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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.04.2012

Weltflucht als Voraussetzung

Giorgio Agamben: "Höchste Armut. Ordensregeln und Lebensform. Homo Sacer IV, 1", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012, 207 Seiten

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Dem Kloster als freiwilligen Rückzugsort gilt Agambens Interesse. (dpa / picture alliance / Rolf Zimmermann)
Dem Kloster als freiwilligen Rückzugsort gilt Agambens Interesse. (dpa / picture alliance / Rolf Zimmermann)

Als Fortsetzung seines viel beachteten "Homo sacer" will Giorgio Agamben sein neues Werk verstanden wissen. Ausgehend vom Leben im Kloster setzt sich der italienische Philosoph in "Höchste Armut" mit Fragen von Eigentum, Gebrauch und Zufriedenheit auseinander.

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben gilt als einer der wegweisenden Denker der Gegenwart. Inzwischen stellt der 1942 geborene und in Venedig lehrende Agamben im philosophischen und kulturwissenschaftlichen Diskurs eine Berufungsinstanz dar. Für Aufsehen hat er mit seinem Buch "Homo sacer" gesorgt, das 1995 in Italien und erst mit siebenjähriger Verspätung in Deutschland erschienen ist.

Der Homo sacer ist ein Mensch, der sich in einem Raum außerhalb des Rechts befindet. Er kann getötet, aber er darf nicht geopfert werden. Ausgehend von der antiken Rechtsprechung, fragt Agamben allerdings auch nach den Implikationen einer solchen Rechtsauffassung und den damit verbundenen Gewaltexzessen für die Moderne. Dabei kristallisiert sich für Agamben das "Lager" als der Ort heraus, in dem es möglich ist, einen Homo sacer zu töten, ohne einen Mord zu begehen. Ausgehend vom "nackten Leben" wendet sich Agamben also den Rechtlosen zu und versucht die Rechtsgrundlagen zu klären, die dem rechtlich sanktionierten Verbrechen zugrunde liegen.

Lebensformen und -regeln sind in Agambens neuem Buch "Höchste Armut" zwei zentrale Kategorien. Dass er dieses Buch als Fortsetzung seines "Homo sacer"-Projektes versteht, überrascht zunächst. Doch nach der Lektüre versteht man, dass "Höchste Armut" sich nur im Kontext der bisher erschienenen Bücher erschließt. Agamben geht davon aus, dass die Mönche das eigene Leben nicht als Besitz, sondern als Geschenk betrachten, von dem sie Gebrauch machen, indem sie es dem Schöpfer widmen.

Aus dem Verständnis des geschenkten Lebens – wobei sich Jesu Leben als vorbildhaft erweist –, entwickeln sie Regeln für das Zusammenleben, nach denen sie im Kloster leben wollen. Dazu gehört, dass sie u.a. eine bestimmte Kleiderordnung akzeptieren. Sie tragen aber Mönchsstab, Sandalen und Gürtel, weil sich darin für Außenstehende ihre Berufung und zugleich ihre Lebensform symbolisiert.

Agambens Interesse gilt auch deshalb dem Kloster, weil das Kloster für die Mönche einen freiwilligen Rückzugsort darstellt. Weltflucht wird zur Voraussetzung, um dem Herrn dienen zu können. Sie begeben sich ins "Exil" und verstehen es als "Metapher des vollkommenen Lebens". Von daher bilden die selbst auferlegten Regeln Normen, die sie in der freiwillig gewählten Lebensform anerkennen, wozu auch die Einhaltung der zeitlichen Regularien gehört, nach denen der Tagesablauf der Mönche geregelt wird.

Das Ergebnis des freiwilligen Exils ist hochgradige Zufriedenheit. Bei den Franziskanern, denen ein Teil von Agambens Untersuchung gilt, hat es dazu geführt, dass sie auf jeglichen Besitz verzichten. Sie machen Gebrauch von der Welt, aber sie missbrauchen sie nicht. Die sich daran anknüpfenden Fragen von Armut, Eigentum und Gebrauch, die Agamben im letzten des aus drei Teilen bestehenden Buches entwickelt, sind besonders interessant und höchst aktuell.

Besprochen von Michael Opitz

Giorgio Agamben: Höchste Armut. Ordensregeln und Lebensform. Homo Sacer IV, 1
Aus dem Italienischen von Andreas Hiepko
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012
207 Seiten, 19,99 Euro

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