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Thema / Archiv | Beitrag vom 20.04.2011

Was vom Menschen übrig blieb

Wenn Museen Überreste Verstorbener zeigen

Von Ursula Biermann

Kleinkindmumie aus Südamerika. (J. Ihle)
Kleinkindmumie aus Südamerika. (J. Ihle)

Es gibt Ausstellungen in europäischen Museen, die einem Gruselkabinett alle Ehre machen können: Menschliche Knochen, Schädel, Schrumpfköpfe, Mumien. Im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen in der Schweiz zum Beispiel werden seit einiger Zeit Schrumpfköpfe aus dem Amazonasgebiet ausgestellt.

Solche Sammlungen wandern um die Welt: wo Schrumpfköpfe ausgestellt werden, kommen die Menschen in Massen. In St. Gallen löste die Ausstellung eine heiße Debatte aus. Es wurde gefragt, ob man menschliche Körperteile ausstellen darf, die grausame Zeugnisse von Kriegsverbrechen und Völkermord sind.

Der Direktor des Museums, Daniel Studer:

"Diese Frage, die uns natürlich schon sehr lange beschäftigt, wird von uns hier so gelöst, dass wir uns entschieden haben, Schrumpfköpfe zu zeigen, diese aber ganz bewusst in einen Kontext zu stellen. Es geht dabei also nicht darum, das als Schaubude sozusagen voyeuristisch dem Publikum vorzustellen, sondern wir möchten das ganz bewusst in einen Kontext einbinden um so die Gesamtheit ihres Lebens im Amazonasgebiet aufzuzeichnen."

Das ist auch sehr schön gelungen. Die Schrumpfköpfe stehen in einer Glasvitrine, den Rest des Raumes nehmen großflächige Darstellungen vom Leben am Amazonas ein. Das St. Gallener Museum hat unverhofft noch einige zusätzliche Schrumpfköpfe aus der Bevölkerung geschenkt bekommen.

Studer: "Wir haben letztes Jahr, als diese ganze Diskussion auf ihrem Höhepunkt war, Schrumpfköpfe zugesandt bekommen von allen möglichen Leuten, Leute die ihre Estriche durchforstet haben, die sich von diesen Stücken auch trennen wollten. Darunter waren Fälschungen, darunter waren aber auch einige echte Stücke, unter anderem kam einer mit ganz kurzen Haaren. Und da haben wir dann herausgefunden, dass dieser Schrumpfkopf in der betreffenden Familie den Kindern zum Spielen gegeben worden war und die behandelten ihn wie eine Puppe und haben ihm auch die Haare geschnitten, das heißt, sie haben hier Friseur gespielt. Und die Familie hat dann gefunden, 'Ja das geht so nicht mehr' und man möchte ihn doch einem Museum überlassen und jetzt ist er hier."

Doch einige der betroffenen Völker verlangen die Rückführung der Überreste ihrer Ahnen. Die meisten Museen würden das auch gerne tun aber es ist manchmal schwer zu entscheiden, wer denn nun eigentlich der rechtmäßige Erbe ist. Die Schrumpfköpfe zum Beispiel kommen von den Shuah aus Südamerika. Sie haben ihren Feinden die Köpfe abgehackt, sie geschrumpft und als Trophäen getragen. Ihnen kann man sie kaum zurückgeben.

Ein Urenkel des berühmten Indianerhäuptlings Sitting Bull forderte vom Museum zwei Exponate seines Urgroßvaters zurück: einen Haarzopf und Leggins. Er bekam sie auch, weil er seine Verwandtschaft genetisch nachweisen konnte. Der Rest des Clans von Sitting Bull protestierte und fühlte sich hintergangen. Doch woher soll ein Museum wissen, wer rechtmäßiger Erbe ist und wer nicht? Wie sollen sie menschliche Überreste ausstellen? Oder besser nicht? Das wollen die Museen jetzt einen Leitfaden erarbeiten.

Juristisch leichter einordnen lässt sich dagegen die Forderung der Herero und Nama aus Namibia. Sie verlangen von Deutschland Schädel zurück, die um 1904 von den Deutschen in kolonialisierten Südwest-Afrika geraubt wurden. Damals wurden in einem beispiellosen Genozid fast alle Angehörigen der dort lebenden Herero und Nama ermordet und einige ihrer Schädel an deutsche Universitäten geschickt, um wissenschaftlich die Überlegenheit der weißen Rasse zu beweisen. Nach jahrelangen Forderungen werden die ersten Schädel im Mai zurück gegeben.

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