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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.11.2011

Wenig tun und alles erreichen

Christian Ankowitsch: "Mach's falsch, und du machst es richtig - Die Kunst der paradoxen Lebensführung", Rowohlt Verlag, 329 Seiten

Das Einfachste, das komplexe Ansprüche am besten erfüllt. (Stock.XCHNG / joana franca)
Das Einfachste, das komplexe Ansprüche am besten erfüllt. (Stock.XCHNG / joana franca)

Der Band "Mach's falsch, und du machst es richtig" beleuchtet die widersprüchlichen Seiten des menschlichen Verhaltens. Der Publizist Christian Ankowitsch verwebt Psychologie, Hirnforschung und Alltagsratgeber zu einer kurzweiligen Lektüre.

An der Wand hängt ein Schild "Ballspielen verboten". Das Kind denkt nach. Ob man hier besonders gut Ball spielen kann? Warum sonst so ein Schild? Liegt vielleicht irgendwo ein Ball? Man könnte es ja mal probieren.

Warum Verbote zu ihrer Übertretung auffordern; wie sich der Spröde als Liebespartner begehrt macht; weshalb die Förderung von Spitzenforschern ihre Arbeit in die zweite Liga sacken lässt - überraschende Widersprüche, erstaunliche Gegenbewegungen und Lebensparadoxe aller Art sind Thema des neuen Buches von Christian Ankowitsch, "Mach's falsch, und du machst es richtig". Als Autor hat er eines schon mal richtig gemacht: so umfassend recherchiert, dass er ein Feuerwerk wundersamer Geschichten und Fallbeispiele abfackeln kann, von sehr, sehr lustig bis abgründig skurril.

In sieben Kapiteln ergründet der Autor die widersprüchlichen Seiten menschlichen Verhaltens, wobei er Psychologie, Hirnforschung, journalistische Reportage und Alltagsratgeber zu einer ebenso klugen wie kurzweiligen Lektüre verwebt. Der Auftakt heißt "Einfache Regeln" und befasst sich mit der Macht der Reduktion. Jeder Mensch bricht die Komplexität der Welt auf und setzt sie seinen Bedürfnissen gemäß, etwas simpler, wieder zusammen. So weit, so gut. Doch mitunter führt das simple Denken zu folgenschweren Fehlern. Da bringen Bankmanager ganze Volkswirtschaften ins Wanken, weil Bonuszahlungen sie zwar anspornen, aber ihren Aktionshorizont auf Tagesgewinne zusammenschnurren lassen. Da verlieren die Anschlagopfer in den Zwillingstürmen von New York wertvolle Minuten, weil sie ihren Schreibtisch aufräumen, bevor sie das Büro verlassen - Routinesache. Und die sinnvolle Fähigkeit, Wirkungen auf Ursachen zurückführen zu können, wird zum Quell düsteren Aberglaubens.

Dann wieder ist es gerade das Einfachste, das komplexe Ansprüche am besten erfüllt, widerspricht sich der Autor lustvoll im Kapitel "Gekonntes Nichtstun". Die Gemeinde Bohmte bei Osnabrück entschied, ihren Straßenverkehr neu zu regeln - nämlich gar nicht. Schilder, Bürgersteige und Geschwindigkeitsbegrenzungen verschwanden. Das Ergebnis waren nicht Chaos und mehr Unfälle, sondern eine Menge aufmerksamer Verkehrsteilnehmer. Als einen König des Nichtstuns preist der Autor den jüngst verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs: Während die Konkurrenz mehr und mehr Technik in ihre Mini-Geräte stopfte, entwarf er einen Hauch von Metall mit einem einzigen Schalter und einem losen Zettel Gebrauchsanweisung - und eroberte den Markt.

Christian Ankowitschs Buch hat leise Hänger. Manchmal kann er sich von Gedankengängen nicht trennen, die man längst verstanden hat. Doch die mauen Passagen macht der fulminante Stil mehr als wett. Und noch eine Anekdote? Nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg und andere Berühmtheiten mit ihren Klau-Promotionen aufgeflogen waren, erlebte die Branche der Ghostwriter einen sprunghaften Anstieg ihrer Geschäfte.


Besprochen von Susanne Billig


Christian Ankowitsch, Mach's falsch, und du machst es richtig - Die Kunst der paradoxen Lebensführung,
Rowohlt Verlag, gebunden, 329 Seiten, 19,95 Euro

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