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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 01.01.2021

Website „Mapping the Lives“Jüdisches Leben im Gedächtnis verorten

Von Teresa Schomburg

Roderick Miller in Yad Vashem (Roderick Miller)
Zehn Jahre lang hat Roderick Miller die Geschichte der Juden erforscht, die in seinem Haus lebten. Hier ist er in Yad Vashem zu sehen. (Roderick Miller)

Der Grafiker Roderick Miller wollte wissen, welche Jüdinnen und Juden in seinem Berliner Wohnhaus vor der Shoah lebten. Er gründete den Verein „Tracing the Past“ und verfolgt seitdem Lebensgeschichten und Todesumstände von Juden in der NS-Zeit.

Am Maybachufer im Berliner Stadtteil Neukölln preisen türkische Händler ihre Ware an, aus Lautsprecher-Boxen singt Manu Chao über Migranten, in der Ferne mischen sich Kirchenglocken und Baulärm. Jüdische Kultur ist im Alltagstrubel von heute kaum wahrzunehmen. Ganz anders sah das noch in den 20er-Jahren aus, als Juden ganz selbstverständlich Nachbarn waren.

"Dieser Junge im Haus, der überlebt hat - ich konnte das dokumentarisch beweisen, dass er nach Palästina gereist ist", sagt Roderick Miller. Den US-Amerikaner, der 2006 in den sogenannten Reuterkiez zog, trieb lange die Frage um, wer zur Zeit des Nationalsozialismus in seinem Haus gelebt hat.

"Ich dachte, das sollte leicht herauszufinden sein und war richtig enttäuscht, dass es fast nichts zu finden gab. Es gab damals das Berliner Gedenkbuch, da waren Wohnanschriften drin, aber da musst du 50.000 Einträge durchsuchen, um meine Straße zu finden, das ginge nicht."

So wurde der Musiker und Grafiker zum Historiker. Roderick Miller scannte das Gedenkbuch und durchsuchte Daten aus einer Volkszählung vom Mai 1939. So stieß er auf immer mehr Schicksale von Holocaust-Opfern und Verfolgten des NS-Regimes. Gemeinsam mit einer Gruppe von Provenienz-Forschern, die etwa Raubkunst-Fälle recherchieren, gründete Miller 2014 den Verein "Tracing the Past" und startete die Webseite "Mapping the Lives", also "Die Leben verorten".

Straße, Hausnummer, Stockwerk

"Und da kann man auf einem Plan gucken, und da sind schwarze Punkte aufgezeichnet, wo Verfolgte des NS-Regimes gewohnt haben. Und da kann man genau sehen mit Straße und Hausnummer und manchmal sind die genauen Wohnungen auch verzeichnet, und meist gibt es auch Schicksale, also da kann man weiterlesen, ob sie emigriert haben, ob sie deportiert waren."

Die Berliner Straßenzüge auf der "Mapping The Lives"-Karte zeigen ein Meer von schwarzen Punkten. Wer mit dem Handy durch die Straßen streift, stößt überall auf die Spuren der Verfolgung. In seinem Kiez trifft Miller mit dem Projekt einen Nerv. Eine junge Frau meint:

"Ich bin Berlinerin und ich find’s super-interessant, die Geschichte von meinem Viertel einfach mal zu schauen, wie die Geschichte vor dem Zweiten Weltkrieg, während und danach: Wer hat da gelebt?"

Daten zu über 400.000 Menschen

Aber auch Menschen aus anderen Ländern fühlen sich von dieser Idee angesprochen. Ein Passant erzählt: "Ich bin aus Tschechien, in Tschechien geboren. Wenn man das sieht oder hört im Radio oder Fernsehen ist das was ganz anderes, als wenn du das eigentlich am Ort irgendwie spürst."

Daten zu über 400.000 Menschen sind jetzt schon auf "Mapping The Lives" zu finden. In den nächsten Jahren will Roderick Miller weitere Gedenkbücher auswerten, etwa aus Frankreich oder Österreich. Zu den Einträgen bekommt er viel Feedback aus den USA, Israel oder Australien. Denn manchmal stimmen die Daten aus den Quellen nicht. Miller selbst fand etwa heraus, dass ein Mann, der im Gedenkbuch als Holocaust-Opfer aufgeführt wird, in Wirklichkeit überlebte und nach dem Krieg sogar Bürgermeister in seiner bayerischen Geburtsstadt wurde. In Deutschland hat Miller besonders häufig Kontakt zu Elisabeth Böhrer aus Unterfranken. Sie nutzt "Mapping The Lives" für eigene Recherchen und korrigiert manchmal Fehler auf der Seite.

