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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 30.11.2013

Weniger WasserKlimawandel in den Alpen

Die Wasserversorgung im Hochgebirge gerät aus dem Lot

Von Sonja Bettel

Bergpanorama in den Alpen (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)
Bergpanorama in den Alpen (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)

Die Gletscher, Quellen, Flüsse und Seen der Alpen versorgen rund 170 Millionen Menschen mit Wasser. Doch die Ressource wird knapper. Soll Kunstschnee für den Tourismus erzeugt werden, mangelt es an Trinkwasser.

Die Südtiroler Landeshauptstadt Bozen liegt in einem Talkessel am Zusammenfluss von Eisack, Talfer und Etsch. Vor allem die Talfer ist bei Bewohnern und Touristen beliebt. Sie gehen an ihren Ufern spazieren, liegen in der Sonne oder fischen.

Doch jedes Jahr kommt es deshalb zu gefährlichen Unfällen, alle drei bis vier Jahre gehen sie tödlich aus. Denn flussaufwärts befinden sich Kraftwerke, die nach Bedarf ihre Turbinen einschalten und den Abfluss binnen Sekunden auf das Sieben- bis Achtfache erhöhen, erklärt Rudolf Pollinger, Direktor der Abteilung Wasserschutzbauten der Autonomen Provinz Bozen, bei einer Exkursion:

"Früher war es so, dass man einen geregelten Schwallbetrieb hatte. Die kamen meistens einmal am Morgen und eine kleinere Spitze am Nachmittag. Der Samstagnachmittag war frei, Sonntag frei. Jetzt mit der neuen Energiewirtschaft wird diese Energie zu Spitzenstrom genutzt, und man hat mir erklärt, dass es Kraftwerke gibt, von denen bis zu zwanzig Mal am Tag ein Befehl bekommt, in Sekundenschnelle Strom zu produzieren. Und genau diese neue Energiepolitik bereitet uns große Probleme, weil jetzt werden die Leute überrascht. Früher wussten die Leute, am Samstag lege ich mich auf die Insel des Eisacks. Jetzt kann er das nicht mehr tun, weil es geht im Minutentakt und das sind dann bis zuletzt einige Sekunden, die eine Person Zeit hat um sich zu retten oder nicht."

Auch die Wasserkraft bringt Naturschutzkonflikte mit sich

Tödlich ist der Schwall- und Sunkbetrieb an einem Flusskraftwerk auch für Kleinlebewesen und Fische, denn sie sind mehrmals am Tag plötzlichem Hochwasser und plötzlicher Trockenheit ausgesetzt. Die vermeintlich umweltfreundliche Wasserkraft, die als Ergänzung für die nicht kontinuierliche Stromerzeugung mit Wind und Solar benötigt wird, ist also nicht nur "grün".  An der Talfer wird deutlich, welche Nutzungskonflikte es zwischen Energieerzeugung, Naturschutz, Hochwasserschutz und den Freizeitbedürfnissen der Menschen gibt.

Einen extremen Wassernutzungskonflikt hat auch Alain Boulogne erlebt, der Präsident der Alpenschutzkommission CIPRA Frankreich ist und Bürgermeister des Wintersportorts Les Gets in den französischen Alpen war. Les Gets hat 1200 Einwohner und wird im Winter von rund 14.000 Touristen geradezu überschwemmt.

"Das Problem unseres Wintersportorts ist, wenn es im Herbst nicht genug regnet und wir deshalb unsere Speicher nicht auffüllen können, haben wir nicht genug Wasser, wenn die Wintersaison beginnt. Im Winter 2004 mussten wir entscheiden, wollen wir Trinkwasser haben oder wollen wir Kunstschnee produzieren. Dieser schwierige Konflikt ist schwer zu handhaben, denn wir brauchen alle Trinkwasser, aber gleichzeitig brauchen wir Schnee für die Skitouristen."

Derartige Konflikte werden häufiger werden, weil wegen des Klimawandels immer mehr beschneit wird und sich in den südlichen Alpenregionen gleichzeitig die Verdunstung erhöht und die Niederschläge sinken, sagt Georg Kaser, Meteorologe an der Universität Innsbruck:

Schneegrenzen verschieben sich pro Grad um rund 170 Meter

"Das Dritte ist, dass sich die Schneegrenzen verschieben natürlich, pro Grad Celsius um rund 170 Meter in der Höhe im Mittel. Das wird auf die saisonale Verteilung der Niederschläge einen Einfluss haben, es wird die Schneedecke nicht mehr so mächtig aufgebaut werden, sie wird nicht mehr weder zeitlich noch räumlich so stark ausgedehnt sein und es wird einiges im Winter mehr zum Abfluss kommen und dann in den Sommermonaten oder Frühlingsmonaten weniger. Problematisch ist, dass das Wasser eigentlich im Frühling und Sommer gebraucht wird, weil das die Vegetationsperiode ist."

Um den Klimawandel zu bremsen, wird aberverlangt, mehr erneuerbare Energie zu erzeugen. In den Alpen sei das Potenzial der Wasserkraft aber schon über die Maßen ausgeschöpft, mahnt Mario Broggi, der ehemalige Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. In der Schweiz sind bereits90 Prozent der Flüsse ausgebaut und die Wasserkraftwerke mit ihren vielen Zuleitungen aus verschiedenen Tälern ein starker Eingriff in die Natur und ein großer Fremdkörper.

"Denken Sie an die großen Stauseen mit diesen Staumauern, das ist natürlich auch eine landschaftliche Beeinträchtigung, und wenn Sie da zum Beispiel die tosenden schönen Wasserfälle einfach so stark beruhigen, dass sie keine mehr sind, verlieren Sie natürlich auch das Faszinosum eigentlich der wilden Alpen. Für das kommen ja die vielen Millionen Besucher."

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