Wenn Gedanken und Geist unterdrückt werden

Wolfgang Benz © picture alliance / dpa / Robert Fishman
Moderation: Ute Welty · 10.05.2013
Vor 80 Jahren ließen die Nationalsozialisten die Bücher "undeutscher" Autoren in Flammen aufgehen. Auch heute noch würden in verschiedenen Teilen der Welt Künstler und Intellektuelle unterdrückt, sagt der Berliner Historiker Wolfgang Benz.
Ute Welty: Karl Marx, Heinrich Mann, Erich Kästner – das sind nur drei der vielen Autoren, deren Bücher den Flammen zum Opfer fielen. Heute, am 80. Jahrestag der nationalsozialistischen Bücherverbrennung, erinnern wir den ganzen Tag lang hier in Deutschlandradio Kultur an diese Aktion gegen den "undeutschen Geist", der von vielen Professoren und Studenten damals beklatscht wurde. Mit dieser Reaktion hat sich der Historiker Wolfgang Benz genauso beschäftigt wie mit der hohen Symbolkraft der Ereignisse von 1933. Guten Morgen, Herr Benz!

Wolfgang Benz: Guten Morgen!

Welty: Wir konzentrieren uns auf diesen Tag, auf diesen 10. Mai 1933. Sie aber haben recherchiert, dass es sehr wohl Verbrennungen vorher wie hinterher gab, in Österreich eben dann auch erst nach dem sogenannten Anschluss. Greift da das kollektive Gedächtnis zu kurz?

Benz: Wahrscheinlich schon. Wenn man sich nur auf dieses eine Ereignis konzentriert, dann vergisst man, dass das Verbrennen von Büchern, also das Vernichten von unerwünschten Gedanken, eine ganz, ganz lange Tradition hat, dass das in der Renaissance verbreitet war, dass das unmittelbare Vorbild das Wartburgfest der Studenten Anfang des 19. Jahrhunderts war, und dass es immer noch und immer wieder Bücherverbrennungen gibt.

Welty: Es gab 1933 eine Liste der zu verbrennenden Bücher von bestimmten Autoren. Wurde die überall gleichermaßen, ich sage mal, abgearbeitet?

Benz: Nein. Thomas Mann zum Beispiel wurde irgendwo nicht verbrannt, weil der Rektor sagte: Alles andere dürft ihr vernichten, aber nicht Thomas Mann. Da war vieles auch dem Zufall überlassen. Die systematische Verbannung der Literatur und der Wissenschaft begann erst nach diesem symbolischen Auftakt, als jetzt nach genauen Listen die Bibliotheken geräumt wurden. Der 10. Mai und seine Vorgänger- und Nachfolgeveranstaltungen im Laufe des Jahres 1933, das war das öffentliche Signal. Da hat man zum Teil auch willkürlich Sachen verbrannt. Aber die staatlich verordnete Säuberung, was nicht mehr in den Bibliotheken sein darf, worüber nicht mehr gelehrt werden darf, das begann dann anschließend.

Welty: Sie sprechen von der Bücherverbrennung als einem deutschlandweiten Verbrechen mit einigen Ausnahmen wie zum Beispiel Tübingen und Freiburg. Warum ausgerechnet wurden dort keine Bücher verbrannt?

Benz: Das zeigt uns auch den Ermessensspielraum, den Universitäten, den Rektoren immer noch hatten – im Mai 1933 war Deutschland ja noch keine geschlossene und hermetische Diktatur. Und die Aktion wider den "undeutschen Geist", wie diese Bücherverbrennung ja genannt wurde, war eine studentische Initiative, die war nicht vom Propagandaministerium von oben herab befohlen. Es konnte also ein Universitätsrektor durchaus sagen: Bei uns wird eine solche Barbarei nicht stattfinden. Davon haben mindestens diese württembergische und diese badische Universität, also Tübingen und Freiburg, Gebrauch gemacht. Es war wie bei so vielem der vorauseilende Gehorsam, der Jubel über die Ideologie des Nationalsozialismus, der die Sache bewegt hat, und genau das sollte uns wohl auch heute, wenn wir daran zurückdenken, zu denken geben.

