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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 25.12.2016

Weihnachten in der BahnhofsmissionEine Portion Gans, eine Portion Liebe

Von Kemal Hür

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Knusprige Stücke eines Gänsebratens auf einem Teller (picture-alliance/ dpa)
Etwa 300 Portionen Weihnachtsessen serviert die Berliner Bahnhofsmission an Heiligabend. (picture-alliance/ dpa)

Die Bahnhofsmission am Berliner Bahnhof Zoo lädt alljährlich zum Weihnachtsessen ein. Schon am Vormittag drängeln sich die Bedürftigen. Eine Reportage über einen Tag, an dem sich verarmte oder obdachlose Menschen und ehrenamtliche Helfer sehr nahe kommen.

Kemal Hür (Foto: privat)Kemal Hür (Foto: privat)Der Autor Kemal Hür: 

"Das Bild, das sich mir eingeprägt hat, ist die Situation beim Essen: Menschen, die auf den Boden blicken, die still sind, die teilweise ihre Kapuzen ins Gesicht ziehen. Menschen, die sich verstecken, weil sie sich schämen."

 


Hier das Manuskript der Reportage zum Nachlesen:

"8 Uhr 38, die ersten Gäste trudeln ein. – Moin! - Und auch schon der erste Mensch, der uns heute unterstützen möchte."

Dieter Puhl steht im Türrahmen des gläsernen Eingangs. 24. Dezember. Berlin Zoologischer Garten. Deutschlands größte Bahnhofsmission feiert Weihnachten.

"Vordachzelt, Bierbänke, da kommt gleich der Grill hin. Hier stehen gleich in ein paar Minuten – ich muss mal sehen, wann die kommen, so um neun, halb zehn – nette Polizisten. Super Verein: Polizisten für Obdachlose, die Bekleidung an wohnungslose Menschen rausgeben."

Rechts und links von der Glastür der Bahnhofsmission bauen Helfer mit blauen Westen Essens- und Getränkestände auf. Es wird ein langer Tag. In drei Schichten wird Dieter Puhl, 58, Leiter der Bahnhofsmission, zusammen  mit seinen Mitarbeitern und unzähligen Ehrenamtlichen dafür sorgen, dass obdachlose und arme Menschen Essen, Kleidung und Weihnachtsgeschenke bekommen.

Bis vor die Tür reicht die Weihnachtsfeier

Dieter Puhl weiß nicht, wie viele Gäste im Laufe des Tages vorbeikommen werden. Er weiß nur, dass es mehr sein werden als im Speisesaal Platz finden. Wie immer. Deshalb feiert die Bahnhofsmission an Weihnachten auch vor der Tür.

Eine Frau mit glatten braunen Haaren, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat, geht mit gesenktem Blick vorbei. In der Hand trägt sie eine schwarze Stofftasche mit Pfandflaschen. Vor einem Baum bleibt sie kurz stehen und blickt hinauf in seine kahlen Äste. Dieter Puhl zündet sich eine Zigarette an und sagt:

"Wir gehen mal ein paar Meter. Vor uns steht ein Baum. Der sieht jetzt im Dezember nicht sonderlich schön aus. Im Sommer ist er unten bunt bepflanzt mit schönen Blumen, hat dann auch Blätter, die er jetzt nicht hat. Und im Sommer hängen neun Bändchen dran. Das ist unser Gedenkbaum für verstorbene wohnungslose Menschen."

"Wohnungslose Menschen haben eine um 15 Jahre verminderte Lebenserwartung. Widrige Lebensumstände, Alkohol, Drogen, Nikotin, unregelmäßige Ernährung, aufgeschobene Arztbesuche, keine vernünftige Behandlung. Also wenn hier jemand stirbt und 60 ist, dann sagen wir: Boah, kein schlechter Schnitt."

