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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.07.2011

Wenn Fashion-Victims auf Werber treffen

William Gibson: "System Neustart", Tropen bei Klett-Cotta, Stuttgart 2011, 492 Seiten

Models auf dem Laufsteg der Fashion-Week in Berlin (dapd)
Models auf dem Laufsteg der Fashion-Week in Berlin (dapd)

Es geht um Mode und Werbung, Überwachung und Kontrolle: Wenn Gegenwartsromane immer auch Verständnishilfen sind für die Zeit, in der wir leben, dann ist Gibsons "System Neustart" die Auslegungsfibel für die Epoche des Marketings.

Wenn Gegenwartsromane immer auch Verständnishilfen sind für die Zeit, in der wir leben, dann ist William Gibsons "System Neustart" die Auslegungsfibel für die Epoche des Marketings. Aber schreibt der nach Kanada emigrierte US-Autor nicht eigentlich Science-Fiction-Texte? War er nicht der Namensgeber der virtuellen Welt, als er in seinem Debüt von 1984 den Begriff "Cyberspace" lancierte?

Stimmt, aber wenn sich die Zukunft immer schneller ins Präsens verwandelt, wird Science-Fiction im klassischen Sinne, verstanden als Vision und Mahnung, obsolet. Spätestens seit dem Roman "Mustererkennung", mit dem die sogenannte Bigend-Trilogie, benannt nach einer der Hauptfiguren, anhebt und die "Systemneustart" nun beschließt, ist die Prognostik zur Diagnostik geworden. Für den vorliegenden Roman heißt das: ein dichtes Erzählwerk, das um die Sujets Mode und Werbung, Überwachung und Kontrolle geknüpft ist.

Es treten auf: ein Werbemogul namens Hubertus Bigend (er war schon in den beiden Vorgängerromanen der Drahtzieher diverser Verschwörungen und Projekte), eine Rockdiva namens Hollis Henry, der ehemalige Junkie und meisterhafte Russisch-Übersetzer Milgrim. Und dazu ein weiteres Dutzend Dunkelmänner und Lebedamen, Technologie-Freaks und Modeopfer, Internet-Zampanos und Polithasardeure. Sie alle machen Jagd auf eine Jeans der ominösen Marke "Gabriel Hounds". Deren Designerin ist abgetaucht, die Hosen werden unter der Hand, bei konspirativen Treffen verkauft.

Im Schnittmuster dieses Kleidungsstücks liegt die Lösung für ein globales Problem: Wer Waren von solcher Qualität produziert, erhält Aufträge des Militärs, der einzige Sektor des Bekleidungsgewerbes, der nicht von der "phantastischen Dysfunktionalität" der Modebranche abhängig ist. Für Bigend ist das Design von "Gabriel Hounds" der Schlüssel zur Eroberung eines Zukunftsmarktes. Schließlich gilt es, "die Semiotik amerikanischer Massenbekleidung neu zu kombinieren".

Kombiniert wird auch thematisch, im Roman: das internationale Fashiongeschäft mit der ständigen Verfügbarkeit von Informationen durch Google und Youtube, das iPhone als Navigationsmaschine und Überwachungsapparat mit den Usancen des Popbusiness (Bigend produziert auch Rockbands). Und immer wieder Spekulationen über Mode als Zeichensystem, woraus sich auch die politischen und sozialen Grundlagen unserer Kultur erschließen lassen.

"Er trug einen Anzug aus einem lichtabsorbierenden Stoff", heißt es von Bigend einmal. "Es wirkte, als hätte er keine Oberfläche. Als fehlte etwas oder führte irgendwo hinein – mit Angora gepaarte Antimaterie." Diese Beschreibungseleganz, aufgepolstert mit dem Stoff medienphilosophischer Kritik, macht "Systemneustart" zu einer exzellenten Gegenwartsanalyse. Dass man sich in der Textur der Story immer mal wieder verheddert – es sind dann doch arg viele Nebenfiguren und Unterplots –, muss man in Kauf nehmen. Es ist wie mit dem feinmaschigen Gewebe unserer medialen Wirklichkeit: Sie ganz zu durchschauen ist unmöglich.

Besprochen von Daniel Haas

William Gibson: System Neustart
Aus dem Amerikanischen von Hannes und Sara Riffel
Tropen bei Klett-Cotta, Stuttgart 2011
492 Seiten, 24,95 Euro

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