Weg von der Geschichtspropaganda

    Toter Soldaten anders gedenken

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    Ein Denkmal an der Aachener Straße in Großkönigsdorf gedenkt der Gefallenen beider Weltkriege.
    Jedes Erinnern an tote Soldaten ist versucht, ihrem Sterben nachträglich Sinn zu verleihen, sagt Tillmann Bendikowski. © picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt
    Ein Kommentar von Tillmann Bendikowski · 15.09.2021
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    Heldentum und Vaterland – davon ist auf den meisten Kriegerdenkmälern die Rede. Geschichtsklitterung statt Einsicht. Der Historiker Tillmann Bendikowski plädiert für eine andere Erinnerungskultur und ein neues Denkmal für die Gefallenen der Bundeswehr.
    Nirgends wird so viel gelogen wie am offenen Grab. So heißt es. Das mag nun im Einzelfall stimmen oder nicht, ganz sicher aber trifft es auf den Umgang der Deutschen mit gefallenen Soldaten zu. Mit ihrem Schicksal tun wir uns schwer. Unsere Kriegerdenkmäler sind zuweilen Monumente der Verlogenheit und der Geschichtsklitterung, und oft Ausdruck von Unsicherheit und Sprachlosigkeit.
    Gefallene Soldaten? Das ist keineswegs ein Thema von gestern. Denn erst wenn wir unsere Sprache über die toten Soldaten der Geschichte wiedergefunden haben, können wir uns verständigen, wie wir den Gefallenen der Bundeswehr ein Denkmal setzen wollen.
    Jedes Erinnern an tote Soldaten ist versucht, ihrem Sterben nachträglich Sinn zu verleihen. Das soll Hinterbliebene trösten und die politischen Entscheidungsträger aus der Verantwortung zu entlassen. Dafür braucht es ein politisches "Argument", oder auch schlicht: eine Lüge.

    Wahre Kriegsgründe werden verschwiegen

    So steht auf keinem Denkmal über den Krieg gegen Frankreich 1870/71: "Diese jungen Männer starben, weil Bismarck für seine innenpolitischen Ziele diesen Krieg zynisch in Kauf nahm" oder "Sie sind alle tot, weil Kaiser Wilhelm ein verstörter Gotteskrieger war". Nein, nein. Bis heute heißt es an solchen Orten: "Sie starben für Deutschlands Einheit" oder für die "Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches". Historischer Unfug, aber bis heute funktionierende Geschichtspropaganda.
    Die wurde auch nach dem Ersten Weltkrieg benötigt. Den toten Soldaten meißelte man "Heldentum" auf Gedenksteine, lobte "Mut" und "Tapferkeit" für "Gott", "Heimat" oder "Vaterland". Doch nirgends steht zu ihrem Gedenken, dass niemand 1914 Deutschland angegriffen hat, dass die militärische und politische Führung den Krieg frohgemut in Kauf nahm, und dass Massen von Deutschen gejubelt haben, als es in die Schützengräben ging.
    "Gefallen für das Vaterland, nichts Größeres lässt sich sagen" heißt es auf mehr als einem Denkmal. Keine Entschuldigung, kaum Einsicht.

    Manches gilt es schlicht einzureißen

    Nach dem Zweiten Weltkrieg fügte man den Denkmälern hilflos die Jahreszahlen 1939 und 1945 hinzu – und einigte sich rasch darauf, dass es "der Hitler" war, vielleicht noch "die Nazis", zu denen man selbst nicht gehört. Wieder niemand, der die Verantwortung übernahm, für den Jubel über das "Dritte Reich" und für das ganze "Herrenmenschen"-Gehabe. Es gibt Denkmäler, die "dem Gedenken unserer Helden 1939-1945" gewidmet sind. Auch das darf so nicht stehen bleiben.
    Denkmäler legen Zeugnis ab über die Gesellschaft, die sie errichtet. Bei unseren Kriegerdenkmälern gibt es da viel zu diskutieren und zu korrigieren, und manches schlicht einzureißen. Eine Revision unseres Soldatengedenkens ist dringend geboten – und paradoxerweise könnte ein erster Schritt dazu ein Neubau sein: Ein Denkmal für die Gefallenen der Bundeswehr. Es ist ein Glücksfall, dass unser Land über eine Parlamentsarmee verfügt, die bei jedem Kampfeinsatz an die Zustimmung der Abgeordneten im Bundestag gebunden ist. Macht ein Auslandseinsatz wirklich Sinn? Und ist es tatsächlich angemessen, dafür Menschenleben zu riskieren?

    Öffentliches Gedenken als Erinnerungsgemeinschaft

    Im Reichstag muss unser Parlament öffentlich erklären, weshalb es junge Deutsche in einen Krieg schickt. Und wenn einige im Einsatz sterben, müssen wir als Erinnerungsgemeinschaft darauf ebenso öffentlich eine Antwort finden. Und zwar dort, wo die Entscheidung gefallen ist: vor dem Reichstagsgebäude. Welche Formen wir für ein Gefallenen-Denkmal finden, darüber müssen wir ins Gespräch kommen. Aber: Eine Parlamentsarmee hat ein Anrecht auf dieses Gedenken, und die Öffentlichkeit darf sich dieser Verantwortung nicht entziehen.

    Tillmann Bendikowski, geboren 1965, ist Historiker und Journalist. Er leitet die Medienagentur Geschichte in Hamburg und verfasst Beiträge für Printmedien und Hörfunk und betreut die wissenschaftliche Realisierung von Forschungsprojekten und historischen Ausstellungen. 2016 veröffentlichte er ein Buch über "Helfen. Warum wir für andere da sind".

    Der deutsche Journalist und Historiker Tillmann Bendikowski spricht am 19.03.2016 auf dem Blauen Sofa auf der Buchmesse in Leipzig.
    © picture alliance / dpa / Jan Woitas
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