Gänsekeulen erst ab Mittag

Die Frau mit der schwarzen Stofftasche ist schon am Eingang der Bahnhofsmission, sie hat das nicht gehört. Sie sieht aus wie Anfang Fünfzig, sie wird von den Helfern angesprochen:

"Hallo, wie kann ich Ihnen helfen? – Gerne was zu essen und zu trinken. – Ok! Weihnachten ist ja was Besonderes. Da sind die Tische hier gedeckt. Sie setzen sich an einen Tisch, wo was frei ist. – Ja… - Dann kommen wir rum mit Gänsekeule und Rotkohl und Klößen und was zu trinken. – Alles klar, danke schön."

Jürgen, ein langjähriger Mitarbeiter, gibt ihr eine Essensmarke und sagt, sie möchte sich noch etwas gedulden. Die Gänsekeulen werden erst zur Mittagszeit serviert.

Im Speisesaal werden jetzt Tische und Stühle gerückt und dekoriert. In einer Passage unter der Bahntrasse reihen Polizisten in Zivil Tapetentische aneinander. Vater und Tochter kommen mit einem großen Umzugskarton vorbei und wuchten ihn auf einen der Tische: Eine Spende, die sie bei der Weihnachtsaktion der Berliner Polizei abgeben.

"Es waren Jacken, Jeanshosen. Was war noch drin? – Pullover, sowas. Alles Sachen, die wir heute aussortiert haben, haben wir in den Schrank geguckt. – (Tochter) Ich hab’s durch meinen Lehrer erfahren. Ich bin auch in der Ausbildung bei der Polizei. Und da haben sie es mal in der Klasse angesagt, dass es heute so eine Veranstaltung gibt, eigentlich jedes Jahr am 24. Fand ich super und wollte ich gleich vorbeischauen und was abgeben."

Ein Zimmer in der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo in Berlin, aufgenommen am 22.07.2014. Foto: Soeren Stache/dpa (dpa / picture alliance / Soeren Stache)Ein Zimmer in der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo in Berlin (dpa / picture alliance / Soeren Stache)

Auf der Suche nach einem warmen Pullover

Die Passage verwandelt sich schnell in einen Trödelmarkt für Klamotten. Nicht zu übersehen: Volker Herzberg, ein 2-Meter-Mann, Polizeibeamter und zuständig für den Bereich Rocker, Rotlicht, Türsteher und Nachtleben. Er trägt eine Weihnachtsmannmütze. Herzberg ist Teil des heutigen Weihnachtsteams. Die erste Kleiderspende an der Bahnhofsmission hat Herzberg Mitte der 90er Jahre organisiert, als in Berlin obdachlose und alte Menschen im Winter erfroren sind. Später fand er Freunde, die jedes Jahr mithelfen.

"Es scheint genug Menschen zu geben, die einen Pullover brauchen können oder eine Jacke. Unsere Grundidee ist: Ein Mensch nimmt was in die Hand und gibt’s einem anderen Menschen. Da ist nichts mehr zwischengeschaltet, wo Verwaltung gezahlt werden muss, wo Miete gezahlt werden muss, sondern wir geben es den Menschen, die es gebrauchen können. Selbst wenn am Ende des Tages einer auf einem Flohmarkt einen Pullover verkauft für drei Euro, dann sind die drei Euro auch in der richtigen Tasche gelandet."

Herzberg geht mit großen Schritten zum Kleiderstand und sortiert die abgegebenen Sachen. Auf etwa zwanzig Metern liegen Hemden, Pullover, Hosen, Jacken, Mäntel. Unter den Tischen Kisten voller Schuhe. Frauen, Männer und einige Kinder wühlen in den Sachen, halten Pullover oder Jacken an den Körper, schauen, ob sie passen. Ein Mann, kurzer Bart, zu weite Hosen, zerwühlte Haare, legt mehrere Teile auf den einen Arm und kramt weiter in einer Kiste.

"Drei Sweatshirts. Wird langsam kalt, nächste Woche wird’s kalt oder Wochenende schon."

Ein anderer, der unauffällig und sauber gekleidet ist, sucht nach einer passenden Hose.

