Wen der Berg ruft
Der kanadische Extrem-Bergsteiger, Journalist und Psychologe Geoff Powter porträtiert in seinem Wissenschaftsthriller legendäre Abenteurer der letzten 200 Jahre. Dabei zeigt er, dass fast jeder, der sich auf Extrem-Situationen einlässt, irgendein psychologisches Problem wie Mangel an Selbstbestätigung hat.
Extrem-Abenteurer wie der Bergsteiger Reinhold Messner sind bei Talk-Shows und bei Seminaren von Topmanagern gern gesehene Gäste: hängt ihnen doch der Hauch von Wildnis und Abenteuer an, aber auch der von Gefahr. Denn Bergsteigen ist mitunter sogar tödlich. So starb Messners Bruder Günther 1970 bei der Besteigung eines Himalaja-Gipfels. Ein Schicksal, das er mit zahlreichen anderen Extrem-Bergsteigern teilt. Denn was viele Menschen nicht wissen, der Gipfelweg zum Mount Everest ist gepflastert mit Leichen. Bis heute kann niemand sie bergen.
Aber nicht die Messners, dafür aber zehn andere berühmt-legendäre Extrem-Abenteurer der letzten 200 Jahre porträtiert und analysiert der kanadische Extrem-Bergsteiger, Journalist und Psychologe Geoff Powter in seinem Buch "Der schmale Grat – 10 historische Abenteurer zwischen Wahnsinn und Wagemut", das mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde.
Powter stellt "seriöse" wie "verrückte" Extremabenteurer vor; als seriös gelten jene, die im Auftrag ihrer Regierungen unterwegs waren, wie zum Beispiel der Kartograph Meriwether Lewis, der für den amerikanischen Präsidenten Jefferson den Kontinent durchquerte und sich am Ende erschoss.
Einer der skurrilsten porträtierten Protagonisten ist der Extrem-Bergsteiger Aleistair Crowley, als Literat befreundet mit Oskar Wilde und Yeats, der im Jahr 1900 beschloss, als erster Mensch einen 8000er im Himalaja zu besteigen; der Multi-Millionär bereitete sich wochenlang auf die Reise vor, wie immer mit der Hilfe von Prostituierten und Drogen. Im Himalaja erreichte er mit 6700 Metern einen neuen Höhenrekord.
Was alle Extrem-Abenteurer miteinander verbindet - so das Ergebnis Geoff Powters - ist, dass fast jeder, der sich auf Extremsituationen einlässt, irgendein grundsätzliches Problem hat, sei es ein psychologisches wie ein Mangel an Selbstbestätigung oder einfach eine ruhmsüchtige Ehefrau wie der Arktis-Forscher Franklin; wird nun jenes hausgemachte Grundproblem übermächtig, dann mutiert der Wagemut zum Wahnsinn.
Bei seiner forensischen Feldstudie konnte Powter drei Hauptgruppen extrapolieren; er nennt sie "die Beladenen", "die Gebeugten" und "die Verlorenen": "Der Beladene" ist jener brav-bemühte Typ, der am Erfolgsdruck von außen zerbricht. "Der Gebeugte" ist der Egomane, der Narzisst, der unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet und am Erfolgsdruck von innen zerbricht. Die dritte Gruppe stellen "die Verlorenen", einsame Suizidkandidaten, unschuldig und verzweifelt, die einfach erlöst werden bzw. sterben wollen. Überraschend war, -auch für Powter -, dass neun der zehn ausgewählten Protagonisten ihren Vater, den sie liebten, in ihrer frühen Kindheit verloren hatten.
Geoff Powters "Der schmale Grat – 10 historische Abenteurer zwischen Wahnsinn und Wagemut" ist ein grandioser Wissenschaftsthriller, in doppelter Hinsicht: da sind einmal die aberwitzigen, brillant erzählten Storys jener 10 Extrem-Abenteurer, die dem Leser den Atem rauben, wobei Powter seinem Buch einen unverwechselbaren persönlichen Ton gegeben hat, einfühlsam und auch ganz subjektiv, was sich schon in den Kapitelüberschriften widerspiegelt: "Die schreckliche Schönheit" oder "Der bösartigste Mensch der Welt".
Und spannend ist dieses Buch auch in wissenschaftlicher Hinsicht: selten ist eine psychologische Studie so präzise, übersichtlich und nachvollziehbar; mit wundervoll leichter Hand zieht Powter einen Schlussstrich unter die Helden- und Mythen-Verehrung in der Geschichte des Abendlandes, die bis heute andauert. "Der schmale Grat" ist ein wichtiges Buch, ein spannendes Buch und ein unglaublicher Lesespaß: für den Insider wie für den Laien.
