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Zeitfragen | Beitrag vom 13.10.2020

Weltgrößter PassagierflughafenAtlantas Angst vor neuem Lockdown

Von Katja Ridderbusch

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Außenbereich am Flughafen Atlanta (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)
In normalen Zeiten habe Atlanta 310.000 Passagiere am Tag, in der ersten Aprilwoche waren es 9000, sagt der Flughafenchef. (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)

Am größten Passagierflughafen der Welt in Atlanta (USA) herrscht gespenstige Leere. Die Coronapandemie hat den Flugverkehr einbrechen lassen. Gibt es einen Weg aus der Krise?

Ein Nachmittag im Oktober auf dem Hartsfield-Jackson International Airport in Atlanta. In der Ankunftshalle des weltgrößten Passagierflughafens drehen sich nur wenige Gepäckbänder. Um sie herum stehen Passagiere, einige auf Abstand, alle mit Masken. Das ist Pflicht.

Eine junge Frau erzählt, dass sie und ihr Partner gerade aus Las Vegas gekommen sind für einen Familienbesuch. Der erste Flug seit Ausbruch der Pandemie. "Wir haben uns sicher gefühlt", sagt sie. 

Auf der Abflugseite passiert ein stetiger Strom von Reisenden den Sicherheitscheckpoint. John Selden ist Flughafenchef von Atlanta und gibt sich zuversichtlich: "Wir befinden uns in einem sehr langsamen Aufstieg aus dem tiefen Covid-Tal."

In normalen Zeiten habe Atlanta 310.000 Passagiere am Tag auf 2600 Flügen. In der ersten Aprilwoche waren es 450 Flüge und 9000 Passagiere – ein Rückgang von 97 Prozent der Reisenden und 87 Prozent der Flüge. "Das war der Tiefpunkt", sagt Selden.

"Ich wusste, es wird schlimm"

Er war Pilot bei der US-Marine und später bei American Airlines. Er erinnert sich an einen Tag Ende März, als der landesweite Lockdown und der Einreisestopp in die USA eindrücklich Wirkung zeigten.

John Selden steht am Flughafen und trägt eine Maske (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)Flughafenchef John Selden sah Ende März viele Flugzeuge, die am Boden bleiben mussten. (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)

"Ich fuhr am Morgen zur Arbeit, die Sonne ging auf, und ich sah auf einer unserer Landebahnen Flugzeugheck an Flugzeugheck", erinnert sich Selden. Hunderte Flugzeuge, geparkt in einer langen Reihe. "Als ich dann das Gebäude betrat, wo normalerweise immer das Leben brummt, konnte man eine Stecknadel fallen hören." In dem Moment wusste er: "Es wird schlimm."

Weltweit brach der Flugverkehr ein, und Schockwellen gingen durch die Wirtschaft, sagt Jeff Price, Professor für Luftfahrtmanagement an der Metropolitan State University of Denver.

In den USA fliegen bis zu 800 Millionen Menschen im Jahr. Und im Umfeld eines Flughafens gebe es Restaurants und Hotels, "eine Infrastruktur mit tausenden Angestellten". Zulieferer für Kerosin, Catering-Unternehmen, Zentren für Flugtraining. "Alles Branchen, die von der Luftfahrt abhängen. Das ist ein riesiger Trickle-down-Effekt.", so der Wissenschaftler.

Bei Delta Airlines, deren Heimatflughafen Atlanta ist, schlug Corona zeitweise mit einem Verlust von täglich 100 Millionen Dollar zu Buche. Auch Flughäfen selbst verlieren zentrale Einnahmequellen: Parkgebühren für Autos und Landegebühren für Flugzeuge. Lizenzen für Taxi- und Limousinen-Dienste. Und vor allem: Mieten von Geschäften und Restaurants. 

Flugbetrieb bricht um 97 Prozent ein

Dennoch sei der Flughafen Atlanta die ganze Zeit offen gewesen, sagt Airport-Manager Selden. Auch dank einer staatlichen Finanzspritze von 338 Millionen Dollar. Neben den wenigen Passagierflügen habe Atlanta Charterflüge mit medizinischem Personal und Schutzausrüstung abgewickelt. Außerdem nahm mit dem boomenden Online-Handel auch die Zahl der Frachtflüge zu.

