Weltenbummeln als Beruf

Von Jörg Oberwittler · 15.05.2013
Ganze Generationen sind mit ihm um die Welt gereist: Der Reiseführer "Stefan Loose" mit dem markanten orangefarbigen Einband ist ein zuverlässiger Begleiter für Rucksacktouristen. Die Bücher machen dem englischsprachigen "Lonely Planet" seit 35 Jahren erfolgreich Konkurrenz. Was als Ein-Mann-Betrieb 1978 anfing, ist heute eine bekannte Reisebuch-Marke mit mehr als 40 Titeln. Stefan Loose hat seine ganze Familie mit dem Reisefieber infiziert. Wenn er nicht in Asien überwintert, trifft man ihn in Berlin. Jörg Oberwittler ist das gelungen.
"Hier hinten ist auch noch eine ganze Menge. Da ist unser Waffenlager. Das ist ein Blasrohr. Dann haben wir hier Pfeil und Bogen. Der ist auch echt."

Wer Stefan Loose in seiner Wohnung in Berlin-Kreuzberg besucht, muss eigentlich nicht mehr auf Weltreise gehen. Die Räume sind voller Mitbringsel aus exotischen Urlaubsgefilden. Holzfiguren aus Borneo, Korbsessel aus Bali, bunte Wandbilder aus Indien. In der Wohnung ist es, trotz kühler Temperaturen draußen, auffällig warm, beinahe schwül – wie in den Tropen. Stefan Loose hat die Heizung aufgedreht – mit dem deutschen Wetter mag sich der Weltenbummler nicht anfreunden.

"Hier (Griffgeräusche) Und das sind die Pfeile dazu. Aus Irian."

Das ist ein Teil der Insel Neuguinea. Stefan Loose führt durch die Welt – seit genau 35 Jahren geht das schon so. Dieses Jahr feiert seine Reiseführer-Reihe Jubiläum. Mittlerweile ist Loose 67. Den Verlag hat er inzwischen verkauft – reisemüde ist er trotzdem nicht. Als freier Autor arbeitet er weiter. Zu sehr reizt ihn das "permanente Fragezeichen", wenn er mit seiner Frau Renate oder Sohn Mischa in die Fremde reist.

"Ich lass mich auch sehr gern verunsichern von fremden Kulturen, weil ich dadurch eine ganze Menge lernen kann. Wir machen das in Nordostindien oder in Borneo und wir sind da schon in Gegenden, wo eigentlich niemand hinkommt. Und ich kann mich da an Sachen erinnern, wo wir ... ja, wir waren die ersten Weißen im Dorf, und die Kinder bis zu sechs, sieben Jahren hatten noch nie einen Weißen gesehen. Die rannten alle weg, und zwei Tage haben die Angst gehabt, weil die dachten, wir sind Geister."

Der erste Weiße im Dorf – Stefan Loose hat viele solcher Geschichten zu erzählen. Im Gespräch ist er sofort per Du, wirkt sehr bodenständig: Jeans, Pullover, Armreife und Ringe an den Händen. Sofort bietet er einen Tee an. Die Gastfreundschaft hat er aus Asien mitgebracht. Man merkt; hier erzählt jemand, der auf den Reisen Weisheit gewonnen hat.

"Das ist auch wieder ein Ding, was ich gelernt habe unterwegs: Dass das eigentlich nicht das Wichtige ist, materielle Güter anzuhäufen. Gerade wenn man in so abgelegene Gegenden kommt. Da gibt es nicht groß materielle Güter. Da geht's um ganz andere Dinge: Da geht es um Solidarität, um Gastfreundschaft. Und die sind mir eigentlich auch viel wichtiger, als jetzt hier ein großes Auto zu fahren."

Stefan Looses Frau bezeichnet ihn als "Nomaden". Jedes Jahr verbringen sie gemeinsam fünf, sechs Monate in Asien. Der Begriff "Heimat" ist Stefan Loose fremd. Der Grund hierfür liegt in seiner Kindheit: 1946 in der DDR in Sachsen geboren, Ende der Fünfzigerjahre flüchtet seine Familie nach Bayern.

