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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.05.2018

WeltgenomprojektWie aussterbende Arten reproduzierbar bleiben

Alexander Müller im Gespräch mit Dieter Kassel

Ein Bock der selten gewordenen Girgentanaziege aus Sizilien mit seinen imposanten. schraubenzieherartigen Hörnern (imago / Harald Lange)
Ein Bock der selten gewordenen Girgentanaziege aus Sizilien mit seinen imposanten. schraubenzieherartigen Hörnern (imago / Harald Lange)

Gottes Bauplan fürs Archiv: Die Genome von rund 1,5 Millionen Tieren und Pflanzen sollen durch das Earth BioGenome Project entschlüsselt werden. Alexander Müller warnt vor dem Einfluss des "großen Gelds" auf dieses Projekt.

Dieter Kassel: Es ist ein riesiges Wissenschaftsprojekt, das Evolutionsbiologen, Ökologen, Molekulargenetiker, Botaniker und andere Wissenschaftler aus den USA und etlichen weiteren Staaten auf den Weg bringen wollen, und doch ist es noch gar nicht so richtig bekannt öffentlich: Es geht um das EBP, das Earth BioGenome Project, und innerhalb dieses Projektes sollen die Genome sämtlicher Eukaryoten, also von allen höheren Lebewesen, Lebewesen, deren Zellen einen Zellkern haben, entschlüsselt werden.

Das heißt, es geht konkret um die Entschlüsselung des Genoms oder der Genome von rund 1,5 Millionen Tieren und Pflanzen. Bisher sind in 99,8 Prozent dieser Fälle die Genome noch nicht entschlüsselt, das heißt, es ist eine Menge Arbeit, die die Wissenschaftler in, so sagen sie selber, wenn alles gut geht, nur zehn Jahren leisten wollen. Und das Ganze soll vor allem einem Zweck gelten, nämlich dem Erhalt der Artenvielfalt. Ob das wirklich gelingen kann, ob diese Ankündigung so überhaupt für bare Münze zu nehmen ist, darüber wollen wir jetzt mit Alexander Müller reden. Er war bis 2013 stellvertretender Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, FAO, und ist jetzt zusammen mit auch Klaus Töpfer unter anderem tätig beim in Berlin ansässigen Nachhaltigkeits-Thinktank TMG. 

"Artenvielfalt unter Druck"

Reden wir mal über die Grundabsicht dieses Projekts: Völlig abgesehen davon, wie realistisch das ist, das alles zu schaffen, glauben Sie wirklich, dass eine solche Massengenomentschlüsselung zum Erhalt der Artenvielfalt auf dieser Welt beitragen könnte?

Müller: Automatisch garantiert nicht. Die Artenvielfalt ist unter Druck – durch Landwirtschaft, durch Entfaltung, durch die Urbanisierung. Wir verlieren alle möglichen Arten, selbst Arten, die wir heute überhaupt noch nicht kennen, und von daher ist eine wissenschaftliche Untersuchung nicht automatisch ein Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt. Ganz im Gegenteil, ich will ausdrücklich davor warnen, dass man glaubt, dadurch, dass man das Genom identifiziert und gespeichert hat, dass man dadurch schon Konservierung von Arten betreiben kann. Das könnte ein gefährlicher Irrweg sein.

"Vergleichbar mit der Mondlandung"

Kassel: Das ist ja das Interessante. Mir ging als Laie sofort durch den Kopf, ob man dann nicht, ob einige Kreise nicht sagen könnten, wir haben das jetzt alles in irgendeiner Art von Archiv, das heißt, wir müssen uns nicht mehr so stark wie bisher darum bemühen, ein Aussterben zu verhindern, denn wenn es zum Aussterben kommt, können wir das alles künstlich wieder schaffen.

Müller: Das ist genau der Ansatz. Am Beispiel des Amazonas, des großen Waldes in Brasilien, wird gesagt, den können wir sowieso nicht wieder schützen, deswegen müssen wir die Biodiversität erfassen, müssen sie analysieren, in Riesencomputern speichern, und später können wir das alles wieder zusammensetzen. Ich glaube, dass mit einem solchen Ansatz der Druck auf Biodiversität, das Schwinden der Arten weiter zunehmen wird. Denn warum sollen wir das denn schützen, wenn wir das später wieder zusammenbasteln können?

Kassel: Aber könnte es nicht umgekehrt doch Sinn machen, denn ich meine, ich glaube, dass das Wissenschaftler allein schon, weil sie einfach neugierig sind und gucken wollen, was schon möglich ist, versuchen werden, die Genome zu entschlüsseln, kann man kaum verhindern. Kann man das nicht in irgendeine Bahn lenken, die doch sinnvoll ist für uns alle?

Müller: Man wird es nicht verhindern können und man soll es auch nicht verhindern. Das ist im Augenblick aus meiner Sicht das größte wissenschaftliche Projekt, was wir auf dieser Erde haben, vergleichbar mit der Mondlandung. Es geht darum, nicht nur die von Ihnen schon genannten 1,5 Millionen Arten zu entziffern und zu speichern, man hofft ja auch, circa zehn Millionen neue Arten zu entdecken, die man heute überhaupt noch nicht kennt. Also von daher ist das ein riesiges wissenschaftliches Projekt. Was wir brauchen, sind klare Leitlinien. Es kann nicht sein, dass unter der Überschrift 'Biodiversität wird sequenziert - wir brauchen keinen Artenschutz mehr zu betreiben' das Vernichten der Arten vorangetrieben wird. Und deswegen, ja zur Wissenschaft, aber klare und verbindliche Leitlinien, wie mit diesen Genomen, mit den Sequenzen umgegangen werden soll und wie gleichzeitig der Artenschutz gestärkt werden kann.

