Was wäre wenn ...

Rezensiert von Katharina Döbler |
Gerhard Henschel, Experte für die Pop-Musik der 60er Jahre, schickt den Protagonisten seines Romans per Zeitreise aus Hamburg ins Swinging London der Sixties. Er ist ausgestattet mit einer unerschöpflichen Brieftasche und einer Mission: die Begegnung von John Lennon und Yoko Ono zu verhindern.
Der historische Konjunktiv: "Was wäre geschehen, wenn..." ist schon immer ein reizvolles Gedankenspiel gewesen, das nicht wenige Romanciers inspiriert hat. Im neuesten Roman von Gerhard Henschel geht es um das in vielerlei Hinsicht historische Datum des 9. November – allerdings in einem weltgeschichtlich nicht sehr bedeutsamen Zusammenhang: Am 9. November 1966 traf John Lennon in der Londoner Indica-Galerie zum ersten Mal mit Yoko Ono zusammen. Für Beatles-Fans war das ein schwarzer Tag - der Anfang vom Ende der Beatles.

Henschel, Experte für die Pop-Musik der 60er Jahre und offenkundig großer Beatles-Fan, schickt seinen Protagonisten Friedrich Wilhelm Schiers, geboren 1968, per Zeitreise aus Hamburg ins Swinging London der Sixties, ausgestattet mit einer unerschöpflichen Brieftasche und einer Mission: die Begegnung von John und Yoko zu verhindern.

Es gelingt ihm zwar, aber um welchen Preis! John Lennon fällt ins Koma und nach seinem Wiedererwachen entsagt er seinem Leben als Popstar und tritt der Heilsarmee bei. Der frustrierte Zeitreisende versucht nun, die noch ungeschriebenen Beatles-Songs unter die richtigen Leute zu bringen, wobei er es nicht lassen kann, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Chuck Berry und alle möglichen anderen, auch weniger berühmten, Gestalten des Pop-Zirkus vor Drogentod, Verkehrsunfällen, Steuerbehörden, Krankheiten und Polizeirazzien zu warnen. Manchmal sogar mit Erfolg.

Die Mythen jener Zeit zitiert Henschel dabei mühelos herunter: die angesagten Lokale und Lieblingsdrogen, die Sprüche, Frisuren und Klamotten. Zu den Höhepunkten des Romans gehören die Schilderungen ausufernder Partys samt den zugehörigen Höhenflügen und Abstürzen mit LSD und Unmengen Hasch, mit Heroin, Sex, Wahnsinn und Marianne Faithfull.

Das ist recht witzig, steckt voller exakter Details und liest sich weg wie ein Kapitel aus einem unterhaltsamen Pop-Lexikon: Wer wann wo mit wem zusammen gefeiert oder gevögelt hat, wodurch die Songs inspiriert waren und unter welchen Umständen sie aufgenommen wurden. Dabei wimmelt das Buch von Zitaten aus Songtexten, allerdings ohne Quellenangaben.

Aber das ist leider alles, was den Romanautor interessiert. Zwar lässt er seinen gescheiterten Verbesserer der Pop-Welt einmal - Anfang Juni 1967 - nach Berlin reisen, wo er in einen ihn sehr verwirrenden Polizeieinsatz gerät; aber da der Gute doch sehr einseitig gebildet ist, wundert er sich nicht groß, als er einen von einem Polizisten abgefeuerten Streifschuss abbekommt und von einem Jungen namens Benno gerettet wird.

Mehr als ein müdes Lächeln kann Henschel seinen Lesern damit kaum entlocken – der zweite historische Konjunktiv ist als kleiner Scherz am Rande ebenso verschenkt wie all die vielen Figuren, von denen keine mehr Profil zeigt als ein Hochglanzfoto.

Aber so muss man diesen - übrigens zu schätzungsweise 15 Prozent auf Englisch verfassten - Roman wohl nehmen: als unterhaltsam lockeren Pop-Retro-Mix mit lexikalischem Einschlag.


Gerhard Henschel: Der dreizehnte Beatle
Roman. Hoffmann und Campe
Hamburg 2005, 206 S., 16,95 €