Was tun, wenn Eltern sich trennen

Das Leben mit Stiefeltern ist nicht immer einfach, meint Autorin Melanie Mühl. © AP
Kim Kindermann im Gespräch mit Dieter Kassel · 13.10.2011
In ihrem Buch "Die Patchwork-Lüge" kritisiert die Autorin Melanie Mühl, dass das Aufwachsen in einer Stieffamilie weithin verharmlost wird. Der Buchmarkt reagiert - mit neuen Ratgebern, die auch den Schmerz einer Trennung der Eltern thematisieren, sagt die Sachbuchkritikerin Kim Kindermann.
Dieter Kassel: Es gab mal das Klischee von der bösen Schwiegermutter oder auch dem bösen Stiefvater, der bösen Stiefmutter und dem bösen Stiefvater. Da war noch klar, wenn Kinder nicht bei beiden leiblichen Eltern aufwachsen, dann haben sie Pech gehabt. Man begann dann aber irgendwann, eine solche Konstellation Patchworkfamilie zu nennen, und mit dem Begriff änderte sich auch die Bewertung. Selbst konservative Medien finden es heute toll, wenn Kinder in Familien aufwachsen, in denen ein Mann und eine Frau viel Nachwuchs aus verschiedenen Beziehungen zusammenwerfen. Das macht selbst Bundespräsident Christian Wulff von der CDU so.

Kürzlich aber erschien das Buch "Die Patchwork-Lüge" von Melanie Mühl. Hier ist der Titel Programm: Nichts ist gut an der neuen Lebensform. Vieles verlogen, die Trennungsgründe oft lapidar und Eltern stellen das eigene Glück über das ihrer Kinder. All das sagt die Journalistin und Autorin in diesem Buch. Und wie reagiert nun der restliche Buchmarkt auf diese Streitschrift? Diese Frage soll uns jetzt unsere Sachbuchredakteurin Kim Kindermann live von der Frankfurter Buchmesse beantworten. Schönen guten Tag, Frau Kindermann!

Kim Kindermann: Hallo!

Kassel: Wie reagiert er denn, der Buchmarkt, auf diese ja auch durchaus erfolgreiche Provokation?

Kindermann: Also im Buchsektor tatsächlich mit den gewohnten Ratgebern muss man sagen, es gibt nicht das große Buch "Die Gegen-Patchworklüge", das hätte man ja erwarten können nach den Diskussionen und dem Medienecho, das Melanie Mühl mit ihrem Buch ausgelöst hat, aber hier in Frankfurt sieht man die altbewährten Titel zum Thema, die heißen dann so was wie "Patchwork: Die neue Familie", ein anderer Titel heißt "Mut zur Patchwork-Familie", und der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat ein Buch über Chancen und Herausforderungen für Patchworkfamilien geschrieben, das heißt dann ganz peppig "Aus Stiefeltern werden Bonuseltern". Also das ist nicht wirklich Neues, solche Titel haben wir auch schon in den letzten Jahren hier gefunden.

Interessant: Der Kinderbuchmarkt hat das Thema auch für sich entdeckt. Eines der Bücher, die für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert sind, heißt "Alles Familie", der wird hier morgen verliehen, und das zeigt dann doch schon so ein bisschen, dass das Thema Familie immer noch Aktualität hat, Familie steht im Zentrum, und interessanterweise gilt das auch für die Belletristik. Die Literaturkritikerin Iris Radisch hat in ihrem aktuellen Buchmessenbeitrag geschrieben, den ich hier gerade gestern in die Hand bekommen habe: Eine so wohlwollende Darstellung der Familie und des Familienzusammenhalts hat es sonst nur im Fernsehen gegeben. Also sie konstatiert, die Familie kehrt mit aller Macht in den Fokus der Bücher zurück, und das zeigt dann schon, dass das Buch von Melanie Mühl auch einen Tenor getroffen hat.

Kassel: Also kann man sagen, dieses Buch von Melanie Mühl war notwendig, so ein Buch à la "endlich sagt mal jemand die Wahrheit zum Thema"?

