Seit 17:30 Uhr Tacheles
Samstag, 23.10.2021
 
Seit 17:30 Uhr Tacheles

Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 22.06.2013

Was wird in uns wach durch den anderen?

Die Lange Nacht von Liebe und Schmerz

Von Irmgard Maenner und Susann Sitzler

Ein gebrochenes Herz kann ganz schön aus der Bahn werfen. (picture alliance / dpa)
Ein gebrochenes Herz kann ganz schön aus der Bahn werfen. (picture alliance / dpa)

Liebe und Schmerz werden in einem Atemzug genannt. In einem Hauch oder als erschöpfter Seufzer. Sie scheinen zusammengewachsen zu sein wie Zwillinge oder wie Feinde, die sich brauchen. Als Gradmesser für die Liebe gilt Leid. Film, Literatur und Musik leben von dieser Verbindung: unerfüllt lieben, zu sehr lieben, liebend zugrunde gehen, gar nicht lieben können.

Die "Lange Nacht" sucht nach den Szenarien verschiedener Liebesideale – von der romantischen Verschmelzung über gepflegten Genuss bis zum bindungslosen Sex. Wie begegnet man der existenziellen Angst vor der Einsamkeit?

Die "Lange Nacht" fragt nach Liebeserfahrungen und deren Ursprüngen in der Kindheit, nach den Rollen von Liebe und Schmerz zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kulturen.

Die Schriftstellerin Connie Palmen spricht über Faszination und Verhängnis symbiotischer Liebe. Wie nah können sich zwei Menschen kommen? Was wird in uns wach durch den anderen, durch Liebe und Schmerz?

"Wir sind eine durch und durch romantische Gesellschaft und gerade im Gebiet der Liebe haben wir keine neuen Geschichten. Es bleibt dieses romantische Bild, dass der eine für den anderen bestimmt ist. Das ist seit Plato so, die eine Hälfte sucht die andere Hälfte und sie werden eins. Das ist Kultur. Kultur ist natürlich ebenso wichtig wie all diese Stoffe im Körper, die soviel mit uns tun. Man kann sich diesem Bild nicht entziehen. Man kann sich dieser Sehnsucht nach so einer Liebe nicht entziehen. Man kann nicht aus dieser Kultur heraus."Connie Palmen, Schriftstellerin

Connie Palmen
Ganz der Ihre
Roman. Aus d. Niederländ. v. Hanni Ehlers.
2004. -DIOGENES-

Connie Palmen
Die Erbschaft
Roman. Aus d. Niederländ. v. Hanni Ehlers.
2003. -DIOGENES-

Connie Palmen
Die Freundschaft
Roman.
1998. -DIOGENES-

Connie Palmen
Die Gesetze
3 Audio-CDs.
195 Min.. Gelesen v. Christine Paul.
2002. -ROOF MUSIC- (auch als Buch erhältlich)


Mehr zu Connie Palmen beim Diogenes-Verlag und bei Wikipedia

"Die Menschen kommen zur Beratung, weil sie akute Schwierigkeiten haben. Einmal, wenn es trotz aller Versuche, keinen Kontakt mehr gibt in der Beziehung. Da gehen eher die Frauen, wenn sie in der Beziehung keine Möglichkeit mehr sehen, sich verständlich zu machen. Und Männer kommen eher in Not und in die Beratung, wenn die Frauen fremdgehen."

Monika Häußermann, Psychologin


Die Berliner Beratungsstelle pro familia schreibt in ihrer Selbstdarstellung unter anderem:
pro familia ist der führende Verband zu Sexualität, Partnerschaft und Familienplanung in Deutschland und betreibt flächendeckend das größte Beratungsnetz in der Bundesrepublik.

Die 180 Beratungsstellen von pro familia bieten Sexual-, Schwangerschafts-, und Paarberatung, ein Angebot, das von mehr als 200.000 Menschen pro Jahr in Anspruch genommen wird.


