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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.10.2008

Wenn die Zeit zum Denken fehlt

Über die Berichterstattung zur US-Präsidentschaftswahl

Von Kerstin Zilm

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Die Journalisten Rosenberg und Feldman setzen sich kritisch mit der US-Berichterstattung auseinander (AP)
Die Journalisten Rosenberg und Feldman setzen sich kritisch mit der US-Berichterstattung auseinander (AP)

Die beiden Journalisten Howard Rosenberg und Charles Feldman malen in ihrem neuen Buch "No Time To Think - The Menace of Media Speed and the 24-hour News Cycle" ein düsteres Bild über die Medien in den USA. Die Berichterstattung über die bevorstehende Präsidentschaftswahl bezeichnen sie als die schlechteste, die es ja gegeben habe.

Der ehemalige CNN-Korrespondent und derzeitige CBS-Radio-Reporter und Medienberater Charles Feldman fällt ein vernichtendes Urteil über die Berichterstattung der US-Medien über den Präsidentschaftswahlkampf zwischen Barack Obama und John McCain: Es ist die schlechteste, die er je erlebt hat.

Feldman: "Die Berichterstattung ist oberflächlich wie nie zuvor, beschäftigt sich mit soviel Unsinn und Nebensächlichkeiten wie nie zuvor, ist besessen von Analysen der Persönlichkeiten - zum Beispiel: "Ist Obama eine Kultfigur" oder "Ist Sarah Palin die frische Brise aus Alaska?" - das hat nichts damit zu tun, wie die USA in den nächsten vier oder acht Jahren regiert wird. Aus meiner Sicht war die Berichterstattung abgrundtief schlecht."

Charles Feldman und Ko-Autor Howard Rosenberg führen den Qualitätsverlust in US-Nachrichtensendungen darauf zurück, dass ihre Produzenten Schnelligkeit um jeden Preis fordern und darauf, dass mit der Einführung von Rund-um-die-Uhr-Nachrichtensendern wie CNN die Definition von Nachrichten verwässert wurde. Howard Rosenberg, Kolumnist und Fernsehkritiker der Los Angeles Times:

"Früher waren Nachrichten all das, was neu war. Es konnte Britney Spears sein, die sich den Zeh stößt. Das ist eine banale Nachricht, aber es ist neu. Aufgabe des Journalisten war es, Prioritäten zu setzen, zu entscheiden, was gesendet oder geschrieben wird und was nicht. Jetzt läuft alles unter dem Begriff Nachrichten."

Weil es nicht ausreichend interessante Neuigkeiten gibt, um Zuhörer und Zuschauer jeden Tag 24 Stunden lang vom Umschalten abzuhalten und Werbekunden zufriedenzustellen - so kritisieren Feldman und Rosenberg -füllen Nachrichtenprogramme Sendezeit mit Spekulationen, Meinungen und Geschwätz.

Im CNN-Studio spekulierten vor den Präsidentschafts-Debatten zeitweise mehr als zehn Gäste gleichzeitig live im Studio darüber, was die Kandidaten sagen werden, sagen müssen und auf keinen Fall sagen dürfen. Während der Debatten konnten CNN-Zuschauer via bunter Linien und Grafiken verfolgen, wie unentschiedene Wähler und die sogenannten Experten im Studio den Auftritt der Kandidaten bewerteten.

Moderator Wolf Blitzer, Leiter des selbst ernannten "besten Nachrichtenteams im Fernsehen" kündigt die neue Errungenschaft der "Schnörkellinien am Fuß Ihres Bildschirms" aufgeregt an.

"Der Nachrichtenwert der Sendung wird durch diese Spielerei nicht erhöht und lenkt vom Inhalt ab", kritisieren Rosenberg und Feldman. Als krassestes Beispiel für gesunkenen Anspruch, relevante Nachrichten zu vermitteln, zitieren sie in ihrem Buch die Frage des Fernseh-Moderator einer republikanischen Präsidentschaftskandidaten-Debatte.

Der fragte: "Was würden Sie tun, um das Image Amerikas in der muslimischen Welt zu verbessern? 90 Sekunden Herr Giuliani, 30 Sekunden für Gegenargumente." Dass für die Mehrzahl der US-Medien Schnelligkeit höhere Priorität hat als Korrektheit und reflektierte Einordnung von Informationen führt aus Sicht der Autoren dazu, dass US-Bürger, obwohl sie zu soviel Nachrichtenquellen Zugang haben wie nie zuvor, laut allen Umfragen auch so schlecht informiert sind über die Ziele der Präsidentschaftskandidaten wie noch nie.

Howard Rosenberg: "Geschwindigkeit ist an sich nichts Schlechtes, wenn es zum Vorteil der Öffentlichkeit ist. Geschwindigkeit ist sehr schlecht, wenn es dazu führt, dass du falsche Informationen raus gibst, weil du dir nicht die Zeit genommen hast, sie zu überprüfen."

Die Autoren sind pessimistisch, was die Entwicklung von Qualitätsjournalismus angeht. Sie fordern, Kindern in der Grundschule beizubringen, wie Medien funktionieren und wie man ihre Informationen bewertet. "Die Berichterstattung wird sich nur ändern, wenn eine Katastrophe passiert", warnt CBS-Nachrichtenreporter Charles Feldman:

"Von Zeit zu Zeit gibt es diese eine Geschichte, die wirklich schlimm ausgehen kann. Falschinformationen haben schon einzelne Leben zerstört. Vielleicht passiert etwas, wenn es eine Stadt betrifft oder eine Nation. Wenn eine fatale Kettenreaktion ausgelöst wird, dann werden Amerikaner sagen: So geht es nicht weiter! Wir müssen etwas ändern!"

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