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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.02.2019

WDR-App zur NS-ZeitGute App – aber bitte nicht überwältigen lassen

Christiane Bertram im Gespräch mit Nicole Dittmer

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Der WDR erzählt die Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs mithilfe einer App. Die App WDR AR 1933-1945 bringt einige der letzten noch lebenden Zeitzeug*innen und die Ereignisse von damals direkt in den Klassenraum. App WDR AR 1933-1945 - Kriegskinder (Annika Fußwinkel / WDR Presse und Information/Redak)
WDR-App zur NS-Geschichte. (Annika Fußwinkel / WDR Presse und Information/Redak)

Der WDR hat eine App veröffentlicht, in der die NS-Zeit mit Techniken der "Augmented Reality" in die Umgebung von Lernenden geholt wird. Bildungsforscherin Christiane Bertram findet die App durchaus gelungen. Allein solle sie aber nicht stehen.

Immer wieder reden wir in Deutschland über Erinnerungskultur und darüber, wie die Geschehnisse der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs nachfolgenden Generationen vermittelt werden können. Was, wenn irgendwann keine Zeitzeugen mehr leben? Wie erreicht man Kinder und Jugendliche am besten?

Beide Fragen versucht der WDR jetzt mit einer App zu beantworten, in der Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus ihre Erlebnisse für Schüler virtuell erlebbar machen. Durch sogenannte Augmented Reality, erweiterte Realität, erscheinen Hologramme und Animationen –mitunter fliegen Funken durchs Bild, dann stehen Nutzer vor der zerstörten Kölner Innenstadt. Was kann so eine App leisten und wie sinnvoll ist ihr Einsatz?

Zeitzeugen auf verschiedenen Wegen

Die Bildungsforscherin und Historikerin Christiane Bertram von der Universität Konstanz hat sich in einer Studie mit der Wirksamkeit von Zeitzeugen im Geschichtsunterricht befasst, abhängig davon, ob die Zeitzeugen live, per Video oder in einem Textdokument im Unterricht vorkamen.

Porträt der Historikerin und Bildungsforscherin Christine Bertram von der Universität Konstanz (Universität Konstanz)Bildungsforscherin Christine Bertram (Universität Konstanz)

Ein Ergebnis von Bertrams Studie: "Wenn Schüler live, vor Ort mit Zeitzeugen gearbeitet haben, waren sie viel motivierter, hatten viel mehr Spaß an der Unterrichtseinheit, und sie waren überzeugt, dass sie methodisch und inhaltlich viel gelernt haben."

Andererseits hätten sie aber in den Tests schlechter abgeschnitten, in denen es um ihre Kritik- und Reflektionsfähigkeit ging, um die Fähigkeit, die Aussage des Zeitzeugens in Frage zu stellen: "Da scheinen sie so überwältigt gewesen zu sein, dass ihnen dieses Lernziel der Unterrichtseinheit weniger klar geworden ist als denen, die eine größere Distanz hatten."

Ein App könne durchaus eine gute Idee für den Unterricht sein, sagt Bertram: "Wenn sie gut gemacht ist." Und die des WDR sei erstmal gut gemacht: "Weil auch viel Zusatzmaterial angeboten wird, mit dem man kontextualisieren kann, die Ereignisse und die Aussagen einordnen kann."

Effekte und Emotionen

Allerdings hat sich auch kritische Anmerkungen: "Was ich an der App allerdings tatsächlich vielleicht gefährlich finde, ist, dass sie so emotionalisierend ist, mit dieser starken Musik und zusätzlichen Bildern, überhaupt dadurch, dass die Zeitzeugen in den Klassenraum projiziert werden." Das biete natürlich eine Riesenchance: "Aber es kann auch das Risiko bestehen, dass Kinder überfordert sind oder das Kinder fasziniert sind von dieser Gewaltdarstellung. Beides muss aufgefangen werden im Geschichtsunterricht und kann und muss im Unterricht thematisiert werden."

Vielleicht seien es zu viele Effekte, sagt Bertram. Ihr Vorschlag wäre, in der App auch noch die Möglichkeit einzuräumen, die Effekte wieder auseinanderzunehmen. Den Ton wegzunehmen sei leicht – aber dass man auch Bilder und was auch immer da noch drin steckt wegnehmen könne, dass man damit rumexperimentieren kann:

"Was macht das mit mir, wen ich mir das Video ganz normal anschaue oder wenn es plötzlich im Raum steht, neben mir." Sie fände es spannend, auch die Effekte der App im Unterricht zu diskutieren: "Dafür müsste die App aber auch diese Möglichkeit bieten, dass zusammen- und auseinanderzubauen." 

Urteilskraft stärken

Als Geschichtsdidakterin legte sie wert darauf, auch Distanz einzuüben: "Es gibt so viele Perspektiven auf die Vergangenheit und wir müssen unseren Schülern und uns selber klar machen, nach welchen Kriterien wir die Geschichten beurteilen, die uns erzählt werden: Nicht nur von Zeitzeugen, sondern auch in Apps oder Spielfilmen oder sonst irgendwo."

Es gehe im Geschichtsunterricht eben darum, die Denk- und Kritikfähigkeit zu bewahren, und sich nicht von Emotionen überrumpeln zu lassen.

Die App "WDR AR 1933 – 1945" kann für iOS bereits gratis runtergeladen werden, die Version für Android folgt im März.

(mf)

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