Kindermann: Wenn man das Buch so anschauen würde, dann würde ich sagen, ja. Wenn man sagt, hier hat jemand seinen persönlichen Schmerz ganz laut rausgeschrien, das eigene Schicksal in die Welt gebracht, dann ist das ja erst mal nichts Schlechtes, weil Patchwork hat ja diese Seite, diesen Schmerz über einen Verlust, und insofern ist es auch legitim, darüber zu schreiben, auch wenn es viele Eltern, die sich getrennt haben, nicht hören wollen, weil sie selbst schon so sehr mit schlechtem Gewissen belastet sind.

Aber ich finde, das Buch von Frau Mühl zeigt eigentlich noch ein bisschen mehr, das zeigt nämlich, wie wenig die gesellschaftliche Realität letztlich anerkannt ist. Familie besteht eben heute nicht mehr aus Vater, Mutter und Kind, gesamtgesellschaftlich ist es aber immer noch alles genau darauf ausgerichtet. Also das ist auch das Normativ in unseren Köpfen und eben auch in den Köpfen der Patchworker, und insofern tappen wir alle in dieselbe Falle, die man vielleicht so umschreiben könnte: Nur die Familie ist der Hort des Glücks, und die Patchworkfamilie hingegen ist der Ort des Defizits, betroffene Eltern und Kinder sind Verlierer, Opfer einer gescheiterten Beziehung. Und das ist sozusagen das, was an diesem Buch so reizt.

Wenn man sich nämlich anschaut, angesichts der Trennungsraten sind ja eigentlich zwei Arten von Schmerz, die man thematisieren müsste – der individuelle und der gesellschaftliche Schmerz, der den Tod der Kleinfamilie betrauert. Und insofern zeigt das Buch, es gibt immer noch ein gesellschaftliches Defizit in der Anerkennung der Realität, ein Defizit, unter dem ja auch dann Frau Mühl leidet. Und das macht dieses Buch so spannend, und das würde insofern auch sagen, ja, es ist notwendig, dass es jetzt mal so ein Buch gibt, weil bisher sich eben in den Ratgeberbüchern immer nur mit der "Die Situation ist da, wie verhalten wir uns jetzt?" geschrieben wurde.

Kassel: Aber ist es nicht so, Frau Kindermann, gerade wenn Sie jetzt ja zu Recht drauf hinweisen, dass das ja nichts mehr Neues ist mit den Patchworkfamilien und das, wo rechnerisch ganz viele Leute, die in diesen Familien aufgewachsen und als Kinder jetzt langsam so die 30 erreichen und vielleicht anfangen, Bücher zu schreiben, dass man dann Melanie Mühl aber auch was vorwerfen muss. Denn bei dem Buch ist es ja eben nicht so, dass sie nur ihre persönlichen Erlebnisse schildert oder vorwiegend, sondern dass sie eher Theoriegebäude aufbaut, die teilweise vielleicht auch ein bisschen wacklig sind.

Kindermann: Genau, und da überfällt ja einen auch das große Unbehagen bei dem Buch. Sie hat ja insgesamt verhältnismäßig schlechte Kritiken bekommen und auch viel öffentliche Aufregung, weil sie ja quasi ihre persönlichen Gefühle – das Buch wäre großartig, hätte sie geschrieben, ich sag's jetzt mal, wie ich es als Betroffene erlebt hab, ich und meine Familiengeschichte. Dann wäre das völlig anders in der Wahrnehmung, aber so geht sie ja hin und verkauft ihre persönlichen Erlebnisse als quasi objektive Streitschrift, und das irritiert. Und denn, wenn man das Buch anguckt, dann ist das eigentlich ein Konglomerat aus gefühlter Überzeugung, aus Verlustängsten und einem ganz hohen Wertekonservatismus. Und das ist eigentlich eine Geschichte aus dem eigenen Blickwinkel, aus der eigenen Geschichte, das ist aber nicht mehr und nicht weniger, und das ist die große Schwäche an diesem Buch, und es ist schade, dass sie da eigentlich eine Chance vertan hat, die sie sicherlich gehabt hätte, indem sie dieses Buch geschrieben hat.

