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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 20.11.2013

Wenn die Alten die Jungen auswandern sehen

Von neuen Chancen und alten Weggefährten

Von Andreas Zecher

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Schon vor Jahren wanderten junge Deutsche in die USA aus, um dort als Wissenschaftler zu forschen. Heute suchen junge Spanier und Portugiesen ihr Glück in Afrika oder Lateinamerika. Und zuweilen bleiben Eltern zurück, die ihre Welt nicht mehr verstehen, wie jener Freund aus Turquant im Loire-Tal, von dem Andreas Zecher erzählt.

Pierre und Marie sind alte Bekannte. Er als Chemie-Ingenieur, sie als Laborantin, arbeiteten beide in einem großen französischen Unternehmen. Das hatte viele Aufträge im Ausland. So kamen sie Mitte der 80er-Jahre auch in die DDR. In der Nähe von Rostock wurde damals ein Stickstoffwerk gebaut. Wir lernten uns am "Brunnen der Lebensfreude" kennen. Ihre Töchter waren etwa im gleichen Alter wie die unseren.

Marie rief vor einigen Wochen an. Sie sei in Sorge um Pierre. Er habe in letzter Zeit viel von uns gesprochen. Wir sollten auf keinen Fall versäumen, auf unserer Frankreich-Tour wieder bei ihnen Station zu machen.

Sein Herz habe verrückt gespielt

Als wir dann nach Turquant ins Loire-Tal kamen, war Pierre bereits aus dem Krankenhaus entlassen. Sein Herz habe verrückt gespielt. Nicht zuletzt auch wegen der Kinder. Die seien fest entschlossen, mit ihren Familien auszuwandern. Zu Weihnachten hätten sie schon ein neues Zuhause in Kanada. Er habe nur noch schwarzgesehen, sich den Ruhestand doch anders vorgestellt, sagte Pierre.

Die Firma hatte ihn und Marie vor ein paar Jahren mit einer ansehnlichen Abfindung in die Rente geschickt. Sie hatten sich davon das schöne Anwesen mit dem Tuffsteinhaus gekauft, es saniert und Gästeappartements eingerichtet. Gedacht für Touristen und natürlich für die große Familie, für die vielen Geburtstagsfeiern und …

Pierre kam ins Stocken. Eure Kinder sind nicht weggegangen. Jetzt gibt es sogar bei Euch im Osten Arbeit und Chancen für junge Familien. Ich nickte. Dann erzählte er davon, was seine Kinder in die Ferne treibe. Die Männer wollen nach Quebec. Sie haben die Arbeitsverträge schon unterschrieben. Aber die Arbeit sei es nicht allein.

In Übersee weht frischer Wind

Frankreich sei verkrustet, habe er zu hören bekommen. Die Aussichten auf ein gutes Leben, die ihn und Marie in den 70er- und 80er-Jahren beflügelten, seien für viele junge Familien verschwunden. Da drüben in Übersee wehe ein frischer Wind. Jean-Jaques, einer der Schwiegersöhne, hat in der französisch sprechenden, kanadischen Provinz studiert.

Im Krankenhaus hatte Pierre dann viel Zeit zum Nachdenken. Der Arzt, der ihm auf die Beine half, sei Marokkaner, die Schwester, die mit ihm Scherze machte, Senegalesin und die Medikamente kommen aus Deutschland, so wie der Rettungswagen, der ihn nach Saumur ins Krankenhaus gebracht hatte.

Ach ja, Saumur. Als Pierre uns vor Jahren durch die berühmte Reitschule, das „Cadre noir“, führte und durch die Kellergewölbe von Gratien und Meyer, wo der köstliche Crémant de Loire lagert, genoss er unser Staunen. Er hatte sich darauf eingerichtet, ein begehrter Gastgeber für Menschen aus aller Welt zu sein, die es zu den berühmten Schlössern zieht, die die großen Weine verkosten und kaufen wollen, die Musik und Spiel  während der unzähligen Festivals im Sommer genießen.

Kinder kehren der Heimat den Rücken

Das habe schon seinen Grund, dass alle Welt nach Frankreich komme, hatte er oftmals gesagt, und nun kehrten die eigenen Kinder der Heimat den Rücken.

Wie François Nau: Er verließ in den 60er-Jahren des 17. Jahrhunderts von heut auf morgen den Ort, um sein Glück in Kanada zu finden. Seine Nachkommenschaft zählt mittlerweile fast 20.000 Personen. Vor einigen Jahren haben die amerikanischen Naus einen Gedenkstein aufstellen lassen und das kleine Winzerdorf Turquant zur Hauptstadt der Welt erklärt.

Damals hatte Pierre darüber gelacht und gesagt, diese Ehre stünde wohl eher Paris zu. Mittlerweile hält er auch das für übertrieben. Für das kommende Jahr haben er und Marie uns ihren Besuch in angekündigt. Nach 30 Jahren, mal sehen, was aus Mecklenburg geworden ist. Aber zuvor müssen sie nach Kanada, zu den Kindern.

(privat)Andreas Zecher (privat)Dr. Andreas Zecher, Jahrgang  1953, ist Journalist und Autor. Er lebt in der Nähe von Rostock. Mehr als 20 Jahre berichtete er für den in Neubrandenburg erscheinenden "Nordkurier" aus der nordöstlichen Küstenregion. Zuletzt erschienen: "Heute ein Frosch-Morgen ein König,  Verrückte Geschichten aus Mecklenburg-Vorpommern" (Magma Verlag).

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