"Ich hab immer Probleme mit Hosen. Die müssen schön weit sein. Die könnte passen. Oder ist die oben zu schmal? Die nehme ich mal mit.  Ich bin nach der Definition arm. Obdachlos bin ich nicht. Ich bin Rentner, hab eine Minirente."

Der Mann legt eine schwarze Hose zusammen, steckt sie in eine Tüte und schlendert davon.

Essen im Schichtbetrieb   

Es ist halb zwölf. Vor der gläsernen Eingangstür der Bahnhofsmission drängeln sich die Wartenden. In einer halben Stunde beginnt die erste Schicht. Dann dürfen die ersten 80 Gäste Gänsekeule essen. Die Frau mit der schwarzen Tasche und den Pfandflaschen steht etwas abseits, in der Hand ihre Essensmarke. Ängstlich blickt sie von rechts nach links.

Drinnen rollen mehrere Helfer die Speisewagen durch den Saal in den offenen Küchenbereich.

"Hier sind drin: Klöße, Rotkohl und Gänsekeulen. Das haben wir jetzt abgeholt vom Verkehrsministerium. Die dortige Cafeteria hat es für uns zubereitet. Gespendet ist das ganze Essen von der ODEG, von der Ostdeutschen Eisenbahn. Die hat das Weihnachtsessen für dieses Jahr gespendet."

Dreihundert Portionen Weihnachtsessen. Die Küche der Bahnhofsmission ist zu klein für solche Mengen. Gekocht wird deshalb in der Kantine des Verkehrsministeriums.

Der Speisesaal ist festlich geschmückt: blaue und grüne Papiertischdecken. Darauf: Tannenzweige, Gebäck, Schokolade, alkoholfreie Getränke. Während sich etwa 20 Mitarbeiter mit blauen Westen an der Küchentheke positionieren, hört man den Lärm von draußen.

"Einer nach dem anderen. Alles in Ordnung. – Dankeschön."

Zwei kräftige Männer am Eingang haben Mühe, alle einzeln hinein zu lassen. Mehr als hundert Personen warten, aber nur 80 dürfen rein. Drängeln, schubsen, stoßen – die Kinder unter den Wartenden halten sich im Gewusel an ihren Müttern fest.

Die Mitarbeiter im Saal rufen hinaus, wie viele der 80 Stühle schon belegt sind. Einige Helfer in blauen Westen nehmen Hilfsbedürftige bei der Hand und führen sie zu ihrem Stuhl

Jürgen zeigt der ängstlichen Frau einen Platz am Fenster. Sie stellt ihre schwarze Stofftasche mit den leeren Flaschen zwischen sich und den Weihnachtsbaum.

"Fürchte dich nicht, ich helfe dir"

Jetzt ist der Saal voll. Pastorin Susanna Krügener lehnt bereits mit ihrer Gitarre am Tresen. Neben ihr Dieter Puhl, der aus stahlbauen Augen strahlt.

(Krügener) "Die richtige Begrüßung wird gleich der Leiter dieser Einrichtung vornehmen. Wir singen schon mal ein Weihnachtslied. Ihr habt es ja auf eurem Tisch liegen, ja: Oh, Du Fröhliche."

(Puhl) "Frohe Weihnachten. Es ist total schön, dass es richtig gut voll ist. Ich hab noch nicht alle Helfer der Bahnhofsmission gesehen. Euch auch frohe Weihnachten. Ohne diesen Mannschaftssport könnten wir heute keine Gastgeber sein. Und ohne Gäste wären wir alleine da. . (…)  Ich wünsche euch gesegnete Weihnachtstage und übergebe an Bernd. Es ist wichtig, dass wir hören, was unser Schöpfer zu diesem Tag zu sagen hat. "

 (Giersdorf)"Ich habe mir dazu einen Psalm rausgesucht, einen Spruch aus der Bibel. Der heißt: 'Denn ich bin der Herr, dein Gott, der zu dir spricht und dich stärkt. Fürchte dich nicht; ich helfe dir'"

Bernd Giersdorf ist Religionslehrer und ein Freund der Bahnhofsmission. Die Gäste schauen ihn an, manche senken ihre Blicke wie zum Gebet.

