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Sein und Streit | Beitrag vom 12.07.2020

Weggefährtin Hélène Cixous über den Philosophen"Jacques Derrida fehlt der Welt"

Moderation: René Aguigah

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Porträt der französische Essayistin und Philosophin Hélène Cixous mit dem Philosophen Jacques Derrida (Getty Images / Sygma /  Sophie Bassouls)
Geschwister im Geiste: die französische Schriftstellerin und Feministin Hélène Cixous und der Philosoph Jacques Derrida (1930 - 2004). (Getty Images / Sygma / Sophie Bassouls)

Einen Denker wie Jacques Derrida könnte die Welt derzeit gut gebrauchen, meint Derridas langjährige Weggefährtin Hélène Cixous. Weil Derridas Denken die ganze Welt umspannt habe - und wegen seines Widerstands gegen feste Identitäten.

Als "Insister" - "innere Schwester" hat der Philosoph Jacques Derrida, der am 15. Juli 90 Jahre alt geworden wäre, die Schriftstellerin Hélène Cixous einmal bezeichnet. Beide verband eine lebenslange Freundschaft – und eine gemeinsame Herkunft: Sowohl Derrida als auch Cixous entstammten jüdischen Familien, und beide wuchsen in Algerien auf, bevor sie um 1950 nach Frankreich kamen.

Diese Gemeinsamkeit habe am Anfang ihrer Freundschaft allerdings überhaupt keine Rolle gespielt. "Das war fast gespenstisch, wir sprachen wirklich nie über Algerien", erinnert sich Héléne Cixous. "Wir flohen beide vor diesen Erinnerungen, unser Wunsch war es, Algerien von uns fernzuhalten, wegzukommen von dieser Gewalt, dem Krieg, dem Hass und dem Rassismus, all dem, was Algerien damals bedeutete."

Porträtaufnahme von Hélène Cixous. (imago images / Sophie Bassouls / Leemage)Langjährige Weggefährtin: von den frühen 1960er-Jahren bis zu Derridas Tod 2004 pflegten der Philosoph und die Schriftstellerin ein inniges Verhältnis. (imago images / Sophie Bassouls / Leemage)

Kennengelernt hat Cixous den sieben Jahre älteren Derrida als junge Studentin Anfang der 1960er-Jahre in Paris. Beide teilten den leidenschaftlichen Wunsch, sich mit Sprache, Literatur und dem Schreiben zu befassen. 

Dabei spielte auch die lebensprägende Erfahrung des Aufwachsens als Jude bzw. Jüdin in Algerien eine Rolle: "Es hat sicherlich dazu beigetragen, dass wir sofort eine gewisse Vertrautheit verspürten", sagt sie. "Wir sprachen dieselbe Sprache. Wir wollten ein kreatives, poetisches Französisch sprechen, und wir sprachen eine Sprache, die verletzt worden war, und die sich sehr stark mit den großen philosophischen Fragen befasste."

Das Gespräch mit Hélène Cixous in der französischen Originalversion zum Nachhören:

In Derridas Denken und Werk hat seine Herkunft deutliche Spuren hinterlassen, vor allem in Form eines "absoluten Widerstands gegen Identitäten".

"Diese Frage der Mischung, des Mestizischen, der Veränderung war bei ihm immer sehr präsent", betont Cixous. So habe sich Derrida zum Beispiel selbst als "Le dernier des juifs" bezeichnet - wörtlich "der letzte der Juden", was im Französischen aber ein idiomatischer, also letztlich unübersetzbarer Ausdruck sei, der einerseits im Sinne von der letzte übriggebliebene etwas Wertvolles bezeichnet, andererseits etwas Schlechtes im Sinne von das Letzte. 

"Im Grunde seiner Seele hat er vielleicht wirklich gedacht, dass er der Wertvollste war. Weil er der schwierigste, der am wenigsten jüdische, der schlechteste Jude war, der nichts von dieser Kultur übernommen hatte, abgesehen davon, dass man ihn hatte beschneiden lassen", sagt Cixous.

Ein Denken, das sich über die Welt bewegte

Auch bei ihr selbst sei Identität etwas Zusammengesammeltes: "Ich habe mich von Anfang als nicht mit einbezogen, nicht zählbar gefühlt. In Algerien geboren, in diese vielseitige, mosaikartige Familie, mit der ich klar kommen musste. Dann stellte sich die Frage: Bin ich Frau? In den Kämpfen, in der Gewalt, im Widerstand, wohin sollte ich mich wenden? Stelle ich mich dem Kampf gegen den Antisemitismus oder gegen die Frauenfeindlichkeit?", sagt Cixous. "Das, was man heute in der Welt des Feminismus als Intersektionalität bezeichnet, damit habe ich angefangen. Aber mit ihm konnte ich darüber reden. Und nur mit ihm. Denn das französische Denken zu jener Zeit, war sich all dieser Dinge noch nicht bewusst." 

Derrida sei einzigartig gewesen, und er fehle ihr, sagt Cixous. Und nicht nur ihr: "Ich würde wirklich sagen, er fehlt der Welt. Weil er ein Denken hatte, das dazu in der Lage war, sich über die ganze Welt hinweg zu bewegen."

(uko)

Literaturhinweis:

Jacques Derrida, Hélène Cixous: "Voiles. Schleier und Segel"
Herausgegeben von Peter Engelmann
Illustriert von Ernest Pignon-Ernest
Übersetzt von Markus Sedlaczek
Passagen-Verlag 2007, 112 Seiten, 20,50 Euro
Hélène Cixous: "Insister. An Jacques Derrida"
Herausgegeben von Peter Engelmann
Übersetzt von Esther von der Osten
Passagen-Verlag 2014, 128 Seiten, 20,50 Euro
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