Rezensiert von Lutz Bunk
Geoff Powter: "Der schmale Grat – 10 historische Abenteurer zwischen Wahnsinn und Wagemut".
Übersetzt von Klaus Pemsel.
National Geographic/ Frederking&Thaler Verlag, 2007,
286 Seiten, broschiert, 12 €
Aber nicht die Messners, dafür aber zehn andere berühmt-legendäre Extrem-Abenteurer der letzten 200 Jahre porträtiert und analysiert der kanadische Extrem-Bergsteiger, Journalist und Psychologe Geoff Powter in seinem Buch "Der schmale Grat – 10 historische Abenteurer zwischen Wahnsinn und Wagemut", das mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde.
Powter stellt "seriöse" wie "verrückte" Extremabenteurer vor; als seriös gelten jene, die im Auftrag ihrer Regierungen unterwegs waren, wie zum Beispiel der Kartograph Meriwether Lewis, der für den amerikanischen Präsidenten Jefferson den Kontinent durchquerte und sich am Ende erschoss.
Einer der skurrilsten porträtierten Protagonisten ist der Extrem-Bergsteiger Aleistair Crowley, als Literat befreundet mit Oskar Wilde und Yeats, der im Jahr 1900 beschloss, als erster Mensch einen 8000er im Himalaja zu besteigen; der Multi-Millionär bereitete sich wochenlang auf die Reise vor, wie immer mit der Hilfe von Prostituierten und Drogen. Im Himalaja erreichte er mit 6700 Metern einen neuen Höhenrekord.
Was alle Extrem-Abenteurer miteinander verbindet - so das Ergebnis Geoff Powters - ist, dass fast jeder, der sich auf Extremsituationen einlässt, irgendein grundsätzliches Problem hat, sei es ein psychologisches wie ein Mangel an Selbstbestätigung oder einfach eine ruhmsüchtige Ehefrau wie der Arktis-Forscher Franklin; wird nun jenes hausgemachte Grundproblem übermächtig, dann mutiert der Wagemut zum Wahnsinn.
Bei seiner forensischen Feldstudie konnte Powter drei Hauptgruppen extrapolieren; er nennt sie "die Beladenen", "die Gebeugten" und "die Verlorenen": "Der Beladene" ist jener brav-bemühte Typ, der am Erfolgsdruck von außen zerbricht. "Der Gebeugte" ist der Egomane, der Narzisst, der unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet und am Erfolgsdruck von innen zerbricht. Die dritte Gruppe stellen "die Verlorenen", einsame Suizidkandidaten, unschuldig und verzweifelt, die einfach erlöst werden bzw. sterben wollen. Überraschend war, -auch für Powter -, dass neun der zehn ausgewählten Protagonisten ihren Vater, den sie liebten, in ihrer frühen Kindheit verloren hatten.
Geoff Powters "Der schmale Grat – 10 historische Abenteurer zwischen Wahnsinn und Wagemut" ist ein grandioser Wissenschaftsthriller, in doppelter Hinsicht: da sind einmal die aberwitzigen, brillant erzählten Storys jener 10 Extrem-Abenteurer, die dem Leser den Atem rauben, wobei Powter seinem Buch einen unverwechselbaren persönlichen Ton gegeben hat, einfühlsam und auch ganz subjektiv, was sich schon in den Kapitelüberschriften widerspiegelt: "Die schreckliche Schönheit" oder "Der bösartigste Mensch der Welt".
Und spannend ist dieses Buch auch in wissenschaftlicher Hinsicht: selten ist eine psychologische Studie so präzise, übersichtlich und nachvollziehbar; mit wundervoll leichter Hand zieht Powter einen Schlussstrich unter die Helden- und Mythen-Verehrung in der Geschichte des Abendlandes, die bis heute andauert. "Der schmale Grat" ist ein wichtiges Buch, ein spannendes Buch und ein unglaublicher Lesespaß: für den Insider wie für den Laien.
Rezensiert von Lutz Bunk
Geoff Powter: "Der schmale Grat – 10 historische Abenteurer zwischen Wahnsinn und Wagemut".
Übersetzt von Klaus Pemsel.
National Geographic/ Frederking&Thaler Verlag, 2007,
286 Seiten, broschiert, 12 €