"Ich denke mir, häufig genug ist es schwer, diese Worte zu verstehen; denn oft genug ist Hilfe nicht da. Wenn ich mich jetzt hier aber umgucke und sehe, wieviel Mitarbeiter hier allein tätig sind und wie jeder dem anderen versucht, ein Nachbar zu sein, dann denke ich mir, dass es Weihnachten ist, was damit eigentlich zu tun hat. Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest."

Jetzt ist es soweit: dampfende Teller mit Gänsekeulen, Rotkohl und Klößen wandern über den Tresen, die Helferinnen jonglieren 80 Portionen Weihnachtsessen durch den Speisesaal. Der füllt sich langsam mit dem Duft von Gebratenem.

Monika lebt seit einem halben Jahr auf der Straße

Die Frau mit der schwarzen Stofftasche zieht dankend ihren Teller bis zur Tischkante, sie wirkt erleichtert, entspannt. Monika heißt sie, 49 Jahre alt, seit einem halben Jahr lebt sie auf der Straße. Sie ist obdachlos, weil ihr Ex-Freund die Miete für die gemeinsame Wohnung vom Jobcenter bekommen, aber nicht bezahlt hat, erzählt sie und blickt traurig auf ihren Teller.

"Ich bin beim Jobcenter gewesen und habe es gesagt: Mein Ex hat die Miete nicht gezahlt. Interessiert uns nicht, sagt sie. Ihr habt beide. Warum beide? Er hat die Miete gekriegt, nicht ich, sage ich. Ja, aber ihr habt alle beide da drin gewohnt. Ihr müsst beide klar kommen."

Monika isst langsam, wirft verstohlen einige Blicke über den Tisch. Der junge Kerl mit den raspelkurzen Haaren gegenüber stopft das Essen förmlich in sich hinein. Daneben ein älterer Mann, der seinen Mantel nicht einmal zum Weihnachtsessen auszieht. Monika schneidet das Fleisch von der Keule ab und erzählt von ihren zwei Töchtern, acht und zehn Jahre alt. Sie leben im Heim.

"Ich sehe meine Kinder jedes Wochenende. Am Wochenende gehe ich mit meinen Kindern immer in den Garten, spazieren oder auf den Spielplatz. Oder wir gehen basteln. Machen wir alles im Heim, wo meine Kinder sind, in Spandau."

(Gudrun) "Habt ihr alle etwas? Haben hier alle, oder möchte noch jemand was?"

Monika schüttelt den Kopf. Sie hat noch ihr halbes Essen auf dem Teller, während ihr Nachbar schon beim Nachtisch ist: zwei Scheiben Stollen, Fruchtjoghurt und Schokolade. Monika ist in Bernau bei Berlin geboren und aufgewachsen. Einen Beruf hat sie nicht gelernt. Sie hat Hilfsarbeiten übernommen, zuletzt als Reinigungskraft. Nach einer Wirbelsäulen-Operation kann sie nicht mehr arbeiten. Manchmal, erzählt Monika weiter, wollen ihre Kinder zu ihr kommen. Das macht sie traurig.

"Das fragen sie öfters mal. Mama, ich möchte mal wieder bei dir sein. Aber ich sage, Mäuschen, geht nicht, ich hab keine Wohnung. Dann weinen meine beiden Töchter immer. Meine Älteste versteht das, die wird elf, die versteht das. (…) Meine Kinder sagen, Mama, besorg dir wieder eine Wohnung. Ich sage, Mama macht das schon, ich klemme mich dahinter, dass Mama wieder eine Wohnung kriegt."

Die Betreuerin ihrer Kinder hilft ihr dabei, sagt Monika. Aber bisher ohne Erfolg. Die Nächte verbringt sie in einem Obdachlosenheim. Manchmal auch bei ihrem Bruder, aber der hat selbst nur ein Zimmer. Die Bahnhofsmission kennt sie erst seit einigen Wochen.

