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Kompressor | Beitrag vom 13.10.2016

Weiß-blaue Coolness-DebatteMünchens Subkultur beklagt schädliches Image

Von Tobias Krone

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Ein Souvenirhändler am Hauptbahnhof in München bietet Trachten-Figuren zum Verkauf. (picture alliance / dpa / Markus C. Hurek)
Trachtenfiguren als Souvenirs: Münchens Underground-Szene zettelt eine Coolness-Debatte an. (picture alliance / dpa / Markus C. Hurek)

CSU und Trachten, BMW und FC Bayern: Für seinen wilden Underground ist München nicht gerade bekannt. Vertreter der Subkultur der Stadt sind überzeugt, dass sie im Rest der Republik aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert werden.

Mittwochabend in der Münchner Altstadt: Selten erlebt man in der kleinen Favorit-Bar einen Auflauf wie diesen. Heute wird hier diskutiert. Ausgelöst hat die Debatte der Elektro-Jazz-Musiker und Labelbetreiber Sebastian Schnitzenbaumer mit seiner deutlichen Kritik am Image, das München so genießt:

 "Man braucht als Münchner nicht mehr in irgendeiner deutschsprachigen Stadt – egal ob das jetzt Berlin, Wien, Stuttgart oder Hamburg ist – irgendwas über München sagen. Das Ding ist so im Arsch, die Leute werden sagen: Hau ab, ich glaub dir gar nichts, du bist scheiße."

Erregte Gemüter in der Münchner Szene

München steht im linksalternativen Rest Deutschlands für BMW und FC Bayern, für CSU-Populismus und Trachtenfaschismus. Schnitzenbaumer hat das Gefühl, das Image Münchens ist geschäftsschädigend für seine Untergrund-Plattenfirma, und droht jetzt mit einer Klage gegen die Stadt. Ganz zufällig ist Schnitzenbaumer einer der Veranstalter der Diskussion am Mittwochabend. Und besser hätte er die Werbetrommel nicht rühren können. Die Gemüter in Münchens Szene sind erregt. Auch weil längst nicht alle Schnitzenbaumers Erfahrungen teilen. Zum Beispiel Fabian Rauecker, Musikmanager in seinem Schwabinger Büro:

"Das fand ich so extrem, dass diese Aussage war: Sobald du aus München kommst, bist du irgendwie uncool. – Weiß ich nicht. Sehe und spüre ich halt nicht am eigenen Leib irgendwie. Oder dass Bands mit denen man mal zu tun hatte, oder um die man sich selber kümmert, sagen: Hey, wir müssen jetzt wegziehen, damit wir Erfolg haben."

Es gibt ja tatsächlich Beispiele von Münchnern, die es gerade schaffen oder schon geschafft haben. Da wäre zum Beispiel die Indie-Band Kytes, gerade auf erfolgreicher Deutschlandtournee durch urbane Kleinklubs. Und auch ein Rapper wie Fatoni kann sich eigentlich im Geschäft des krediblen Deutsch-Hip-Hop behaupten.

Die Kommunikation verbessern

Ja, München steht neuerdings auch für die Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. Doch das mediale Bild der Stadt wird immer noch von BMW und CSU dominiert, so die Kritik von Sebastian Schnitzenbaumer. Und rein auf diese Bildebene bezogen würde Jürgen Enninger, der Leiter des Münchner Kompetenzteams für Kultur und Kreativwirtschaft, auch zustimmen, auch wenn er das mit der Coolness noch einmal klarstellen möchte:

"Wir können nicht nur cool, wir sind cool. Das ist auch ein ganz klares Thema, das man auch in den Szenen immer wiederfindet. Ich denke nur einfach, wir müssen es immer wieder sagen, dass wir cool sind. Wir haben kein Substanzproblem und das ist auch ein interessantes Ergebnis der letzten Kreativwirtschaftsstudie: Wir haben ein Kommunikationsproblem. Wir schaffen es nicht, das, was tatsächlich alles da ist, zu kommunizieren. Ich habe mir das heute gedacht, als ich mir alle Nachrichten anschaute, die so reinkamen. Es gibt das Seriencamp in München, die Style-Designmesse, wir haben eine Eröffnung eines Atelierhauses und die Vielfalt ist auf jeden Fall da."

Symbolischer Streitwert von drei Euro

Möglicherweise besteht aber auch zwischen Künstlern und Kreativwirtschaft ein Kommunikationsproblem. Denn dem Kritiker Schnitzenbaumer geht es ja nicht um coole Leuchtturm-Events, sondern um subkulturelle Nischen. Das mit der Klage ist dann doch auch nicht ganz so bierernst gemeint. Sebastian Schnitzenbaumer soll es um einen eher symbolischen Streitwert von drei Euro gehen. Sein eigentliches Ziel, die breite Debatte, hat er längst erreicht. Und wenn er ehrlich ist, dann genießt er es sogar ein bisschen, aus Deutschlands unhipster Metropole zu kommen:

"Aus einer Stadt zu kommen, die ein so dermaßen schlechtes Image hat, das macht richtig Spaß. Ich meine, wie bemüht ist das denn, wenn du aus Berlin kommst und 'Berlin ist eh so toll, hey'. München, total cool: Entweder, 'will eh keiner' oder 'ist total scheiße'. Und dann kann man dagegen arbeiten. Also das hat Punk und ist witzig."

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