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Kompressor | Beitrag vom 13.12.2017

Weltkulturerbe in EritreaDer Charme des Maroden

Peter Volgger im Gespräch mit Gesa Ufer

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Fotografie "A building from the 1930s on Harnet Avenue" aus dem Buch "Architecture in Asmara - Colonial Origin and Postcolonial Experiences", DOM Verlag (Katharina Paulweber)
Fotografie "A building from the 1930s on Harnet Avenue" aus dem Buch "Architecture in Asmara - Colonial Origin and Postcolonial Experiences", DOM Verlag (Katharina Paulweber)

In diesem Jahr ist Asmara, die Hauptstadt von Eritrea, in das Welterbe der Unesco aufgenommen worden. Prachtstraßen und Fabrikgebäude erinnern an die italienische Kolonialzeit. Die Bevölkerung identifiziere sich bis heute damit, erklärt der Architekturtheoretiker Peter Volgger.

Eritrea ist einer der ärmsten und unbekanntesten Staaten Afrikas. Die Hauptstadt Asmara verdient besondere Aufmerksamkeit, denn sie wurde in diesem Jahr auf Grund ihrer besonderen Architektur in die Liste des Weltkulturerbes der Unesco aufgenommen. Von italienischen Bauherren während der Kolonialzeit erbaut, entstand ein Ensemble moderner Architektur, das bis heute erhalten ist - mit dem Charme des Maroden. Europäische Architekten, die ihre Projekte in den Hauptstädten Europas nicht realisieren konnten, setzten sie in Eritrea um. Viele modernistische Bauten der Kolonialzeit sind legendär, wie etwa eine Tankstelle in Form eines startenden Flugzeugs.

Die Schönheit der Bars und Kinos

Der Architekturtheoretiker Peter Volgger, der in Asmara recherchiert und gemeinsam mit Stefan Graf das Buch "Architecture in Asmara" geschrieben hat, erklärt:

"Asmara ist auch als 'Frozen City' bekannt geworden, als eine Stadt im Stillstand. (...) Die Stadt ist entstanden in einer sehr kurzen Phase zwischen 1935 und 1941, als die italienischen Faschisten beschlossen, die Stadt als ein Sprungbrett für den Abessinienkrieg auszubauen. (...) In dieser Zeit sind sehr schöne Prachtstraßen und Gebäude entstanden – zum Beispiel die wunderschönen Kinos, die es in Asmara gibt."

Fotografie "Bar interior" aus dem Buch "Architecture in Asmara - Colonial Origin and Postcolonial Experiences", DOM Verlag (Eric Lafforgue)Fotografie "Bar interior" aus dem Buch "Architecture in Asmara - Colonial Origin and Postcolonial Experiences", DOM Verlag (Eric Lafforgue)

Neben den Kinos schwärmt Volgger auch von der besonderen Atmosphäre der Bars: "mit Leder bezogenen Freischwingern" und "mit großen Glasfenstern, die sich zum Stadtraum öffnen". Er betont, dass die meisten Bauten in einem relativ guten Zustand seien.

Italienische Atmosphäre

"Das Augenfälligste an der Architektur in Asmara ist, dass die Architektur ja eigentlich einen faschistischen Ursprung hat, allerdings von der Bevölkerung angeeignet worden ist. Das ist auch der Grund, warum die Unesco gesagt hat: 'Es handelt sich zwar um die Architektur mit einem schwierigen historischen Hintergrund, aber das Besondere an dieser Architektur ist die Aneignung durch die lokale Bevölkerung.' (...) Die Leute identifizieren sich zu 100 Prozent mit dem, was die Italiener hinterlassen haben. Also alles, was italienisch ist, ist dort positiv besetzt. Es gibt eine italienische Atmosphäre dort, mit der man sich identifiziert, Cappuccino trinkt. (...) Das ist verblüffend für mich auch als Südtiroler."

Nicht zuletzt dank der Forschungsarbeit von Peter Volgger wurde Asmara in die UNESCO Weltkulturerbeliste aufgenommen. Ihm geht es aber um mehr:

"Es geht auch darum, nicht nur die ursprüngliche sogenannte europäische Stadt zu schützen, sondern auch eine Zone außerhalb davon, wo ursprünglich die indigenen Viertel angesiedelt waren, was natürlich für die örtliche Identität eine außerordentliche Bedeutung hat. Aber nicht nur die sogenannte afrikanische Pufferzone gehört dazu, sondern auch die Landschaft rundherum."

(cosa)

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