"Weil es einsam war, bin ich hier hergegangen, hab ich ein paar Leute kennengelernt. Und seitdem bin ich hier. Esse, trinke Kaffee. Und wenn das vorbei ist, gehe ich wieder raus. Gehe spazieren bis abends. Ich sammle auch Flaschen, natürlich nicht in Müllcontainern. Sowas mache ich nicht, aber was so auf der Erde liegt. Oder manchmal geben mir die Leute die Flaschen in die Hand. Reichen tut das nicht. Ich bin zufrieden, dass ich bisschen etwas habe, dass ich mal was zu essen holen kann, oder dass ich mal was zu rauchen holen kann."

Gudrun hilft seit vier Jahren ehrenamtlich aus

Gudrun kommt vorbei und schaut nochmal bei Monika nach dem Rechten. Die 50-jährige Speditionskauffrau hilft hier ehrenamtlich seit vier Jahren aus – jeden Sonntag. Und das, obwohl sie Vollzeit arbeitet, erzählt Gudrun: 

"Ich mach das ja schon mehrere Jahre, eigentlich aus dem Gedanken heraus, auch mal für andere etwas tun zu können. Mir macht es sehr viel Spaß. Man bekommt auch sehr viel positive Energie zurück. Ist zwar schon ein Stück weit anstrengend, aber die Freude überwiegt schon. Zuviel darf man auch nicht hier sein. Ist wahrscheinlich anders für jemand, der nicht mehr arbeitet, oder stundenweise arbeitet, aber ansonsten braucht auch ein bisschen Zeit für sich."

Gudrun räumt Monikas Teller ab. Monika bleibt noch sitzen und schaut aus dem Fenster. Auch der kleine, bärtige Kalle bleibt noch sitzen. Er ist einer der wenigen, die sich nicht umdrehen, wegschauen oder die Blicke senken, sobald sie ein Mikrofon sehen. Er lächelt halb freundlich, halb traurig. Er ist jetzt allein, nachdem sein Hund vor kurzem gestorben ist. Kalle sagt:

"Jetzt bin ich selbst krank. Bin operiert worden, komplett die Blase raus. Aber ich bin dankbar und verweile hier, bin nicht Alkoholiker. Hier ist ein schönes Zuhause. Und wie sich diese Bahnhofsmission mit allem Drumherum, mit dem Personal, was die für die Menschen und für uns tun – ich bedanke mich."

Früher selbst Obdachlosen geholfen

Eine alte Frau hat Kalle zugehört. Sie sitzen nebeneinander, haben sich aber während des Essens nicht unterhalten. Die Frau hat ihre Gehstützen an die Tischkante gelehnt. Früher, so erzählt sie, habe sie selbst bedürftigen Menschen geholfen. Jetzt ist sie selbst arm und kommt ab und zu in die Bahnhofsmission.

"Ich habe viele Höhen und Tiefen mitgemacht, hab auch Leuten, denen es so ergeht wie ich, viel geholfen, und zwar am Leopoldplatz. Da habe ich für Obdachlose damals Geschenke und Essen gemacht, habe rangesorgt. (…) Und heute geht’s mir nicht besser. Ich kann nur sagen: Das Dankeschön kriege ich vom Himmelreich oben wieder."

Ein kleines Dankeschön bekommt sie gleich an Ort und Stelle. Gabriela, 12 Jahre alt, drückt die alte Frau und räumt ihr Geschirr weg. Sie kommt aus einer bosnischen Familie, die während des Balkankrieges nach Berlin geflüchtet ist. Gabriela hat gerade mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern gegessen und hilft nun beim Aufräumen. Sie sagt:

"Ich finde, man sollte überall helfen. Und weil ich immer zu Hause helfe, bin ich gewöhnt, immer zu helfen. Ich hab gestern im ganzen Haus von oben bis unten geputzt. Ich helfe dann weiter, tschüss. Ich wünsche jedem von uns fröhliche Weihnachten."

