Weltglückstag

    Das Glück hat immer Auswärtsspiel

    04:26 Minuten
    Schneeflocken fallen auf das Gesicht einer jungen Frau, die am Waldrand steht. Ihre Augen sind geschlossen und sie hat ein breites Lachen im Gesicht.
    "Wer ein Wofür zu leben hat, erträgt fast jedes Wie": Der Wiener Arzt Viktor Frankl hat diesen Satz bekannt gemacht. © Unsplah / Jamie Brown
    Ein Plädoyer von Christian Thiele · 19.03.2021
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    In der jetzigen Krise von Glück zu sprechen oder Glück anzustreben, das ist keinesfalls weltfremd oder gar zynisch, findet der Coach Christian Thiele. Er verteidigt das Glück gegen seine Verächter und gegen eine Happyologie, die unglücklich macht.
    Mach Limonade aus den Zitronen, die dir das Leben schenkt. Sieh die Chancen in der Krise. Notiere die schönen Momente auf einem Glückszettel. Denk positiv. Schmiede dein Glück.
    Diese Happyologie kann stressen. Der Glückismus überfordert viele und macht sogar unglücklich.
    Wir Deutschen, im aktuellen World Happiness Report der Vereinten Nationen auf Platz 17 – hinter Israel und vor den Vereinigten Staaten – haben eh so unser eigenes Verhältnis zum Glück: Das "Streben nach Glück", den US-Bürgern per Unabhängigkeitserklärung garantiert, scheint uns Deutschen eher suspekt. Glück ist oberflächlich. Flüchtig.
    Uns fehlt selbst ein treffender Begriff dafür. Denn das mitteldeutsche Wort "gelücke" meinte ursprünglich "die Art, wie etwas endet/gut ausgeht". Die alten Griechen kannten schon die Unterscheidung zwischen Hedonia, dem spaßigen Leben, und Eudaimonia, dem sinnvollen, gelingenden Leben.
    Die Engländer sprechen von luck, wenn sie vom Zufallsglück sprechen und von happiness, wenn sie das Wohlbefinden meinen. Die Franzosen haben la bonne chance und le bonheur. Nur wir haben lediglich dieses eine Wort für diese beiden so unterschiedlichen Facetten des guten Lebens. Aber ich finde: Das Glück – egal wie es heißt – gehört verteidigt.
    Gegen den Vorwurf der Oberflächlichkeit.
    Gegen den Vorwurf der Überforderung.
    Gegen den Vorwurf der Unmöglichkeit.

    Das Gehirn ist auf Negatives gepolt

    Das Glück hat im menschlichen Gehirn sowieso ein permanentes Auswärtsspiel. Das Negative, die Angst, die Gefahr wird immer schneller und stärker im menschlichen Gehirn verarbeitet, hält länger an als gleich starke positive Impulse. Diese "Negativitätsasymetrie" hat uns evolutionsgeschichtlich zum Vorteil gereicht. Weil wir so den Säbelzahntiger im Gebüsch oder die giftige Beere nicht aus dem Sinn verloren. Aber heute? Macht uns die Negativitätsverzerrung das Leben unnötig schwer.
    Die israelische Soziologin Eva Illouz hat neulich in einem "Spiegel"-Interview die positive Psychologie und die Rede vom Glück als "pure Ideologie des Neoliberalismus" gebrandmarkt. Die Verantwortung werde vollständig auf den Einzelnen geschoben, außerdem würden negative Gefühle wie Zorn, Wut oder Hoffnungslosigkeit "stigmatisiert". Ja, das Streben nach Glück, argumentiert Illouz, schade sogar dem Fortschritt, weil es ohne Zorn oder Hoffnungslosigkeit gar keinen Antrieb zur Veränderung gäbe.
    Das greift zu kurz. Damit verwechselt Illouz nämlich die Hedonia, das Glück des Momentes, das Glückstee- und Vanilleeisglück, mit der Eudaimonia, dem eher stillen Glück des Wohlbefindens, des verbundenen, sinnvollen, gelingenden Lebens. Und natürlich brauchen Leid, Trauer, Zweifel Platz im Leben, wir können sie nicht einfach im Sinne einer falsch verstandenen, toxischen Positivität aus dem Leben streichen.

    Wie man an Krisen wachsen kann

    Aber gerade für das Wachstum in, an und nach Krisen braucht es drei Dinge:
    Die Erfahrung von Sinn. "Wer ein Wofür zu leben hat, erträgt fast jedes Wie": Der Wiener Arzt Viktor Frankl hat vier Konzentrationslager überlebt und hat diesen Satz bekannt gemacht. Wer ein Ziel hat, wer sich die Bedeutsamkeit des eigenen Tuns und Lebens vor Augen führt, kommt auch besser durch schwere und unübersichtliche Zeiten.
    Zweitens Kontakt und Verbindung. Das fällt uns ja gerade so schwer, weil viele Kontakte erschwert oder unmöglich geworden sind. Gleichzeitig haben viele Menschen neue Formen des Miteinanders erfunden – vom Zoom-Bierchen nach Feierabend bis zur Mühlepartie mit der Oma per Skype.
    Drittens die positiven Emotionen, also das Vanilleeis, das Fotoalbum vom letzten Urlaub – und meinetwegen auch der Glückstee.
    Wenigstens zum Weltglückstag könnten wir das doch mal probieren, oder?

    Christian Thiele ist Coach und Autor, sein Podcast "Positiv Führen" ist auf allen großen Plattformen zu hören (www.positiv-fuehren.com). Er gehört zum Trainerteam der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie, ist (meist) zuversichtlicher Patchwork-Vater und lebt in Garmisch-Partenkirchen.

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