Kassel: Nun ist das Ganze natürlich auch teuer, und die Wissenschaftler haben jetzt schon Geld von der Weltbank zugesagt bekommen und sagen selber, sie wollen da die Verbindung schaffen zwischen Kommerz und Gemeinnützigkeit. Kommerz kann ich mir relativ leicht vorstellen, man könnte diese Datensätze ja auch zum Beispiel zur Entwicklung neuer Medikamente oder anderer Substanzen benutzen, aber Kommerz und Gemeinnützigkeit zusammen bei so einem Projekt, halten Sie das für denkbar?

Müller: Es gibt ja heute schon einen Ansatz, den Internationalen Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen, der wurde bei der vorhin schon benannten FAO im Jahr 2001 verhandelt und ist seit 2004 in Kraft. Dieser Vertrag regelt den Zugang zu genetischen Ressourcen für die Welternährung – Saatgut – und den Vorteilsausgleich. Wenn ein Land ein bestimmtes Saatgut hat und die Gene anderen Ländern zur Pflanzenzucht zur Verfügung stellt, soll es einen Vorteilsausgleich geben. Diese Kombination von Kommerz und Forschung und Gemeinnützigkeit gibt es schon, aber eine ähnliche vertragliche Regelung, wie es sie für die pflanzengenetischen Ressourcen für unser Saatgut schon gibt, die sehe ich bei diesem Earth BioGenome Project überhaupt nicht. Da gibt es vielleicht müde Absichten, aber es gibt keinerlei konkrete Schritte, um zu sichern, dass es am Ende nicht nur um Kommerz geht und dass wir so etwas haben wir einen massiven Datenmissbrauch der Lebensbibliothek all unserer Pflanzen und Tiere.

"5 Milliarden US-Dollar für die Bibliothek des Lebens"

Kassel: Es gibt ja auch dann noch das Nagoya-Protokoll und andere Versuche, konkret unter anderem zu verhindern, dass Wissenschaftler im Auftrag von Konzernen möglicherweise aus Nordamerika, aus Mittel- und Westeuropa nach Asien, nach Afrika, nach Südamerika gehen, dort irgendwelche pflanzlichen, tierischen Rohstoffe quasi ernten, abschöpfen, um damit woanders ein Geschäft zu machen. Aber ich kann mir nun durchaus vorstellen, dass bei diesem Weltgenomprojekt halt wieder Wissenschaftler aus den USA oder auch aus Deutschland, irgendwo hinreisen. Ich weiß nicht, wie man das dann macht – vor Ort sequenzieren oder die Tiere auch hierher mitnehmen und das alles an den Staaten, in denen diese Tiere leben, zum Beispiel vorbeigeht. Das wäre dann natürlich kein so ganz gemeinnütziges Projekt mehr.

Müller: Überhaupt nicht, und deswegen muss man von Anfang an aufpassen, wie die Rechte zum Beispiel indigener Völker, die über Jahre diese Pflanzen gezüchtet haben oder die sie beschützt haben, mit in den Vertrag einfließen. Das darf nicht nur vom großen Geld bestimmt werden. Es gibt die Aussage, dass man circa fünf Milliarden US-Dollar wird einsetzen müssen, um diese Bibliothek des Lebens überhaupt aufzusetzen, das heißt, das große Geld darf nicht alleine bestimmten, wer Zugang zu diesen genetischen Ressourcen hat. Und bei allen Schwächen, die das Nagoya-Protokoll hat oder der Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen, es ist nun mal die einzige Möglichkeit, wie Länder dieser Erde versuchen, einen fairen Ausgleich und einen fairen Handel von Saatgut zu organisieren – bei allen Schwächen die einzige Möglichkeit, die wir im Augenblick haben.

Kassel: Aber sehen Sie denn im Moment schon irgendwelche Pläne? Es sind ja bisher nur allgemeine Aussagen der Wissenschaftler: Wir wollen eigentlich mit jedem zusammenarbeiten. Sehen Sie denn irgendwelche Pläne, dieses Genomprojekt vielleicht bei irgendeiner UN-Organisation – der FAO zum Beispiel, aber auch woanders – anzusiedeln oder es wenigstens auf eine andere Art und Weise multinational auch in der Politik zu verankern?

Müller: Überhaupt nicht. Was ich sehe, sind klare Zahlen über den Investitionsbedarf, fünf Milliarden. Es sind Spekulationen über eine Billiardengeschäft, das damit angekurbelt werden kann, und es gibt hier und da einzelne Sätze, die sagen 'Ach, wir müssen das über Protokolle auch regeln, und da wollen wir uns an internationale Standards halten'. Das passt überhaupt nicht zusammen, und deswegen sage ich nicht, stoppt das Projekt, sondern ich sage, kontrolliert es, schaut, dass es Leitlinien dazu gibt, und schaut, dass es im multilateralen System so verankert wird, dass es zum Vorteil von allen ist und nicht zum Vorteil von vielen und nur auf Gewinnerzielung ausgerichtet ist.

Kassel: Derjenige, der das sagt, bei uns gerade gesagt hat, ist Alexander Müller vom Nachhaltigkeits-Thinktank TMG in Berlin. Herr Müller, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Müller: Danke sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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