Seit 00:05 Uhr Lange Nacht

Samstag, 06.06.2020
 
Seit 00:05 Uhr Lange Nacht

Tonart | Beitrag vom 18.07.2018

Wegbegleiter Lüül über die neue Filmografie"Hat nichts mit der Nico zu tun, die ich kannte"

Lutz Graf-Ulbrich im Gespräch mit Andreas Müller

Die Sängerin Nico (Christa Päffgen) im Jahr 1982 (imago/Leemage)
"Vieles im Nebel gelassen": die Sängerin Nico - bürgerlich: Christa Päffgen - im Jahr 1982 (imago/Leemage)

Vor 30 Jahren starb Nico, Sängerin der Warhol-Band "Velvet Underground". Lutz Graf-Ulbrich alias Lüül tourte und lebte in den 70er-Jahren mit Nico zusammen. Ihre Magie komme in dem neuen Biopic "Nico, 1988" viel zu kurz, sagt er.

Als Lutz Graf-Ulbrich alias Lüül die Nachricht vom Tod Nicos erreichte, hatte der Musiker gerade ihr – dann letztes – Konzert veranstaltet. Sie hatte ihn noch nach Ibiza eingeladen, wo sie dann mit dem Fahrrad verunglückte. "Ich hatte mir gerade an dem Tag, bevor ich die Nachricht bekam, ein Flugticket gekauft. Und dann war ich auf einer Party und kriegte die Nachricht, dass Nico gestorben sei", erzählte Graf-Ulbrich im Deutschlandfunk Kultur.

Die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli hat nun einen Film über die letzten Jahre der Sängerin gemacht: "Nico, 1988". Der Film habe ihm auf eine Art gefallen, sagte Graf-Ulbrich, weil er diese Zeit, in der Nico damals Künstlerin war, ganz gut widerspiegele. "Aber da ich jetzt Nico sehr intensiv kannte und mit ihr gearbeitet und gelebt habe, muss ich sagen, was die Schauspielerin da macht – obwohl sie sehr viele Ehrungen wohl bekommen hat –, das hat eigentlich nichts mit der Nico zu tun, die ich kannte", so ihr Wegbegleiter.

Mitreißende Stimme und Energie

"Und natürlich fehlt mir da Nicos Stimme. Die ist ganz anders, und viel mitreißender. Und ihre Energie, ihre Aura, ihre Magie, ich finde das wird nicht transportiert. Nico war wirklich eine außergewöhnliche Person, also wenn die in den Saal kam, dann hat die den eingenommen", das sei allerdings auch schwer herzustellen und für die Leute, die Nico nicht kannten, wahrscheinlich auch nicht so entscheidend.

"Dieser Abstieg quasi, von der Schönheit runter zu so einem Junkie, das wird halt immer in den Vordergrund gestellt, und da lässt sich auch gut drauf rumreiten." Für ihn selbst habe das gar nicht so eine Rolle gespielt. "Sie hat sich zwar durch das Heroin persönlich verändert, das muss man schon sagen, aber viel wichtiger fand' ich, dass sie eine ganz einzigartige Künstlerin war, die eine Musik geschrieben hat, die sonst niemand in der Welt überhaupt in der Lage war zu machen." Das habe ihr Produzent John Cale zum Glück erkannt.

"Wenn Nico sauer war, da gab's kein Halten"

"Wenn man Nicos Lebenslauf sieht, mit welchen fantastischen Künstlern sie ganz eng verbunden war, Brian Jones, Bob Dylan, Leonard Cohen, Lou Reed, Jim Morrison, eine unglaubliche Liste, weil sie einfach auch eine starke Muse war." Lutz Graf-Ulbrich selbst schätzt sich glücklich, dass er in den 70ern eine Zeit lang mit ihr touren und leben durfte – darunter ein halbes Jahr im Chelsea Hotel in New York. Obwohl das auch gewalttätige Zeiten waren: Einmal warf Nico ein Bügeleisen nach ihm – und er schlug zurück. "Wenn Nico sauer war, dann konnte sie in Rage geraten und da gab's kein Halten – und diese Intensität, das machte sie auch aus."

Wie Nico war oder was sie so bedeutend gemacht hat, das sei sehr schwer zu beschreiben. "Man wusste nie genau, wer sie überhaupt ist", so Graf-Ulbrich. "Ihr Großvater sei türkischer Derwisch gewesen, sie war mit Marilyn Monroe in einer Schauspielschule, das alles stimmt glaube ich gar nicht, sie hätte Hemingway getroffen in Paris, das geht zeitlich gar nicht, also sie hat auch gerne so ein bisschen geflunkert und vieles im Nebel gelassen, um diese Mystik um sie rum zu fördern."

(cwu)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur