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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.06.2018

Weltmikrobentag"Wir müssen den Boden zelebrieren"

Von Johanna Tirnthal und Nicolas Morgenroth

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Eine Gurke wächst auf einem Komposthaufen (dpa / picture alliance / Volkmar Heinz)
Bei dieser Erde aus dem Komposthaufen haben die Mikroben gute Arbeit geleistet. (dpa / picture alliance / Volkmar Heinz)

Wie bekommt man eigentlich einen "Welttag" im Kalender? Am besten einen ganz offiziellen UN-Welttag? Beim "Weltmikrobentag" in Berlin ist das nicht so wichtig: Die Macherinnen haben ihn sich einfach ausgedacht.

Hunderte Menschen drängen sich zwischen Flohmarktständen hindurch. Den wenigsten ist bewusst, dass hier ein Welttag begangen wird. Nur eine junge Frau trägt mitten in diesem Getümmel geschäftig einen weißen Eimer mit braunem Inhalt, der irgendwie unappetitlich aussieht.

"Das hier ist Kaffeesatz aus unserem Café und das ist für die Pilzstation. Die gibt sogenannte Pilzburritos raus."

Das ist Svenja und die Pilzburritos sind Teil des "Weltmikrobentags" in den Prinzessinnengärten in Berlin-Kreuzberg. Die Prinzessinnengärten sind ein großer Gemeinschaftsgarten und ein Treffpunkt für verschiedene soziale und ökologische Projekte.

Svenja: "Wir möchten euch gerne zum zweiten Weltmikrobentag im Prinzessinnengarten begrüßen. Und wir machen das Ganze, um die Mikroben zu zelebrieren, die ja überall um uns sind, in uns sind, auf uns sind und eigentlich auch in vielen Teilen dafür zuständig sind, dass wir überhaupt sein können."

Wir Menschen befinden uns also in einer überlebenswichtigen Symbiose mit Mikroben. Etwa zwei Kilogramm pro Person ermöglichen uns die Verdauung, verbinden Körper mit Psyche, bestimmen unser Immunsystem. Und auch ein lebendiger ertragreicher Boden ist abhängig von einer Vielzahl von Mikroorganismen. Die Sache ist nur – ganz offiziell gibt es den Weltmikrobentag eigentlich gar nicht.

Die Vereinten Nationen wissen von nichts

"Mein Name ist Arne Molfenter und ich bin Pressesprecher des UN-Sekretariats und arbeite in Bonn und Brüssel. Ich kann jetzt nichts einzeln zum Weltmikrobentag in Berlin sagen, weil ich den nicht kenne."

Der Weltmikrobentag ist also kein offizieller UN-Welttag. Svenja hat ihn einfach gemeinsam mit ihrer Freundin Carmen begründet. Ihr Anliegen ist dabei vor allem ein Ökologisches. In der ökologischen Landwirtschaft spielen Mikroben eine große Rolle, da sie das Bodenleben bestimmen:

"Wir sind sehr begeistert vom Thema Boden, das war auch der Anstoß für den Weltmikrobentag, dass wir uns dachten, wir müssen den Boden zelebrieren. Wir haben uns gedacht, die Mikroben der Welt brauchen erst einmal Aufmerksamkeit."

Aufmerksamkeit auf wichtige Themen lenken – das ist generell das Ziel von Welttagen. Wer oder was aber einen offiziellen Welttag bekommt, das entscheidet die UN – genauer, die UN-Generalversammlung in New York. Die 193 Mitgliedsstaaten stimmen dort über Vorschläge von einzelnen Staaten ab. Dabei hat jeder Staat eine Stimme, unabhängig von Bevölkerungszahlen und Wirtschaftsgröße. Der erste Welttag war 1948 der Tag der Vereinten Nationen – der Tag der Gründung der Uno. Seitdem sind viele hinzugekommen.

Arne Molfenter: "Insgesamt geht es darum, dass man die großen Themen, die die Weltgemeinschaft beschäftigen, entsprechend würdigt. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele: Pressefreiheit, der Weltmalariatag, der Aids-Tag, der Tag der Menschenrechte, etc."

Eine nationale Regierung muss aufspringen

Der Zahl der UN-Welttage sind im Grunde keine Grenzen gesetzt - manche Tage im Kalender sind auch heute schon mehrfach besetzt. Aber was müssten Svenja und Carmen vom Weltmikrobentag konkret tun, um einen offiziellen UN-Welttag zu bekommen?

Molfenter: "Der, der sich dafür interessiert, muss seine nationale Regierung dafür begeistern können, dass das ein wichtiges Thema ist und dann geht das Verfahren seinen Gang – heißt, eine nationale Regierung, ein Staat bringt eine Resolution ein, und dann würde in der Theorie in New York darüber abgestimmt werden."

Wenn ein Vorschlag erst einmal in New York bei der UN-Generalversammlung landet, ist die Chance, dass er abgelehnt wird, sehr gering, sagt Arne Molfenter. Denn der Vorschlag geht davor durch sehr viele nationale Gremien und ist dann in der Regel schon sehr weit ausgereift. Die sogenannte "Resolution", die dann von einem Staat eingebracht und von der Generalversammlung unterstützt wird, ist ein Papier – ein sehr bürokratisch formulierter Text, der ausdrückt, dass die Vereinten Nationen ein Thema weltpolitisch relevant finden. Wer sich aber – vor allem im Internet – auf die Suche nach Welttagen macht, bekommt schnell das Gefühl, dass es dabei nicht nur um weltpolitische Themen geht.

Molfenter: "Der Punkt ist der, man muss glaube ich differenzieren zwischen den internationalen Tagen, die die vereinten Nationen begehen und anderen Tagen, die zum Beispiel Verbände ausrufen. Oder Lobby-Organisationen, Unternehmen, etc. Wenn Sie sich diese Liste angucken, es gibt den Tag des Butterbrots, den Tag der Jeans-Hose und es gibt den Welttag des Kusses, und all das sind Themen, mit denen die Vereinten Nationen nichts zu tun haben. Das machen andere Gruppen."

"Tag der Praline" hat keine Chance

Manche Verbände wollen dann ihren Tag sogar zum offiziellen UN-Welttag machen – auch damit hat Arne Molfenter mehrmals pro Woche zu tun:

"Also wir hatten neulich mal eine Anfrage eines Süßwarenherstellers, ja das war so der Tag der Praline, wenn ich's richtig im Kopf habe. (Pause) Hat wenig Aussicht auf Erfolg, ja."

In den Prinzessinnengärten haben Carmen und Svenja keinen Zweifel daran, dass die Mikroben mindestens genauso wichtig sind wie der offizielle UN-Welttag, der an diesem Sonntag begangen wird – das ist nämlich der Welttag für die Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürre.

Carmen: "Wüstenbildung ist auch kein rein natürlicher Prozess. Agrarwüste kennt man ja auch schon als Begriff. Toter Boden verwandelt sich sehr viel schneller in Wüste, als wenn wir den Boden stets mit Mikrobenaktivität lebendig halten, insofern ist auf jeden Fall mikrobielle Aktivität 'ne gute Wüstenbildungsprävention. Auf nach New York, würde ich sagen. (Lachen)."

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 27.1.2018)

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