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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.06.2018

WeltflüchtlingstagEinmal gut integrierter Flüchtling, bitte

Von Konrad Spremberg

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Ein Kameramann filmt eine Flüchtlingsfamilie an einem UNHCR-Zelt (imago stock&people)
Ein Kameramann filmt eine Flüchtlingsfamilie an einem UNHCR-Zelt (imago stock&people)

Der 20. Juni ist alljährlich der Weltflüchtlingstag. Doch wozu dient er, wenn die Medien ohnehin alltäglich über Flucht, das Elend der Flüchtlinge und Flucht-Verhinderungs-Mechanismen berichten?

Suchbegriff: "Flüchtlinge" Suche nach: "News". Aha, zwölf Millionen Ergebnisse und auf der ersten Seite fast nur Artikel von gestern und heute. Keine Ahnung, wie weit ich jetzt scrollen müsste, um Berichte aus Anlass eines Weltflüchtlingstags zu finden. Das zeigt natürlich gut, wie präsent diese Debatte ist, über Flucht und flüchtende Menschen. Aber spielt so ein Welttag dann überhaupt eine Rolle? Anruf beim Flüchtlingsrat Nordrhein-Westfalen: 

"Naujoks, guten Morgen."

Birgit Naujoks ist die Geschäftsführerin. Der Flüchtlingsrat macht Lobbyarbeit, ist eng vernetzt mit den Initiativen vor Ort und stellt Forderungen an die Politik auf. Birgit Naujoks hat erlebt, wie sich die Bedeutung eines Welttags innerhalb kürzester Zeit komplett verändern kann. Und wie so oft, wenn es um Flucht nach Deutschland geht, ist der Wendepunkt auch in Sachen Welttag das Jahr 2015.

"In den Jahren vor 2015 war das immer ein Anlass, den Fokus auf das Thema Flüchtlinge zu lenken. Wir haben auch Anfragen speziell zu diesem Thema bekommen. Ab 2015 stand das Thema Flüchtlinge dann ja ohnehin im Fokus der Öffentlichkeit. Da spielte der Weltflüchtlingstag auf einmal eine eher untergeordnete Rolle. Das heißt, es wurde viel über Flüchtlinge berichtet, aber an allen Tagen."

Der Flüchtling? Für viele ein vermeintlich Krimineller

Heißt das, der Weltflüchtlingstag 2018 ist mehr oder weniger egal, weil das Thema ja ohnehin immer noch riesig ist? - Nein, sagt Birgit Naujoks. Was das Ausmaß der Aufmerksamkeit betrifft, wird der 20. Juni vielleicht ein Tag wie jeder andere. Aber inhaltlich könnte er herausstechen. Das hoffen sie zumindest beim Flüchtlingsrat NRW: 

"Für dieses Jahr halte ich den Weltflüchtlingstag für besonders wichtig, um in den Fokus zu rücken: Es geht tatsächlich um die schutzsuchenden Menschen. Wir führen im Moment Debatten und Diskussionen, die sehr negativ besetzt sind. Und das ist Anlass genug, noch 'mal den Blick darauf zu lenken: Warum hat man eigentlich diesen Weltflüchtlingstag erschaffen?"

Birgit Naujoks wünscht sich einen Fokus auf die Situation und das Leid der Menschen, die fliehen mussten. Nicht auf Flüchtlinge als vermeintliche Kriminelle und Terroristen:

"Und insofern spielt der Tag nach wie vor eine Rolle, weil das auch Tage sind, wo wir die Themen setzen können. Es ist ja oft so, dass wir reagieren auf Themen oder dass wir Anfragen kriegen zu bestimmten Themen. Und das sind natürlich so Anlässe, wo wir sagen können: Nee, heute wollen wir aber den Blick lenken genau auf die Situation von Flüchtlingen insgesamt. Es geht um die schutzsuchenden Menschen und unseren generellen Umgang damit."

Berichtet wird fast nur über die jungen und gut Ausgebildeten

Darum veröffentlichen Initiativen wie der Flüchtlingsrat NRW Pressemitteilungen zum Welttag. Ohne die Medien geht es nicht. Gerade am Weltflüchtlingstag kommen viele Anfragen von Journalistinnen und Journalisten, die nach Flüchtlingen als Protagonisten suchen. Meistens freut das Birgit Naujoks – wenn sie sich nicht wie eine Dienstleisterin fühlt:

"Es ist tatsächlich schon vorgekommen, dass sehr konkrete Vorstellungen da waren bezüglich der Herkunft, des Alters, des Aufenthaltsstatus des Betroffen und da zeichnet sich in der Regel auch ein bestimmtes Bild ab. Am besten jung, gut ausgebildet, anerkannt, schon die Sprache sprechend. Wer zählt zu den guten Flüchtlingen? – dass das oft im Vordergrund steht."

Ein Welttag hat eigenen Mechanismen. Aufmerksamkeit ist kostbar. Da werden Hilfsorganisationen zu Casting-Agenturen. Aber wenn es läuft, ist der 20. Juni ein guter Tag für schutzsuchenden Menschen. Hier und weltweit.

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