"Ich hab jetzt Biografien geschrieben für den Gedenkort Deportation in Würzburg und da hab ich natürlich auch immer geschaut: Was ist bei "Mapping the Lives" und sehe dann auch teilweise die falsch eingestellten Geburtsdaten, oder Herr Miller hat oft dann auch zwei Geburtsdaten, das verifiziere ich dann."

Elisabeth Böhrer betreute als Gästeführerin Anfang der 90er-Jahre eine Gruppe ehemaliger Schweinfurter Juden, die aus dem Ausland anreisten und zur Zwölfhundert-Jahrfeier der Stadt eingeladen wurden. Seither lassen Elisabeth Böhrer die jüdischen Schicksale nicht mehr los. Sie recherchiert Lebensläufe und Stammbäume und kennt viele Archivare persönlich. Für ihr Engagement bekam sie 2018 den Obermayer German Jewish History Award verliehen. Manchmal dauert es Jahre, bis sie die letzten Puzzlesteine gefunden hat.

"Dieses Schicksal, an dem ich schon zehn, 15 Jahre recherchiert habe, da habe ich zum Beispiel durch 'Mapping The Lives' herausgefunden, dass die in Nürnberg noch einen zusätzlichen Wohnsitz hatten. Und dann sieht man ja auch die Adressen und weiß: Wer hat zusammen gewohnt, wer gehört zusammen?"

Endlich kennt Miller die Familie

Ebenso wie Elisabeth Böhrer arbeitet auch Roderick Miller ehrenamtlich. Staatliche Förderung bekommt Miller für sein Projekt nicht, obwohl es der wohl weltweit größte virtuelle Holocaust-Gedenkort ist. Nach über zehn Jahren Recherche wusste Roderick Miller endlich auch Genaueres über die Menschen, die in seinem Haus lebten: Eine kleine Familie, Vater, Mutter und Sohn. Der Vater Abraham starb 1940 in Dachau, die Mutter Wilma wurde 1943 deportiert und starb später in Auschwitz.

"Als ich festgestellt habe, dass diese Familie in dieser Wohnung, es ist im Erdgeschoss im Vorderhaus, gewohnt habe, ich habe wirklich Gänsehaut gekriegt", sagt Miller. "Diese Junge, diese Familie haben genau diesen Flur gesehen, also den alten Stuck, alles ist genau, wie es damals war. Obwohl so viele Jahren vorbei gehen, eigentlich hat sich diese Umgebung nicht so stark verändert, trotz allem."

Kürzlich hat Roderick Miller Stolpersteine mit den Namen der Familie Kahan vorm Haus verlegen lassen. Eine Nachbarin brachte Blumen mit, eine türkische Familie bedankte sich. Auch jetzt bleibt ein älterer Herr mit türkischen Wurzeln vor den Steinen stehen. Er sagt: "Daran sollte man sich erinnern, damit man die gleichen Fehler nicht nochmal macht. Man muss zueinander hingehen und miteinander reden. Ohne reden direkt verurteilen, das ist nicht schön."

Was fehlt, ist Wut

Die Deutschen im Kiez reagieren meist mit Trauer auf die Schicksale ihrer jüdischen Nachbarn von damals, erzählt Roderick Miller. Die Stimmung beim Verlegen der Stolpersteine erinnerte ihn an eine Beerdigung. Dabei gibt es bei allem Schrecken auch Lichtblicke: Der 17-jährige Sohn der Familie Kahan konnte 1941 aus Nazi-Deutschland bis nach Palästina fliehen. Neben der verständlichen Trauer wünscht Roderick Miller sich etwas mehr Wut als Reaktion auf das Unrecht im Holocaust.

"Für mich ist Wut auch ein Treiber, sie ist eine Energie. Tagtäglich mit den Holocaust-Opfern zu arbeiten, ist manchmal so deprimierend und traurig, dass ein bisschen Wut hilft."

Mit mehr finanzieller Unterstützung würde Miller aus "Mapping the Lives" gern ein Crowdsourcing-Projekt machen, in dem die Nutzer selbst Daten oder auch Fotos hochladen können. "Mapping The Lives" zeigt zwar die Vergangenheit, doch Roderick Miller blickt mit seinem Projekt auch in die Zukunft. Wer die Geschichte kennt, so die Hoffnung, ist besser gewappnet gegen fremdenfeindliches Gedankengut und offener für die Nachbarschaft.

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