Was Verleger panisch macht

Wie sieht die Zukunft von E-Books aus? © picture alliance / dpa / Arne Dedert
Christoph Bläsi im Gespräch mit Klaus Pokatzky · 26.08.2013
Das Buch ist die beliebteste Ware, die die Deutschen online kaufen – allerdings nur das gedruckte Buch, nicht die E-Books. Nach Einschätzung von Christoph Bläsi, Professor für Buchwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, haben Verleger allerdings Angst, dass der Branche Ähnliches passieren könnte wie der Musikindustrie vor einigen Jahren.
Klaus Pokatzky: Wen könnten wir besser nach dem Buch fragen als einen Professor für Buchwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz? Guten Tag, Christoph Bläsi.

Christoph Bläsi: Guten Tag!

Pokatzky: Herr Bläsi, wie lesen Sie?

Bläsi: Ich lese privat, muss ich sagen, auf Papier. Und für die beruflichen Zwecke lese ich viel digital, aber auch nicht auf tragbaren Geräten, sondern auf meinem Notebook.

Pokatzky: Wir brennen die Wunschwelt der Verlage ab, haben wir gerade in dem Beitrag gehört, große Piraten-Unehrenworte. Wie panisch macht so was die Verleger?

Refinanzierung von Büchern könnte schwierig werden
Bläsi: Ja, das macht die Verleger panisch, und das kann man natürlich in gewisser Weise auch nachvollziehen, weil die Verleger die Musikindustrie als eine Industrie vor Augen haben, wo Ähnliches passiert ist, was im Prinzip ein Business auf die Hälfte oder so was hat zusammenbrechen lassen.

Und da Bücher jetzt in der digitalen Form, wie es sie seit etwa fünf oder sechs Jahren auf dem Markt gibt, im Prinzip die gleiche Erscheinungsform haben, haben die Verleger nicht ohne Grund Angst, dass Ähnliches über Tauschbörsen, Piraten und so was auch ihnen widerfahren könnte und was die Refinanzierung der Erstellung der Bücher in erhebliche Schwierigkeiten bringen könnte.

Pokatzky: Die Musikindustrie kennt das ja auch und hat mit teilweise rabiaten Methoden die Nutzer ihrer illegalen Plattformen verfolgt. Wie reagiert jetzt die Buchbranche auf solche illegalen Buchplattformen?

Bläsi: Es gibt bei dem Börsenverein eine entsprechende Arbeitsgruppe, die aber natürlich nicht die Interessen der einzelnen Verlage im individuellen Fall vertreten kann. Die einzelnen Verlage, jedenfalls solche, die glauben, dass sie besonders Ziel sein können für Piraterie, die lassen den Markt beobachten, lassen also Leute nach illegalen Kopien dieser Bücher suchen und lösen dann typischerweise eine sogenannte Take-down-Aufforderung los an diese Serverbetreiber, diese Datei herunterzunehmen.

Das funktioniert auch häufig, oft ist es allerdings so, dass die nur kurz danach auf anderen Servern wieder auftauchen. Auf die Verfolgung von einzelnen Übeltätern wird typischerweise verzichtet, es wäre auch schwierig, von den Providern die IP-Nummern der entsprechenden Delinquenten herauszubekommen.

Pokatzky: Haben die Verlage denn auch Fehler gemacht, etwa wenn es um den Preis geht? Viele Leute verstehen ja gar nicht, warum E-Books kaum billiger sind als gedruckte Bücher.

Es geht nicht um einen Preis, der aus Verlagssicht kostendeckend ist
Bläsi: In Deutschland heißt die vom Börsenverein ausgegebene Marschrichtung im Prinzip, mit dem E-Book-Preis so nah wie irgendwie möglich am Preis der billigsten gedruckten Ausgabe – also typischerweise am Taschenbuch – zu bleiben. Es ist im Moment von den Kosten, die entstehen, wenn man die Prozesse betrachtet und so, auch nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Es ist nur natürlich Produzentendenke, und es geht nicht darum, einen Preis zu schaffen, der aus Verlagssicht kostendeckend ist, wenn sich dieser Preis den Kunden überhaupt nicht vermittelt, die dann sagen, ja, Moment mal, da ist kein Papier, da ist kein Druck, da ist keine Distribution, warum soll ich da gleich viel bezahlen.

Wenn sich also das nicht vermittelt dem Kunden, dann kann ich diesen Preis einfach nicht durchsetzen. Und wenn ich noch was hinzufügen darf, es gibt ja noch ein paar ganz viel schrägere Sachen: Ich bezahle einen Preis, der sehr nah am Printbuch ist, und dann kann ich zum Beispiel meinen Buchbestand, meinen digitalen, nicht einmal an meine Nachkommen vererben. Weil das eigentlich kein Kauf war, sondern nur eine Lizenz und so was. Und das ist wirklich schwer zu vermitteln.

Pokatzky: Eine andere Möglichkeit, erstens E-Books populärer zu machen und zweitens es den Piraten schwerer zu machen, ist ja Verleih. Warum ist das so ein schwieriges Thema?