Welty: Sie sagen auch, der Tag der Bücherverbrennung war der Tag, als Deutschland den Anschluss an die Weltliteratur aufgab. Würden Sie sagen, dass Deutschland inzwischen das Versäumte hat aufholen können?

Benz: Ja, in einem ziemlich mühsamen Prozess, der dann unmittelbar 1945 begann. Während der Besatzungszeit wurde nicht zuletzt dank amerikanischer, britischer und russischer sowie französischer Anstrengungen allmählich der Anschluss an die Weltliteratur wieder gewonnen, und man muss immer dazu denken, auch der Anschluss an die Wissenschaft der Welt.

Welty: Es gibt diesen Reflex, vor allem an die Belletristik zu denken, die verbrannt wurde. War der Verlust an Sachbuch und an Wissen nachhaltiger vielleicht oder sogar schwerwiegender?

Benz: Ja, sicherlich war der in vielem nachhaltiger. Die Belletristik, die in den Privathaushalten vorhanden war, die war ja der Vernichtung entzogen, und bestimmte Dichter, das wird dann unter der Hand auch weitergegeben. Das wird selbstverständlich weiter gelesen. Wenn aber eine Wissenschaftsdisziplin wie die Psychoanalyse jetzt vollständig und grundsätzlich unterdrückt wird, also symbolisch mit den Schriften von Sigmund Freud, tatsächlich wird dieser ganze Wissenschaftszweig stillgelegt und nirgendwo mehr gelehrt, da werden keine Psychoanalytiker ausgebildet, dann ist das ein ganz schwerer Verlust, der jahrzehntelang nach dem Ende der Diktatur noch seinen Nachhall hatte.

Welty: Heute Abend sind Sie unter anderem zu Gast in der Berliner Akademie der Künste, da diskutiert der Historiker und ehemalige Leiter für Antisemitismusforschung dann auch mit Sebastian Krummbiegel, dem Sänger der Prinzen. Was haben Sie sich zu sagen?

Benz: Ich denke, wir haben uns viel zu sagen. Mein Anliegen ist es ja, nicht an ein historisches Ereignis, das 80 Jahre zurückliegt, zu erinnern, und dass wir uns dann im Wohlgefühl der Tatsache, dass wir heute aufgeklärt sind, dass heute keine Bücher brennen, dass das auch nicht so unbedingt denkbar ist, dass wir uns doch über andere Formen der Unterdrückung und Vernichtung von Gedanken, von Büchern, von Geist verständigen müssen.

Alle Augenblicke in unseren Tagen passiert Ähnliches, das hat nur nicht diese Symbolkraft: Wenn ein iranischer Filmemacher mit der Justiz seines Heimatlandes in Konflikt kommt, weil er bei der Berlinale einen Preis für einen Film bekommen hat; wenn ein türkischer Pianist wegen kritischer Bemerkungen einen Prozess bekommt; wenn chinesische Künstler, die Weltrang haben, in ihrem Heimatland unter Hausarrest gestellt oder ins Gefängnis gesteckt werden, weil sie eine unerwünschte Kunst machen, weil sie im Westen anerkannt sind, dann sind das Ereignisse, die gleichbedeutend sind, nur mit weniger öffentlichem Aufruhr inszeniert sind als die Bücherverbrennung. Also ich will auf die Aktualität des Ereignisses Bücherverbrennung aufmerksam machen.

Welty: Der Historiker Wolfgang Benz im Interview der "Ortszeit" am 80. Jahrestag der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten. Ich danke Ihnen und ich wünsche eine schöne Veranstaltung und eine interessante Veranstaltung heute Abend!

Benz: Danke sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Programmhinweis:
Im Deutschlandradio Kultur wollen wir zum Jahrestag der Bücherverbrennung an vergessene Autoren erinnern in unserem Schwerpunkt Verbrannte Bücher, vergessene Autoren.
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