Seit einigen Wochen zieht auch der Passagierverkehr wieder an. Am Tag meines Besuches im Oktober zählte der Airport Atlanta 115.000 Passagiere und 1600 Flüge – fast alle im Inland. Die internationalen Terminals wirken noch immer wie ausgestorben. Reinigungscrews schieben ihre Wagen träge durch die leeren Wartezonen.

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Nur knapp 20 von ursprünglich 200 internationalen Flüge heben derzeit pro Tag in Atlanta ab – darunter nach Mexiko City, London, Paris und Amsterdam.

Am zentralen Sicherheitscheckpoint verteilt ein Mitarbeiter derweil Gesichtsmasken aus weißer Baumwolle. Mehr als 400 Hand-Desinfektionsstationen sind über den Airport verteilt. Plakate und Durchsagen fordern zum Einhalten der Abstandsregeln auf.

Sicherheitscheckpoints, Toiletten, Wartebereiche und Passagierbrücken werden mehrmals am Tag tiefengereinigt. Jeder Check-in-Counter und jede Kasse ist mit Plexiglasscheiben geschützt.

Flughafenseelsorger im Dauereinsatz

Die neuen Hygieneregeln hinterließen Spuren, sagt Blair Walker. Er ist Flughafenseelsorger. Die Menschen seien gestresster, sagt der ausgebildete Lehrer und protestantische Pastor. Die Angestellten hätten vor allem Angst um ihren Arbeitsplatz, die Passagiere vor der Ansteckung.

Blair Walker steht mit Maske am Flughafen Atlanta (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)"Wir nehmen uns jetzt mehr Zeit, die Körpersprache zu lesen", sagt Flughafenseelsorger Blair Walker. (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)

Er versuche zu helfen, doch da gebe es eine spezielle Herausforderung: Alle müssen Masken tragen. "Und da ist es schwieriger geworden, Gesichtsausdrücke zu lesen, Blickkontakt aufzunehmen", so Walker. Auch er habe lernen müssen, den ganzen Menschen zu beobachten. "Wir nehmen uns jetzt mehr Zeit, die Körpersprache zu lesen."

Von der Seelsorge bis zum Hygienemanagement, Luftfahrtprofessor Price ist überzeugt: Der Airport von Atlanta zeige, wie sich Flughäfen künftig verändern würden: "Wir werden künftig in Flughäfen mehr autonome Technologie sehen, wie Software für Gesichtserkennung beim Check-in und Boarding." Die Pandemie beschleunige die Entwicklung zur kontaktlosen Technologie. Bereits seit 2018 testet Delta Airlines eine Gesichtserkennungssoftware am Hartsfield-Jackson International Airport. 

Der lange Weg zur Normalität

Doch ehe die wirklich gebraucht wird, kann es dauern: Die Zahl der Passagiere steigt nur langsam, vor allem fehlen lukrative Geschäftsreisende. Die haben erfahren: Ein Zoom-Meeting kann bisweilen eine Dienstreise ersetzen.

Dennoch ist Atlantas Flughafenchef John Selden vorsichtig optimistisch: "Es wird ein striktes Test-Protokoll am Flughafen geben." Entweder müssten Passagiere eine zeitnahe Testbescheinigung vorlegen oder die Airlines testeten direkt am Gate. Wenn es konsequente Tests von Reisenden und Mitarbeitern gebe, die Maskenpflicht eingehalten werde und ein Impfstoff komme, "dann wird der Flugbetrieb wieder anziehen." 

Vielleicht könnte Atlanta sogar in diesem Jahr wieder den – wenngleich relativen – Spitzenplatz in der globalen Rangliste der passagierreichsten Flughäfen einnehmen, sagt Selden. Zwar nicht mit 100 Millionen Passagieren, aber vielleicht mit 40 Millionen.

Zurück bei der Gepäckausgabe. Das Paar aus Las Vegas plant bereits die nächste Flugreise. Und zwar nach Honduras. Falls man sie dort überhaupt reinlasse, sagt die junge Frau. Sie sei jedenfalls bereit, endlich wieder zu reisen.

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