Geschenke und Spenden von hilfsbereiten Berlinern

Tausende hilfsbereite Berliner haben in den letzten Tagen und Wochen Geschenke und Spenden vorbeigebracht, ganze Schulklassen haben sich am Einpacken beteiligt.

Jedes Päckchen auf dem großen Haufen ist mit Geschenkpapier umwickelt und mit einer Schleife verziert.

"Okay, Achtung, die nächsten. Wer will? Ihr beide? Eins, zwei, drei, vier. Noch eine. Fünf, sechs, sieben. Na gut. (Mann) So, wer ist fertig? Der kann dann bitte weitergehen. Sind Sie fertig? Hallo, schauen Sie, da sind ganz viele noch. Fröhliche Weihnachten. Auf Wiedersehen. – Dankeschön. – Zwei Kinder hier…"

Draußen auf der Straße werden die ersten Geschenke ausgepackt.

(Mann) "Einmal alles. Duschgel, Süßigkeiten. (Frau) Die nehme ich dir ab. Frauendeo? Nehme ich dir ab. Taschentücher! Brauche ich immer. (Mann) Ja, von allem etwas."

Monika lächelt, als sie ihr Päckchen in die schwarze Stofftasche zu den Pfandflaschen packt, sie will es nicht vor allen auspacken. Sie will es mitnehmen. Monika geht hinaus auf den Gehweg. Dort betreiben Vater, Mutter und drei Töchter einen Stand mit Kaffee, Kuchen, Schokolade und Lebkuchen. Manche wollen ganze Packungen ungeöffnet mitnehmen. Die älteste Tochter der Familie, die 23-jährige Anna, hat Verständnis für die Menschen.

"Ja, ist schon schwierig, aber ich kann’s irgendwie verstehen. Wenn man eine ganze Familie hat und hier als einziger ansteht, möchte man ja möglichst viel. Wenn man denkt, sowas kommt nicht so oft, dann muss man das ja ausnutzen."

Anna reicht Monika die Lebkuchenherzen. Sie studiert Sozialwissenschaften, unter der dicken Wollmütze sieht man ihren blonden Haaransatz. Sie steckt die von der Kälte rot angelaufenen Hände in die Taschen, während sie erzählt, warum die ganze Familie am Heiligabend mehrere Stunden in der Bahnhofsmission verbringt.

"Wir haben gedacht, dass es mal schön ist, als Familie grade so zur Weihnachtszeit was zusammen zu machen. Und grade, weil wir so reich beschenkt sind und so viel haben, einen Teil abzugeben und diese besondere Zeit dort zu investieren."

Monika packt auch die Lebkuchen in ihre Stofftasche und holt sich noch einen Becher Kaffee.

Dann verschwindet sie so unauffällig wie sie gekommen ist.

Eine Helferin der Bahnhofsmission am Zoo in Berlin spricht mit einem bedürftigen Menschen  (dpa / picture alliance / Rainer Jensen)Eine Helferin der Bahnhofsmission am Zoo in Berlin spricht mit einem bedürftigen Menschen (dpa / picture alliance / Rainer Jensen)

"Ohne Ehrenamtliche würde sich hier nichts bewegen"

Bahnhofsmissionsleiter Dieter Puhl kommt mit Schildmütze aus der Tür heraus und steckt sich wieder eine Zigarette an.

Inzwischen ist ein Grill neben dem Kaffeestand aufgebaut, aus einem Fenster wird Kuchen und Stollen verteilt. Je später es wird, desto größer der Andrang. In der größten Bahnhofsmission  Deutschlands arbeiten nur 10 hauptamtliche Mitarbeiter. Es sind die Ehrenamtlichen, die den Betrieb aufrechterhalten, sagt Puhl und zeigt auf Anna und ihre Familie unter dem Vorzelt am Kaffeestand.