Die Pubertät ist für den Jungen eine Odyssee durch den Westen. Je nachdem, wo der Vater als Ingenieur Arbeit findet. Als 15-Jähriger büxt er zum ersten Mal aus – nach Sizilien.

"Das war so mein Schlüsselerlebnis, was Reisen anbelangt. Und da bin ich völlig eingetaucht als unbedarfter Fünfzehnjähriger, der hier in dieser Kultur eigentlich immer gewesen ist. Ob es jetzt DDR oder Westdeutschland war – ist ja egal. Es hat mich schon fasziniert. Und damit ging's eigentlich los."

Es folgt seine Sturm- und Drang-Zeit: Links-alternative Studentenszene, in der er seine Frau kennen lernt, Lehramtsstudium in Englisch und Politik. Per Anhalter fährt das Paar bis nach Afghanistan. Als Taxifahrer in Berlin verdient er sich sein Geld für die Südost-Asien-Tripps. Er zählt zu den Pionieren, die die Region auf eigene Faust mit dem Rucksack bereisen. Und so entstand die Idee für seinen ersten Reiseführer. Ähnlich wie bei den Gründern des "Lonely Planets", mit denen er bis heute befreundet ist.

"Das hat sich damals einfach so ergeben aufgrund des Reiseverhaltens der Leute. In den 70ern sind junge Leute hauptsächlich ganz anders gereist als heute. Und die hatten viel mehr Zeit und weniger Geld. Und deshalb brauchten sie irgendwie Handwerkszeug. Wie macht man denn so was, wenn man zum Beispiel von Europa nach Australien fährt."

Wie kommt man von A nach B? Wo kann man günstig übernachten? Wo gut essen? All diese Tipps hat Stefan Loose aufgeschrieben und immer wieder aktualisiert. 1982 wird sein Sohn geboren. Auch er ist heute mit im Team. Die ganze Familie ist reisesüchtig. Das Ergebnis steht im Flur auf zwei mal zwei Metern: ein Regal voller orangefarbiger Reiseführer.

"Das sind alle – von der ersten Auflage bis zur neuesten."

Er zieht den neuesten Band heraus – über Malaysia. Nachdem er seinen Verlag 2002 verkauft hat, ist er jetzt wieder Freiberufler. Die Management-Aufgaben hatten ihn damals erdrückt. Stefan Loose hat sich für das Reisen entschieden und gegen das Geld. Das ist der rote Faden in seinem Leben. Sein Sohn Mischa musste als kleiner Junge mit.

"Das haben wir eigentlich bis zur Grundschule gemacht. Die Lehrer waren da sehr verständnisvoll. Viele Lehrer haben dann gesagt: 'Der lernt doch viel mehr auf der Reise, als er in der Schule lernt'. Was ja auch stimmt!"

Inzwischen lebt der Sohn selbst in Thailand. Stefan und Renate Loose besuchen ihn regelmäßig.
"Ich versuche, so lange zu reisen, wie ich mir das gesundheitlich leisten kann. Was dann kommt, weiß ich nicht."

Ein Ort hat es ihm besonders angetan: ein Dorf im Nordosten Indiens mit Flüchtlingen, deren Kinder keinerlei Schule haben und die unter schweren Überschwemmungen leiden. Da hat es ihn gepackt, einmal aus der Beobachter-Rolle des Touristen auszubrechen und zu helfen. Hier haben die Looses eine Schule aufgebaut.

"Man kann nicht überall etwas machen. Aber in diesem konkreten Fall: Die Kinder haben vielleicht wirklich eine bessere Ausgangsposition, wenn sie wenigstens ein vernünftiges Schulhaus und Bänke drin haben und ein paar vernünftige Lehrer. Das hat geklappt – und da bin ich sehr stolz drauf. Das war wahrscheinlich eine der vernünftigsten Sachen, die wir je gemacht haben."

Und so hat der Nomade im Norden Indiens doch noch etwas hinterlassen. Nicht für sich – aber für andere.