Der Arbeitskreis Neue Erziehung e.V. (ANE) unterstützt seit über 60 Jahren Eltern dabei, ihre Kinder zu selbstbewussten und wachen Mitgliedern einer demokratischen Gesellschaft in Europa zu erziehen. Die Angebote richten sich an alle Eltern, unabhängig von ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft.
Gisela Steppke-Bruhn (Elternbriefe): "Durch die Beschäftigung mit der ANE-Geschichte ist mir klar geworden, dass wir mit NiC im Grunde wieder zurückkommen zu den alten Wurzeln. Wir haben uns ja im Laufe der Jahre eher zu einer Art Dienstleistungsbetrieb entwickelt, der Serviceleistungen für Eltern entwickelt. Mit NiC wird der alte Vereinsgedanke wieder belebt, Eltern zu aktivieren."
Werkstattgespräch für ANE-MitarbeiterInnen


Prof. Hartmut Zinser, Institut für Religionswissenschaften, FU Berlin und auf Wikipedia


Bitte stellen Sie sich Fragen:

Was schmerzt am meisten? Sehnsucht, Trennung, Eifersucht, Betrug, Sprachlosigkeit, Gewalt, Tod, zu hohe Ideale, schlechte Vorbilder?

Haben materielle Abhängigkeit, Arbeitsteilung oder Macht etwas mit Liebe zu tun?

Soll man in der Liebe Maß halten?

Ist Schmerz der Liebe förderlich?

Wie zeigt man Liebe im Alltag?

Haben Sie eine persönliche Strategie?



Literatur

Connie Palmen
I.M.
Diogenes Zürich 2001

Silvia Szymanski
"Agnes Sobierajski".
Piper, München 2000

Ian McEwan
Liebeswahn
Diogenes, Zürich 1998

Madeleine Bourdouxhe
Unterm Pont Mirabeau fließt die Seine
Piper München 1998

Margaret Atwood
Katzenauge
Fischer, Frankfurt a.M. 1992

Mira Magen
Schließlich, Liebe
dtv premium, München 2002

Alice Rogers-Hager
Die Harpers-Kinder
Büchergilde Gutenberg, Zürich 1951

Philip Roth
Mein Leben als Mann
rororo TB, Hamburg 1993

Pat Barker,
Das Gegenbild
dtv premium, München 2001

Peter Weiß
Abschied von den Eltern
Suhrkamp Frankfurt a.M. 1961

Marlen Haushofer
Wir töten Stella.
Ullstein 2003

Michel Houellebecq
Ausweitung der Kampfzone
Fischer Reinbeck 2000

Zitate:

"Wenn man versucht Schmerz zu untersuchen, soll man sich die ganz einfache Frage stellen: Was tut mir weh? Was hat mir immer weh getan?"
Connie Palmen

"Hören Sie sich doch Schlager und Chansons an - die Gedichte verknüpfen es: Offensichtlich ist nur, wenn man kräftig gelitten hat, der Liebesgenuss erlaubt."
Hartmut Zinser

"Ich weiß nicht, warum es mir immer wichtiger wird, dieses Wort 'Achtung'. Wenn ich nach Hause komme und sage 'Guten Tag, wie geht es dir?' Das ist eine Geste der Liebe, wenn ich diese Frage ernst meine und es mich wirklich interessiert."
Monika Häußermann

"Jedes künstlerische Leben wächst auf etwas Schmerzhaftem. Sonst sucht man sich ein bequemes, vielleicht langweiliges Leben. Das gleiche gilt für die Liebe. Es wird ein Preis bezahlt für eine große Liebe. Aber dafür hat man nicht eine gewöhnliche, kleine, sanfte, kameradschaftliche Liebe. Man hat eine große Liebe."
Connie Palmen

"Liebe im Alltag zeigt man dadurch, dass man z.B. mal ein Telefonat unterbricht, weil man sieht, das Kind will was, dass man einem Erwachsenen sagt, 'warte mal', und dass man sich Zeit nimmt. Das ist das allerwichtigste: dass man sich Zeit nimmt."
Gisela Steppke-Bruhn

"Es geht um harte Arbeit. Aber welche Paare kennen Sie, die tatsächlich an der Beziehung arbeiten? Und so lange wir das nicht begreifen, so lange werden wir keine Beziehung zustande bringen, die etwas hat wie Kameradschaftlichkeit, Solidarität, Achtung und Akzeptanz des Anderen."
Monika Häußermann

"Derjenige, der sich selbst zu beherrschen vermag, und das heißt, seine Schmerzen zu beherrschen vermag, der sieht sich legitimiert zum Herrschen über andere. Dies Modell ist weltweit verbreitet."
Hartmut Zinser