Bläsi: Wenn Sie ein normales Gebrauchsbuch nehmen, also zum Beispiel einen Krimi oder was, was man im Urlaub liest, praktisch ein Text, den liest man innerhalb von ein oder zwei Wochen und dann nie wieder in seinem Leben. Und dieser Krimi, der ist auch nicht besonders schmuck für die Büchertapete im Bücherschrank zu Hause. Und wenn ich das jetzt ins Digitale transformiere, dann ist einfach zwischen Kauf und Leihe im Digitalen überhaupt kein Unterschied. Und deswegen reden wir da im Prinzip wieder über genau die gleiche Sache wie vorher, nämlich über den Preis: Wie viel darf es also kosten, dass ich ein Buch zwei Wochen lang digital lesen kann? Denn zwischen Kauf und Leihe wäre eigentlich kein Unterschied.

Pokatzky: Welche Probleme haben denn jetzt die öffentlichen Bibliotheken, wenn es um E-Books geht?

Eine quasi freie Leihe des Gesamtangebots wird es nicht geben
Bläsi: Die haben das Problem, dass die Verlage natürlich sagen, wenn ihr die Bücher verleiht, das sind Verkäufe, die uns rausgehen, dann könnt ihr das auf keinen Fall zu den normalen Konditionen kriegen. Dazu kommt das Problem, dass die Bücher dann eben nach 20 Ausleihvorgängen wie die gedruckten nicht verschlissen sind und weggeworfen werden und ein neues gekauft wird, sondern diese digitale Datei kann im Prinzip Tausende Male verliehen werden.

Da würden die Verlage einfach sagen, das ist ein Verschenkkanal, den wir neben unserem normalen Business auf jeden Fall nicht akzeptieren können. Und die Bibliotheken würden natürlich sagen, es muss schon aus sozialen Gründen und Wissensgesellschaft und so was als Alternative zum Kauf die Möglichkeit des Leihens unbedingt geben. Und da treffen Interessen aufeinander, die nicht so ohne Weiteres vereinbar sind.

Pokatzky: Und wie wird der Streit Ihrer Meinung nach enden?

Bläsi: Der wird, glaube ich, so enden, dass die Verlage einfach nicht ihr ganzes Angebot für die Verleihe zur Verfügung stellen, und dass möglicherweise, was in den USA gemacht wird, dass nämlich eine digitale Kopie zum Verleihen für eine Bibliothek mehr kostet als eine normale ... Also, in den USA ist die Idee gewesen, dass man eine digitale Kopie als öffentliche Bibliothek nur 26 Mal, also praktisch ein Jahr lang jeweils zwei Wochen verleihen kann.

Und wenn man das danach noch länger verleihen will, muss man einfach noch mal eine Kopie kaufen. Irgendwas in die Richtung wird kommen. Ich glaube, eine quasi freie Leihe des Gesamtangebots von Büchern kann es nicht geben, weil das einem Verschenken quasi gleichkäme.

Pokatzky: Im Deutschlandradio Kultur Christoph Bläsi vom Mainzer Institut für Buchwissenschaft, der E-Book-Markt mit seinen Tücken ist unser Thema. Herr Bläsi, haben wir alle noch nicht gelernt, den reinen Inhalt so zu schätzen wie den in der gedruckten Form? Entwertet vielleicht das E das richtige Book?

Bläsi: Irgendwie schon. Ich glaube, dass die Tatsache, dass ich was anfassen kann und dass mir was auf Dauer gehört, möglicherweise sogar in meinem Zimmer steht über meine eigene Lebenszeit hinaus, das ist was, was offensichtlich eine Rolle spielt.

Und diese Eigenschaften würde man einer Datei mit gewissem Recht nicht zubilligen. Und deswegen ist man zum Beispiel ein bisschen zurückhaltend, dann den gleichen Preis dafür zu bezahlen.

Pokatzky: Jetzt am Samstag ist im Rowohlt Verlag eine neue Art von E-Book erschienen: "Deathbook" von Andreas Winkelmann, das ist ein Thriller, der als App in Serienform gelesen wird, das heißt, wöchentlich weitergeführt wird. Also der gute alte Illustriertenroman in neuem digitalem Gewand, mit Filmen dazu und Audio-Material. Ist das das E-Book der Zukunft?

Bläsi: Das ist sicherlich ein wichtiger Kanal der Zukunft. Erstens mal die Nutzung der Möglichkeiten, Texte anzureichern mit anderen Medien, und zweitens diese Geschäftsmodellidee, dass ich durch Serialisierung natürlich erreiche, dass unter Umständen diese illegalen Server mit den neu erschienenen Folgen gar nicht mehr nachkommen erstens, und zweitens die einzelne Folge in eine Preiskategorie kommt, die die Leute dann vielleicht doch noch verschmerzen, wahrscheinlich irgendetwas in der Gegend von 99 Cent oder 1,99 oder so was. Das ist auch was, was Bastei Lübbe seit einiger Zeit macht ...

Pokatzky: Der Verlag Bastei Lübbe.

Bläsi: Genau, der Verlag Bastei Lübbe. Diesem Modell würde ich eine echte Zukunft voraussagen.

Pokatzky: Danke, Christoph Bläsi vom Mainzer Institut für Buchwissenschaft und weiterhin frohes Lesen!

Bläsi: Dankeschön.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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