billerbeck: Norman Manea ist bei uns zu Gast. Das Buch des in den USA lebenden Rumänen ist jetzt auch auf Deutsch bei Hanser erschienen. "Die Höhle" heißt der Roman, sehr empfehlenswert. Herr Manea, ganz herzlichen Dank für Ihr Kommen!

Manea: Es war ein großer Moment zwischen uns, freue mich sehr!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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