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Länderreport | Beitrag vom 02.07.2020

WassernotrettungDie Saison ist eröffnet

Von Silke Hasselmann

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Ein Rettungsschwimmer schaut durch sein Fernglas. (Picture Alliance / dpa / Stefan Sauer)
Auch während Corona sind die Rettungsschwimmer der Wasserwacht in ganz Mecklenburg-Vorpommern im Einsatz. (Picture Alliance / dpa / Stefan Sauer)

Corona hin oder her: Die Mitarbeitenden bei der Wasserwacht in Schwerin haben wie jedes Jahr im Sommer viel zu tun. Auf die eigene Gesundheit können sie nur bedingt Rücksicht nehmen: Im Wasser übersteht keine Mund-Nasen-Maske den Einsatz.

Zu Gast im Freibad Kalkwerder am Südufer des Schweriner Sees. Badegäste haben sich an diesem kühlen Sommertag mit dem regenwolkenverhangenen Himmel noch nicht eingefunden. Dennoch - oder gerade deshalb - herrscht maskenloser Arbeitsbetrieb: Junge Männer zwischen 17 und 23 Jahren sind mit Spitzhacke, Besen oder Schippe auf dem Gelände zugange.

Der weiße Schriftzug auf dem Rücken ihrer roten Trainingsjacken zeigt an: Sie sind Rettungsschwimmer von der DRK-Wasserwacht Schwerin und damit auch zuständig für den 21 Kilometer langen und sechs Kilometer breiten Schweriner See.

"Ich bin Marcel Spießtersbach. Ich bin jetzt das dritte Jahr in Folge hier. Ich bin mit als Bootsführer hier."

- "Wann waren Sie das letzte Mal mit dem Boot draußen, weil Sie den Eindruck hatten, da draußen geht was schief?"
"Gestern gerade. Wir haben ein Segelboot wieder aufgerichtet, was gekentert ist."

Der 23-Jährige ist angestellt beim Deutschen Roten Kreuz Schwerin, das das Freibad Kalkwerder betreibt, zwei weitere Strandabschnitte bewacht und für die Wasserrettung auf allen sieben Seen in und um Schwerin zuständig ist.

Mit Maske zum Dienst

Als er am Vortag zum Einsatz auf dem Wasser war, hat er zunächst eine Maske getragen, sagt Maximilian Kühnel, der Verantwortliche vom DRK-Kreisverband.

Während eines kurzen Regenschauers berichtet er von den Veränderungen in Coronazeiten. Für das das Freibad zum Beispiel mussten sie ein neues Corona-Hygienekonzept erstellen. Dabei werden in und um Schwerin seit Wochen keine neuen Sars-CoV-2-Infektionen registriert.

"Wir haben Einbahnstraßensysteme für den Steg wie auch für den Ein- und Ausgang, und wir haben natürlich trotzdem, dass die Helfer wie die hauptamtlichen Kräfte sich möglichst fernhalten sollten von den Leuten, dass sie immer auf Distanz mit den Leuten sprechen. Ansonsten hat sich nicht viel geändert. Gerade in Bezug auf Rettungsmaßnahmen haben wir nicht so viele Möglichkeiten. Die Leute müssen natürlich irgendwie ans Wasser kommen, müssen im Zweifel reinspringen. Dann ist diese Maske natürlich schon weg. Und jemanden auf Distanz zu retten, funktioniert so auch nicht. Das Einzige, was bei uns umsetzbar ist, ist der Bootseinsatz. Dort können wir Distanz wahren oder können die Leute auch mit Schutzausrüstung ausstatten, die dann auch sinnvoll ist. Ansonsten: Für den normalen Strandbetrieb, Stranddienst ist das soweit nicht praktikabel."

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Der Regen hat aufgehört, doch von Sonne vorerst weiterhin keine Spur. Auch nicht von Badegästen. Lediglich eine Mutti bringt ihre Tochter zum Ablegen des Schwimmabzeichens vorbei.

Das Wetter auf dem See ist unberechenbar

Derweil versuchen fünf junge Rettungsschwimmer für die Slipanlage neue Betonschwellen in den Sand des Uferbereiches einzuspülen. Ein Mann mit rot-weißer Strickmütze, grauem Kinnbart und rauchigem Lachen spricht ihnen Mut zu.