"Versetzen Sie sich mal in die Lage des Kindes. Oder, wenn ihr Arbeitgeber Ihnen eine Ohrfeige gäbe: Wie würden Sie das sehen?"
Gisela Steppke-Bruhn

"Wenn du abhängig sein kannst in einer Situation, in der keiner dich beschädigt, ist das das schönste, was es gibt. Das ist vielleicht die Definition von Intimität: Abhängig und nicht beschädigt werden."
Connie Palmen


Ausschnitte aus dem Roman "I. M." von Connie Palmen:

Man hört Stühlerücken, und das gedämpfte Stimmengewirr sich unterhaltender Menschen wird von einer durchdringenderen Frauenstimme übertönt. Sie ist es, die so geräuschvoll den Stuhl zurückgeschoben hat und nun auf den Klavierspieler zuläuft, ihm etwas zuflüstert und nach einigen einleitenden Klängen ein Lied zu singen beginnt, das Ischa als So in Love with You von Cole Porter erkennt.

Ihm kommen die Tränen, und er ergreift meine Hand. Er versucht mir etwas zu sagen, muss aber weinen. Er drückt meine Hand und schluckt heftig, um mir so schnell wie möglich sagen zu können, was er unbedingt an mich loswerden möchte.

'Wenn sie solche Lieder darüber schreiben, dann muss es das doch auch wirklich geben.'

Ich beneide ihn, weil er an einem Ort war, an dem ich nie gewesen bin, im Innern von Ischas Körper, unter seiner Haut, hinter seinen Rippen. Ich beneide ihn, weil er Ischas Herz in den Händen halten konnte. Er ist der einzige, der mir erzählen kann, wie sein Herz aussah, und das möchte ich wissen.

Anderthalb Wochen nach Ischas Tod sitze ich in einem halbdunklen Zimmer auf dem Gelände des Lucaskrankenhauses, dem Mann gegenüber, der sein Herz in den Händen hatte. Er sagte, er habe alles getan, was er konnte, habe das Herz aber nicht mehr zum Schlagen bringen können. Danach sieht er mich an und muß schlucken. Und ich könnte ihn küssen, so dankbar bin ich dafür, dass Ischas Herz von einem barmherzigen Menschen angefasst wurde.



Fil: "Verlass mich"

Tausendmal zusammen ausgewesen/tausendmal früh wieder gegangen/tausendmal das Kinoprogramm gelesen/tausendmal zuhause abgehangen/tausendmal zusammen nach Rügen verreist/tausendmal den Eisschrank enteist/tausendmal den Kühlschrank abgetaut/tausend Millionen Regale angebaut

Verlass mich!/ verlass mich!/ verlass mich!

Tausendmal gesagt ' ich komm dann und dann'/tausendmal nicht dann und dann gekommen/tausendmal gesagt ' ich ruf dich an' /tausendmal hast du es irgendwie zu wörtlich genommen/tausendmal der Rainer/ tausendmal der Kay/tausendmal ' was soll ich dazu sagen? /damals war ich ja noch nicht dabei'/tausendmal ' man hör auf, dauernd an mir rumzuzuppeln' /tausendmal überlegt 'Mensch, mit wem könnt man bloß den Micha verkuppeln' /tausendmal wieder keine für den Micha gefunden/tausendmal Sex, normalen, gesunden

Verlass mich!/verlass mich!/verlass mich!

Tausendmal auf Urlaubspostkarten untendruntergeschrieben ' ...und von fil'/ tausendmal gesagt 'nee, die wär mir echt zu mager'/tausendmal gesagt 'ich mach das mit dem Grill'/tausend Jahre Wasserkistenztrager/tausend Jahre mit dem Rücken zur Wand/tausend Mal 'kennst du den schon?'/ tausendmal den schon gekannt/Zehntausend Nächte Löffelchenposition

Verlass mich!/verlass mich!/verlass mich!

Dankesehr

Lange Nacht

Jean-Luc GodardFilme über (das) Filmemachen
Porträt von Godard in Denkerpose mit Zigarette am Set von Alphaville. (imago / Prod.DB)

Jean-Luc Godard, der revolutionäre französischen Regisseur und Filmpoet lebt seit mehr als 40 Jahren am Genfer See, ganz in der Nähe des Ortes, in dem er aufgewachsen ist. 25 Jahre seines Lebens arbeitete er in Paris. Über 100 Filme und Videoarbeiten umfasst sein Werk bis heute. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur