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Interview | Beitrag vom 17.09.2020

Welttag der PatientensicherheitMit regionalen Konzepten die medizinische Versorgung sichern

Ruth Hecker im Gespräch mit Dieter Kassel

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Vor einer Arztpraxis sind zwei Stühle aufgestellt, auf denen Patienten warten können. (Picture Alliance / dpa / Robert B. Fishman)
Keine Lösung für den Winter: In den kalten Monaten könnten indes ein strukturiertes Einbestellwesen helfen, Patienten mit einer Infektionskrankheit von anderen zu trennen. (Picture Alliance / dpa / Robert B. Fishman)

"Mehr Kooperation statt Konkurrenz", fordert die Ärztin Ruth Hecker. Nicht nur wegen der Corona-Pandemie ist es für die Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit notwendig, neue Lösungen bei der medizinischen Versorgung zu finden.

Dieter Kassel: Gerade auch am Beginn der Corona-Pandemie haben sich in Deutschland viele wegen einer möglichen Überlastung der Krankenhäuser gesorgt. Auch wenn es zu der erfreulicherweise nicht kam, waren diese Sorgen berechtigt. Was aber monatelang in den Hintergrund geraten ist, ist eine mögliche Überforderung der niedergelassenen Ärzte durch die Pandemie und ihre indirekten Folgen, weil es zum Teil weniger Kapazitäten gibt, um andere Krankheiten zu behandeln. Deshalb ist der heutige Welttag der Patientensicherheit auch hier in Deutschland der ärztlichen Versorgung durch niedergelassene Ärzte gewidmet.

Ruth Hecker ist Fachärztin für Anästhesie, sie leitet den Bereich Qualitätsmanagement und klinisches Risikomanagement am Uniklinikum Essen. Sie ist die Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit.

Ich habe seit ungefähr März alle Kontrolluntersuchungen und Behandlungen, die ich nicht für absolut notwendig hielt, gestrichen oder unbefristet verschoben. Habe ich dadurch alles richtiggemacht?

Ruth Hecker: Das ist keine gute Idee gewesen, das muss man ganz klar sagen. Es geht darum, bei den Vorsorgeuntersuchungen frühzeitig Krankheiten zu erkennen. Sollten Sie zum Beispiel eine Krebsvorsorgeuntersuchung ausgelassen haben, könnte es eventuell sein, dass man den Krebs jetzt drei, vier, sechs, acht, zehn Monate später erkennt.

Das ist übrigens einer Freundin von mir passiert, die nicht zur Vorsorgeuntersuchung wollte. Sie sah sich dann dazu gezwungen und hat tatsächlich auch die Diagnose Brustkrebs bekommen.

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Kassel: Einmal war ich dann doch neulich beim Arzt, um etwas durchführen zu lassen. Ich saß dann in einem Wartezimmer, das relativ klein war. Es haben alle Masken getragen, aber die Sicherheitsabstände konnten nicht eingehalten werden. Da habe ich mich gefragt, so viele Monate nach Beginn dieser Pandemie, ist das eigentlich immer noch ein großes Problem, dass viele Arztpraxen nicht alles machen, was man eigentlich tun müsste?

Hecker: Ja, das ist auf jeden Fall ein großes Problem. Sie müssen die Arztpraxen unterscheiden. Es gibt diejenigen, die von ihrer Infrastruktur, also von ihrer baulichen Struktur und von ihrem Bestellwesen gut aufgestellt sind. Die Patienten können nacheinander kommen und im Wartebereich staut es sich nicht. Aber das ist genau das Problem, denn im Wartebereich kann man sich untereinander anstecken, wenn die Sicherheitsabstände nicht eingehalten werden. Man sitzt da, wenn man Pech hat, auch eine längere Zeit. Da ist die Möglichkeit groß, sich untereinander anzustecken.

Vorbereitung auf den Herbst

Kassel: Einige Praxen lassen die Patienten draußen auf der Straße warten, was schon im Sommer nicht angenehm ist. Aber wie soll das im Herbst und im Winter werden?

Hecker: Diese Frage stellen wir uns natürlich auch und weisen darauf hin, dass man sich dazu Gedanken macht. Wie nutzt man beispielsweise weiterhin die Videosprechstunden, um die Patienten zu versorgen? Wir wissen, dass wir in Deutschland mit der Digitalisierung hinterherhinken. Hätten wir mehr telemedizinische Anwendungen – das heißt, der Patient kann mit seinem Blutdruck, Puls und seiner Atmung überwacht werden –, dann würden nicht so viele Arztkontakte in den Praxen anfallen. Gerade bei chronisch erkrankten Patienten wäre das sehr gut anwendbar.