"Mein Name ist Uwe Scherschel. Ich bin der hauptamtliche Wachleiter und bin seit drei Jahren hier. Die meisten Fälle hier... speziell im Freibad ist es eigentlich sehr ruhig. Bis jetzt ist nichts passiert, toi, toi, toi. Was die Hauptarbeit im Moment ist, sind draußen Segler und Motorboote mit Motorschaden oder die hängen in irgendwelchen Fischreusen fest und so weiter. Und wir sind diejenigen, die dahin fahren, die Boote wieder aufrichten, die Leute aus dem Wasser holen."

- "Mit welchen Geschichten müssten Sie heute auch noch rechnen, denn Segler sind draußen, oder?"
"Gerade bei diesem Wetter. Der Schweriner See, man soll es nicht glauben, das Wetter ist da unberechenbar. Und gerade hier vorn an der Werder-Ecke dreht der Wind. Da passieren auch die meisten Unfälle."

Auf dem Weg zum Bootshaus der Schweriner Wasserwacht erzählt der Ex-Saarländer, dass er viele Jahre als Skipper auf den Weltmeeren unterwegs gewesen ist. Als es ihn 2017 zu einer Reha nach Schwerin verschlagen hatte, verliebte er sich in das große mecklenburgische Gewässer und stellte sich beim DRK vor. Nun hat er im Herbst und Winter nichts oder wenig zu tun.

Luftaufnahme des Schweriner Sees in Mecklenburg-Vorpommern (picture alliance / blickwinkel / W. Buchhorn / F. Hecke)Der Schweriner See von oben: Der Saarländer Uwe Scherschel verliebte sich bei einer Reha in das Gewässer. (picture alliance / blickwinkel / W. Buchhorn / F. Hecke)

In der Sommerzeit hingegen bewegt er sich nicht weg von Schwerin und kennt – genau wie seine Mitarbeiter - weder Urlaub noch freie Wochenenden.

Ein 70.000-Euro-Mäuschen

"Hier haben wir unsere Mäuschen liegen, und das hier ist unsere neueste Errungenschaft: Das ist ein 6,20 Meter langes Vollaluminium-Boot, hat 100 PS, rein auf Wasserrettung ausgerichtet. Hat an der Seite eine Klappe, die können Sie komplett runterklappen, so dass man den Verletzten leichter ins Boot reinbekommt. Wir haben vorn eine riesige Backskiste. Da ist die ganze medizinische Abteilung drin."

Also rauf auf das 70.000-Euro-"Mäuschen". Rechterhand unter dem niedrigen Dach: eine kleine Bank. An der linken Bootswand hängt ein giftgrünes Brett samt Gurten.

"Hier haben wir den sogenannten Kombi-Carrier. Das ist eine Trage, die ist schwimmfähig. Da geht der Rettungsschwimmer ins Wasser, der Verletzte wird auf diesem Brett praktisch festgeschnallt. Das schwimmt. Man kann ihn auch umdrehen und leichter an Bord kriegen. Können Sie aufdrücken: Hier sind unsere Schwimmwesten drin, Wärmedecken. Hier ist eine Erste-Hilfe-Tasche drin. Da ist alles drin von der Mullbinde bis zum Stiffneck."

- "Und in diesem Boot waren Sie gestern draußen?"
"Wir waren gestern draußen und mit dem Schlauchboot nebendran auch. Denn wenn Sie einen durchgekenterten Jollenkreuzer haben, brauchen Sie immer zwei Boote. Auf diesem Boot sind dann ein Notstromaggregat und zwei Pumpen, damit Sie das Wasser aus der Kiste rauskriegen."

- "Wie lange haben Sie allein an dieser Jolle gearbeitet?"
"Zweieinhalb Stunden, das dauert. Da sind einige tausend Liter drin. Das sollte man nicht denken."

- "Und da sind Sie mit wie viel Leuten raus?"
"Vier. Es sind immer zwei Mann auf einem Boot. Das ist die Grundregel. Besser sind drei: ein Rettungsschwimmer, ein Rettungsassistent und ein Bootsführer. Weil: Wir müssen jemanden haben, der Ahnung vom Bootfahren hat, einen, der von Medizin Ahnung hat und einen, der ins Wasser geht."