"Ohne 400 Ehrenamtliche pro Jahr würde sich hier auch gar nichts bewegen. Ich hab das mal ausgerechnet, die Stunde Ehrenamt mit 10 Euro veranschlagt und dann festgestellt, dass uns die Ehrenamtlichen mit 360.000 Euro jährlich unterstützen. Damit sind sie mit Abstand unser größter Sponsor.

Wir werden offiziell unterstützt durch den Berliner Senat in Höhe von 242.000 Euro jährlich. Leider hat der Berliner Senat seit zehn Jahren vergessen, das Budget zu erhöhen. Unser jährliches Defizit liegt bei 120.000 Euro. Wenn ich das Geld nicht irgendwie reinkriege, könnte ich den Laden zumachen."

Dieter Puhl macht ununterbrochen Werbung für die gute Sache und überzeugt so Sponsoren.

Der Bahnhof  Zoo ist ein Ort mit Geschichte, speziell die Jebenstraße. Vor über 40 Jahren stand hier Christiane F. als drogensüchtiges Mädchen. Das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", ein Bestseller, gibt Einblick in die Welt derjenigen, die abhängig, verwahrlost und vergessen ihre Tage am Zoo fristen.

Das jüngste Kind, das hier an Drogen gestorben ist, sagt Dieter Puhl, war zehn Jahre alt. Heute gibt es in der Jebenstraße eine Arztambulanz, und oft stehen hier zwei Busse, in denen Drogensüchtige unter Anleitung von Krankenschwestern fixen oder sich beraten lassen können, wie sie ihre Sucht los werden. Es hat sich viel getan am Bahnhof Zoo.

Es gibt nur 500 Notschlafplätze in Berlin

16 Uhr. Die zweite Schicht ist in vollem Gange. Dieter Puhl geht wieder hinein ins Getümmel. Für die zweite Essensgruppe spielt eine Frau Akkordeon. Puhl macht einen Rundgang und führt in ein Zimmer mit sehr hohen Wänden, zugestellt mit Regalen. Darin liegen geordnet Decken und Schlafsäcke. Für Dieter Puhl ist das hier das Herzstück der Bahnhofsmission. Er nimmt einen Schlafsack aus dem Regal.

"Für mich sind das keine Schlafsäcke, für mich sind das Schlafzimmer für wohnungslose Menschen. 3500 werden diese Nacht leider draußen schlafen. Für nur 500 Menschen haben wir in Berlin Notschlafplätze. Und es ist richtig scheiße, wenn du jetzt draußen im Tiergarten schläfst - es ist kalt, es regnet oder es schneit – du keine Regenjacke hast oder Isomatte. Die Schlafsäcke sind echt begehrt, und es ist schwierig, sie zu kriegen. (…) Da sind tatsächlich einige Schlafsäcke aus Liechtenstein. Und es gibt Menschen in Australien, die auch für uns Schlafsäcke sammeln."  

Puhl legt den Schlafsack wieder zurück ins Regal. Zwei Freiwillige werden hier gleich Spenden annehmen, denn am Heiligabend möchten viele helfen und etwas abgeben: Kleider, Decken, Cremes, vielleicht auch einen Schlafsack.

Um 20 Uhr sind 300 Gänsekeulen, 3000 Bratwürste, literweise Kaffee und hunderte Weihnachtspäckchen in drei Schichten verteilt. Im aufgeräumten Speisesaal treffen Dieter Puhl, die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen zusammen.

"Ich kann jetzt nur in die Runde gucken und sagen: Euch einen guten Rückenwind heute Abend. Danke, dass jetzt noch ein paar Menschen ein bisschen aufräumen. Gesegnete Weihnachtstage." 

Die Mitarbeiter, die Ehrenamtlichen -  alle gehen nach Hause, dorthin, wo der Mensch an Weihnachten am liebsten ist.

Die anderen haben sich in der großen Stadt verflüchtigt, sie sind überall und nirgends. Heute mit einem vollen Bauch und einem Päckchen mit Schleife.

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