Aber so weit sind wir noch nicht. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir uns auf den Herbst vorbereiten. Ein strukturiertes Einbestellwesen ist wichtig: infektiöse Patienten von Rückenschmerzpatienten zu trennen, vielleicht auch die einen in den Vormittagsbereich, die anderen in den Nachmittagsbereich zu legen.

Kassel: Könnte negative Auswirkungen auf Krankenhäuser haben. Wenn alles genau geregelt ist und man vielleicht länger auf einen Termin warten muss, gehen sicherlich viele, die sich vermeintlich für einen Notfall halten, gleich in die Notaufnahme. Das kann auch nicht wünschenswert sein.

Hecker: Das ist richtig. Wir haben in der Coronakrise gesehen, dass dramatisch weniger Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten in die Kliniken gegangen sind. Wir wissen bis heute nicht, warum sie nicht aufgetaucht sind und wo die geblieben sind. Genau das ist das Problem, dass die Versorgung stattfinden muss.

Deshalb fordern wir regionale Konzepte. In den Städten, Bundesländern und Kreisen muss sich Gedanken darübergemacht werden, wo welche Patienten versorgt werden. Das muss über die Sektorengrenzen – also ein Krankenhaus macht nur das und niedergelassene Ärzte machen nur das – hinweg geschehen. Das kann so nicht bleiben, sondern muss neu gedacht werden.

Ich habe gestern übrigens auch noch Warteschlangen vor Praxen gesehen. Was sollen wir machen, wenn es regnet? Da muss man sich in der Region Gedanken machen, als Einzelner auch Gedanken machen, wie das zu steuern ist.

Feuerwehr macht Abstrich

Kassel: Aber in jedem Flächenbundesland hatten wir schon lange vor der Pandemie in ländlichen Gegenden Probleme mit dem Ärztemangel und geschlossenen Krankenhäusern. Wie wollen Sie das machen, wenn man dort teilweise froh sein kann, wenn man im Umkreis von 30 Kilometern irgendeinen Arzt hat?

Hecker: Das meine ich. Man konnte auch plötzlich alle Betten in den Krankenhäusern leerräumen, das konnte man sich vor der Krise nicht vorstellen. Die Lücken in der Versorgung, die sind altbekannt. Da fordern wir schon als Aktionsbündnis Patientensicherheit, dass sich die Politiker zusammen mit den Handelnden vor Ort jetzt Gedanken machen, wie wir das stemmen können.

Ich kann Ihnen sagen, dass in Essen, wo ich arbeite, die Feuerwehr die ganzen Abstriche bei den Patienten zu Hause gemacht hat. Wenn sich einer wegen Schnupfen, Husten, Heiserkeit gemeldet hat und man der Meinung war, der muss getestet werden, dann sind die rausgefahren und haben diese Patienten zu Hause in Vollschutz getestet. Die sind gar nicht in die Praxen gegangen und auch nicht zum Gesundheitsamt.

Man muss sich Gedanken machen, wer was macht in dieser Krise. Da kann man leider auch keinen pauschalen Weg gehen, sondern muss vor Ort überlegen: Wer kann was in der Krise übernehmen?

Kassel: Ich rechne mit ziemlichem Chaos. Vorgestern haben die Forschungsministerin und der Gesundheitsminister mitgeteilt, sie rechneten im nächsten Jahr mit einem Impfstoff. Dann muss entschieden werden: Wer kriegt ihn zuerst, wer kriegt welchen Impfstoff und wo? Zum Teil soll das auch in Arztpraxen stattfinden. Da müsste man jetzt schon anfangen, das zu organisieren, oder?

Hecker: Ja, so ist es. Wir können das nicht den Gesundheitsämtern überlassen, da haben Sie recht, das muss man jetzt überlegen. Deshalb fordern wir, dass man sich regional zusammensetzt und sich konkrete Gedanken macht sowie sich über Best Practice miteinander austauscht. Mehr Kooperation statt Konkurrenz. Nicht denken, wir sind die Besten und Klügsten, sondern auch mal rechts und links gucken, wie die anderen das machen. Einige Rahmenbedingungen könnten auch von der Politik oder von den Organisationen vorgegeben werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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