Auch die Retter an Land haben viel zu tun

Doch auch an Land und in dem eingrenzten Nichtschwimmerbereich des Freibades gilt es wachsam zu sein, sagt dieser 17-jährige Schüler:

"Ich bin Christian Schinner und ich wohne zwei Dörfer weiter und bin hier in meinen Ferien tätig. Letztes Jahr habe ich hier mein Praktikum gemacht für zwei Wochen, und dann war ich gleich auch drei Wochen hier ehrenamtlich tätig."

- "Und dann besteht deine Aufgabe worin?"
"Ja, das Freibad instand zu setzen, also sauberzumachen. Und dann halt auf dem Steg Leute zu beobachten und, wenn es notwendig ist, Leute aus dem Wasser zu ziehen."

Das wird bei der etwas pummeligen Viertklässlerin, die gerade einen Köpper probiert, hoffentlich nie der Fall sein. Das Mädchen kann schon gut schwimmen und schafft an diesem Tag das Schwimmabzeichen in Bronze. Die Schwimmlehrerin von der Wasserwacht konnte die Einzelprüfung kurzerhand dazwischenschieben.

Größere Aufmerksamkeit als sonst

Doch ansonsten rechnen die Rettungsschwimmer im gesamten Land damit, dass sie noch größere Aufmerksamkeit walten lassen müssen als üblich. Ohnehin lernen immer weniger Kinder das Schwimmen in der Familie. In diesem Jahr ist coronabedingt der schulische Schwimmunterricht in der Schwimmhalle weggefallen.

Interessenten wurden an Hilfsorganisationen wie das Deutschen Rote Kreuz verwiesen, die grundsätzlich auch Schwimmkurse anbieten können, sagt Maximilian Kühnel vom DRK Schwerin. Das Ärgerliche sei, dass die Hallenkurse ausfallen mussten, für Freiluftkurse aber Vorbereitungszeit und genügend Schwimmlehrer fehlten.

"Das Problem ist", erklärt er, "da wir auch die Konzepte fertigmachen mussten. Damit wir überhaupt das Freibad aufbekommen, konnten wir Schwimmkurse leider dieses Jahr nicht anbieten."

Zurück in der Bootsgarage der Schweriner Wasserwacht, wo Wachleiter Uwe Herschel auch die "Gummipflaume" begutachtet - das Rettungsschlauchboot, das bis zu 100 km/h schnell sein kann und das man eigentlich nur im Stehen fahren sollte - erst recht bei hohem Wellengang.

Apropos stehen: "Der Trend dieses Jahr geht eindeutig zum Stand-up-Paddeln. Die gibt es im Moment wie Sand am Meer. Gewisse Supermarktketten haben die Bretter ja für ’n Appel und ’n Ei rausgeschossen. Also, das hat - ich schätze mal - um 100 Prozent zugenommen."

Verwunderung über die Unvernunft

Der 59-Jährige wundert sich über die Unvernunft vieler ungeübter Leute, die aufrecht stehend lange Strecken ohne Schwimmweste paddeln. Erst am Vortag sei eine Frau samt vierjährigem Kind und Hund ohne jegliche Schutzvorkehrung auf dem Brett gepaddelt, ohne die heraufziehende Gewitterfront zu bemerken. Das hätte leicht ein Fall für die Wasserwacht Schwerin werden können.

Übrigens: Wer dort anheuern möchte, muss mindestens 18 Jahre alt sein, einen Erste-Hilfe-Kurs und das Rettungsschwimmerabzeichen in Silber gemacht haben. Für den Rest bilde das DRK Schwerin die Leute aus. Egal, ob Männer oder Frauen. Das gelte für das Mitfahren auf den Rettungsbooten ebenso wie auch für das Führen dieser rasenden Wassermaschinen, sagt Wachleiter Uwe Herschel.

"Also Bootfahren und Rettungsbootfahren sind zwei Paar Schuhe", erklärt er. "Ich meine, das Ding wiegt zweieinhalb Tonnen. Wenn Sie einen Schwimmer rausholen und semmeln einmal dagegen, dann war´s das. Da müssen Sie höllisch aufpassen. Wir wissen ja nie, was ist."

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