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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 07.06.2017

Weltraum-Hauptstadt BremenVom Schmuddelkind zur Space City

Von Almuth Knigge

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Satellit im Weltraum über der Erde. (imago)
Satellit im Weltraum über der Erde. (imago)

Lange galt Bremen als Armenhaus der Republik. Heute ist die Hansestadt schwer im Geschäft mit der Schwerelosigkeit: Etwa 12.000 Beschäftigte arbeiten in Bremen in Unternehmen, die High-Tech-Produkte für den Weltraum herstellen. Alles begann 1961, als der Russe Gagarin ins Weltall flog.

"Das ist das Columbus Modul, das auf der internationalen Raumstation mitgeflogen ist, das in Bremen gebaut worden ist,  damals hieß das noch EADS Astrium, heute Airbus Defense and Space, und dann steht da natürlich eine Ariane Rakete."

Auf den Fensterbänken im Büro von Martin Günthner, dem Bremer Wirtschaftssenator mit SPD-Parteibuch,  ist nicht mehr allzu viel Platz. Dort stehen Modelle von Galileo-Satelliten, Ariane 5-Raketen und einem Dutzend Flugzeuge der Airbus-Familie.  Schiffsmodelle stehen im Flur – hinterm Schreibtisch hängt lediglich ein großformatiges Foto mit einer Wand von Containern. Das Schiff darunter kann man nur vermuten.

"Old Economy",  murmelt er. Positiv ausgedrückt: Er ist ein Weltraumenthusiast.

- "Ein bisschen stolz sind Sie schon auch?"
- "Ja, klar." 

Gerade kommt er aus Italien zurück.

"Ein Raumfahrtermin."

Gespräche mit Politik und Wirtschaft über mögliche Kooperationen. Ungewöhnlich, dass eine Region, ein Bundesland, sich international wirtschaftlich und wissenschaftlich so engagiert und fast ein bisschen Bundespolitik macht.

"Na ja, wir sind aber ja die Einzigen im Norden, die Raumfahrt machen. Die starken industriellen Unternehmen sitzen in Bremen mit 'Airbus Defense and Space' und wenn man sich vor Augen hält: Oberstufe Ariane, Internationale Raumstation, die gesamten Galileo-Satelliten, die hier gebaut werden, die ganzen anderen Satelliten, die hier gebaut werden  - dann ist Bremen eins der starken Zentren.

Das hat Ausstrahlung in den Norden hinein, aber wenn man ehrlich ist, muss man eben sagen, in der Raumfahrt spielen in Deutschland die Themen in Bayern und in Bremen. Und ansonsten gucken wir nach Europa, Frankreich, Italien, gucken in die anderen Länder, die ebenfalls im Bereich der Raumfahrt aktiv sind."

(picture alliance/dpa/Carmen Jaspersen)Hinter ihm die Old Economy der Container-Schifffahrt, im Blick die Raumfahrt - Boom-Branche in Bremen: Martin Günthner (SPD), Bremer Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen in seinem Büro. (picture alliance/dpa/Carmen Jaspersen)

Und wenn man ganz ehrlich ist  – dann spielt auch in Europa Bremen in der Raumfahrt-Championsleague ganz oben mit. 

"Otto Hydraulik Bremen, die inzwischen eins der führenden Raumfahrtunternehmen sind."

Vom Familienunternehmen zum Highttech-Player

Und die natürlich nicht mehr Otto Hydraulik Bremen heißen sondern "Orbitale Hochtechnologie Bremen" - kurz OHB. Die Entwicklung des Familienunternehmens läuft irgendwie parallel zur Entwicklung des Raumfahrtstandorts Bremen. Eine stetige, unauffällige Vergrößerung von Einfluss und ökonomischer Bedeutung.

OHB, mit Zweitsitz in München, war an fast allen Raumfahrtvorhaben von Rang beteiligt. An der Internationalen Raumstation ISS bis zur deutschen D-2-Mission. Sie entwarf mit "BremSat" 1994 den ersten deutschen Mini-Satelliten. Der wohl bislang größte Wurf: die Entwicklung des Galileo. Das gelang gemeinsam mit dem Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation der Universität Bremen – eine Symbiose von Industrie und universitärer Forschung, plus Zulieferern und Fachkräften.

"Die Kompaktheit, die das Thema Raumfahrt in Bremen hat, ist wahrscheinlich einmalig."

Das zumindest bestätigen auch  mehrere Studien. Die Agentur für Struktur und Personalentwicklung, AGS, hat kürzlich die Beschäftigungsstruktur der Bremer Schlüsselbranche untersucht. Deren Geschäftsführer Thorsten Ludwig macht ein dickes "Ja" mit Ausrufezeichen in der Studie, wenn von Zukunftsbranche gesprochen wird.

"Bremen ist natürlich so  eine Art Brennglas der Luft- und Raumfahrttechnik insgesamt, weil sie haben Raumfahrt, sie haben zivil, sie haben militärisch, sie haben Forschung und Entwicklung, sie verfügen über eigenständige Institute, sie haben eine ausdifferenzierte Universitätslandschaft und Hochschullandschaft. Und deswegen ist vieles, was hier passiert, vielleicht auch ein Vorzeichen für das, was in Deutschland passiert.

Zum Wintersemester 2017/2018 will die Universität Bremen einen Masterstudiengang "Raumfahrt" anbieten.

"Da ist in Bremen etwas gewachsen, was ein richtiges Pfund ist."

In Zahlen: 140 Unternehmen mit 12.000 Beschäftigten und einem Umsatz von rund 4 Milliarden Euro plus 20 Top-Forschungsinstituten. Die Uni Bremen ist schließlich die  einzige Exzellenz-Uni im Norden.

