Weltmusik

    Von Malinké-Pop bis zu finnischem Choralgesang

    06:14 Minuten
    Straßenmusik beim Rudolstadt Festival in der Innenstadt. Das Festival für Weltmusik ist das größte seiner Art in Deutschland.
    Weltmusik ist facettenreich und umfasst viele musikalische Stile: Aber stimmt der Begriff "Weltmusik" noch? Wie könnte man die Musik sonst noch nennen? © picture alliance / dpa / Michael Reichel
    Von Benedict Weskott · 17.08.2021
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    Die World Music Charts Europe präsentieren die meistgespielten Titel aus Weltmusiksendungen. Zum 30. Geburtstag setzt ein Sampler den Charts nun ein Denkmal.
    Der Sampler "Great Tunes from the World Music Charts Europe" macht eine beachtliche Bandbreite auf. Finnischer Choral-Gesang von Emmi Kujanpää ist darauf zu finden; Progressive-Rock von Tamikrest, einer Band aus dem westafrikanischen Volk der Tuareg; ein Song vom Garifuna Collective in der karibischen Sprache Garifuna; Malinké-Pop mit Afrobeat- und Blues-Noten von Nakany Kanté aus Guinea.

    Musik für Neugierige

    Aber was ist Weltmusik? Und was wollen die Weltmusikcharts? Gegründet hat Letztere der Musikjournalist Johannes Theurer als "World Music Charts Europe". Er definiert Weltmusik vor allem darüber, dass diese Alben in europäischen Plattenläden sonst in keines der Fächer passen:
    "Es ist eine völlig andere Art von Kategorisierung von Musik. Es ist das, was übrigbleibt, wenn Jazz, Pop, Rock im Schallplattenladen einsortiert sind. Die Beschriftung 'Weltmusik' oder 'World Music' ist einfach nur der Versuch, in dem Marketinggetöse der anderen eine kleine Schneise zu haben und in dieser Nische Sachen für neugierige Ohren vorkommen lassen zu können."
    Genau für diese interessierten Hörer:innen wurden dann auch die Weltmusikcharts gegründet. Ermittelt werden sie aus den Playlisten von Radiojournalist:innen aus 25 europäischen Ländern.
    Als "Anti-Hitparade" bezeichnet Theurer diese Liste, die "die Vielfalt kultiviert hat". Auch wenn die World Music Charts Europe dazu beigetragen haben, Musik aus der Nische Gehör zu verschaffen, hat der Begriff immer auch Kritik auf sich gezogen. Denn "Weltmusik" – das ist irgendwie fremd und anders.

    Eine ungenaue Begrifflichkeit

    Auch Thomas Burkhalter sieht den Begriff kritisch und hat deshalb vor knapp 20 Jahren die Plattform "Norient" gegründet. Er sieht in dem Begriff eine Form von Exotisierung, der er sich mit seinem Projekt entgegenstellt:
    "Norient war eigentlich eine Attacke auf Weltmusik. Der Begriff kommt von 'No Orientalism' von Edward Said. Es ging darum, die Welt nicht zuerst über die Differenz anzuschauen, sondern zuerst zu schauen: Was interessiert Musikerinnen und Musiker in verschiedenen Ländern heute im 21. Jahrhundert?"
    Booker:innen und Veranstalter:innen wollen Burkhalter zufolge immer noch eine Klangtradition hören, an der die Herkunft der Band festgemacht werden kann. Für die Künstler:innen sei das problematisch, weil es sie auf ihre Herkunft reduziere:
    "Um die Jahrtausendwende habe ich sehr viele Reportagen außerhalb Europas gemacht, aber auch mit indischen und pakistanischen Musikerinnen in London. Und von diesen Künstlerinnen und Künstlern habe ich immer gehört, dass sie sich ärgern darüber, dass Europäerinnen und Europäer einfach immer nur das Andere sehen wollen in ihrer Kultur, dass diese eben nur auf die Djembé oder auf das Didgeridoo fokussiert sind, und dass sie als Künstlerinnen und Künstler eigentlich nicht als Menschen wahrgenommen werden, die im Hier und Jetzt leben, die auch international beeinflusst sind."

    Die Lokalisierung von Klängen wird schwieriger

    Die Kritiker:innen des Begriffs "Weltmusik" sind laut. Und in einer globalisierten, vernetzten Welt mit großen Migrationsbewegungen wird die geografische Lokalisierung bestimmter Klänge sowieso immer schwieriger.
    Wenn Musik also wandert, sind wir dann vielleicht heute auch offener für Neues? Wie sähe eine Alternative zum Weltmusikbegriff aus? Sollten wir ganz auf eine Sammelbezeichnung verzichten? Würde das den einzelnen Veröffentlichungen gerechter werden oder gut eingespielte und trotzdem spärliche Vertriebswege kosten?
    Johannes Theurer, Erfinder der Weltmusikcharts, meint: Zum Begriff "Weltmusik" fehlt bisher ein guter Gegenvorschlag. "Es gibt da nichts. Und solange wir keine Alternativen haben, ist das das absolut Allerbeste, was wir bekommen können."
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