"Und das ist dann schon ein wichtiger Faktor in der Erwerbstätigenstruktur in Bremen."

Bremen gegen Bayern: "Ein bisschen wie die Bundesliga"

Er sagt das mit einer Einschränkung: Die Anzahl derer, die in der Branche einen Leih- oder Werkvertrag haben, ist in Bremen rund dreimal so hoch wie in Bayern.

"Der Battle, wenn sie einen Battle machen wollen, dann ist es Norddeutschland gegen Bayern, das ist so ein bisschen wie die Bundesliga. Wobei ich da auch sagen würde, da ist es wahrscheinlich schwierig zu sagen, Norddeutschland befindet sich auf dem Relegationsplatz und Bayern macht zum fünften Mal in Folge die Meisterschaft."

Das Gegenteil ist der Fall – aber woher kommt das? Der Bremer, der Hanseat fühlt sich, wenn überhaupt, maritim und ist nicht bekannt für "abgehobene" Visionen: 

"Bremen hat um die Jahrhundertwende die ersten Versuche gehabt, mit Flugzeugen, Focke-Wulff, also viel experimentell im Bereich von Luftfahrt und Entwicklung von Flugzeugen und daraus hat sich ´ne bestimmte industrielle Tradition entwickelt am Standort."

Bis dann 1961 der sogenannte Entwicklungsring Nord gegründet wurde. Abgekürzt ERNO. Hier wurde die erste Trägerrakete, die Ariane geboren, das Spacelab aus der Taufe gehoben.

"Daraus hat sich dann in den folgenden Jahren das entwickelt, was man heute sehen kann."

Die Airport-City – hier siedeln quasi alle Unternehmen und Institute in direkter Nachbarschaft.

"Der Flughafen Bremen ist unsere Start und Landebahn für Unternehmen, die in aller Welt tätig sind."

Der Wirtschaftssenator mischt die Szene auf

Und er ist auch die Startbahn für die erste deutsche Astronautin, die ins All geschickt werden soll. Denn die Idee kommt aus Bremen.

Adresse: Flughafenallee. Für Claudia Kessler kann das nur ein Kompromiss sein.

"Ja eigentlich sollte es Raumfahrtallee heißen."

Immerhin ist das Büro im 4. Stock. Ganz oben.

"Ich genieße es schon, den Blick über den Flughafen: Je weiter oben, desto besser! Ist schon immer so."

Auch Claudia Kessler gehört zur Bremer Raumfahrt-Szene – mehr noch – Kessler, sagt der Wirtschaftssenator mischt die Szene ganz schön auf. Sie ist Geschäftsführerin der deutschen Niederlassung des Unternehmens Hernandez Engineering Space, kurz HE Space, einer Zeitarbeitsfirma für Raumfahrt.

Vor gut einem Jahr hat sie das Projekt "Die Astronautin" ins Leben gerufen. Tiere waren im Weltall, Schweine, Hunde, Affen, Salat auch und Männer sowieso - nur noch nie eine deutsche Frau. Woran das liegt?

Günthner:
"Struktureller Konservatismus."

Mutmaßt der Senator, ein glühender Fan des Projekts.

"Wir durchbrechen das aber von Bremen aus. Durch die Astronautin"

Hilfreich kann dabei auch das nächste große Raumfahrtevent in der Hansestadt sein.

Kessler:
"Wir werden den großen Weltkongress IAF 2018 wieder  nach Bremen holen, wo sich die ganze weltweite Raumfahrtcommunity in Bremen trifft."


Und das schon zum zweiten Mal - nach 2003.

Bremen – im März 2017. Die europäische Elite der Luft- und Raumfahrt hat sich im Rathaus versammelt.  Eine schwere silberne Statue des Bremer Roland schmückt den historischen Schreibtisch in der Oberen Rathaushalle.

"Our special thanks go of course to Minister Günthner for inviting us to the townhall today in this iconic hall. The Obere Rathaushalle has whitnessed many historic occasions in the past and it will now the impressive backdrop for the signing ceremony about to happen.”

Meeting in der "Townhall"

Ein historischer Ort für ein historisches Ereignis, sagt Birgit Kinkeldey vom Zarm. Und ein Termin ganz nach dem Geschmack von Wirtschaftssenator Günthner.

"Bremen as the German City of Space is home to some of the World´s top space companies, such as Airbus Defense and Space."

Er spricht von  Zusammenarbeit, vom Nutzen der Raumfahrt für den Menschen, von der Bedeutung der beiden großen Bremer Raumfahrtunternehmen.  Alle sprechen davon: Von  Zusammenarbeit, vom Nutzen der Raumfahrt für den Menschen" auch der  Chef der internationalen Astronautenorganisation, Jean-Yves Le Gall:

"It is a honour to me… "

 …und er sagt auch etwas, das sich der Senator insgeheim vielleicht wünscht und auch denkt, aber wegen der gebotenen hanseatischen kaufmännischen Zurückhaltung nie sagen würde. Dass nämlich im Oktober  2018, wenn mehrere tausend Astronauten und Raumfahrt-Enthusiasten sich in Bremen treffen, die Stadt nicht nur die Space-Hauptstadt Deutschlands, Europas, der Welt  - nein sogar der ganzen Galaxie sein wird.

"... Bremen will  be the center of space, of Germany, of Europe, the world and of the galaxy.”

Neben Bremen ist Bayern deutschlandweit führend im Bereich der Luft- und Raumfahrtindustrie. Dort gibt es mehrere Standorte, an denen Forschung und Entwicklung vorangetrieben werden. Unser Autor Michael Watzke stellt sie, ebenfalls im "Länderreport", vor:

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