Kassel: Wir reden im Deutschlandradio Kultur heute Nachmittag live von der Frankfurter Buchmesse mit unserer Sachbuchredakteurin Kim Kindermann über ein bestimmtes Buch zur Patchworkfamilie, nämlich "Die Patchwork-Lüge", aber auch, Frau Kindermann, ja über den Gesamtmarkt und wie er sich mit diesem Thema beschäftigt. Sie haben schon gesagt, das Gegenbuch, also die Patchworklügen-Lüge, gibt es nicht, aber es gibt schon genügend andere Bücher, die das Thema auch aufgegriffen haben. Wie bearbeiten denn diese anderen Bücher das Thema?

Kindermann: Also die nähern sich dem Thema aus dieser Ratgeberrichtung, die machen aber nicht das, was Frau Mühl den Büchern eigentlich auch ein bisschen unterstellt hat, und insofern hat man fast ein bisschen den Verdacht, sie hat sich das gar nicht angeschaut, weil jedes dieser Bücher, die ich mir jetzt angeguckt habe, die jetzt gerade neu auf den Buchmarkt gekommen sind und hier auch ausgestellt werden in Frankfurt, die thematisieren diesen Schmerz, den eine Trennung mit sich bringt, sehr wohl. Also insofern ist sie da wirklich nicht gut vorbereitet reingerannt und beschuldigt da etwas, und schöngeredet wird da auch nichts in diesen Büchern.

Aber natürlich versuchen diese Ratgeber Mut zu machen, wie am besten mit so einer Situation umgeht, auf was man achten muss, wie man es schafft, trotz allem möglichst unbeschadet auch daraus herauszukommen und zu gucken, dass in dieser Destruktion, die ja so was mit sich bringt, auch was Neues liegt. Das kann einen stören an diesen Büchern, hier wird ja Offensichtliches beschrieben, dass Trennung Schmerzen mit sich bringt, dass Kinder leiden, das ist nichts Neues, das liegt auf der Hand, also insofern könnte man da jetzt auch wieder jammern.

Eins muss ich da sagen: Mir hat ganz gut, vielleicht hat mir das auch deswegen so gut gefallen, das Kinderbuch, das ich vorhin schon mal erwähnt habe, dieses "Alles Familie", das hat mir fast am besten gefallen, denn es zeigt anhand von Stammbäumen, die mit verschiedenen Personen gemalt sind und dann mit wirren Strichen miteinander verbunden sind, was für ein breites Spektrum unterschiedlicher Familienkonstruktionen es immer schon gab und welche es heute gibt. Und das führt wirklich deutlich vor Augen dieses Normativ Vater-Mutter-Kind, das ist schon längst weg, das ist überholt, wir müssen das nur noch rauskriegen aus unseren Köpfen. Und insofern ist dieses Kinderbuch ein ideales Einsteigerbuch eigentlich für alle, auch für die, die noch nicht Patchworkfamilien sind, die einfach auch mal den Blick in ihre Familie werfen und gucken, wie sieht das hier eigentlich aus, wie leben wir, wie gehen wir miteinander um.

Kassel: Haben Sie schon gesagt, außer Melanie Mühl versuchen es eigentlich alle mehr oder weniger auf der Schiene des Ratgeberbuchs, sich diesem Thema zu nähern, und ja nicht nur diesem Thema, wenn wir ehrlich sind – die Sachbuchverlage verdienen ja einen ganz, ganz großen Teil ihres Gelds damit, uns zu sagen, wie wir irgendwie mit unserem Leben fertig werden sollen. Was steckt da drin, weil es funktioniert ja auch – ist das so eine Art Grundunsicherheit, die Leute immer wieder zu diesen Ratgeberbüchern greifen lässt?

Kindermann: Ich denke schon, dass in Zeiten einfach der Unsicherheit – und Trennung ist eine große Unsicherheit, was passiert da –, dass da natürlich auch eine Sehnsucht nach Normalität aufkommt. Und wenn mir dann ein Buch verspricht, ich gebe dir hier was an die Hand, ich verstehe dich, du bist nicht alleine, dass das natürlich einen Kaufmechanismus auslöst, das finde ich ziemlich normal, weil der Schmerz ist da, die Tipps will man haben. Aber wenn man dann ganz gut in diese Bücher reinguckt, dann sieht man auch, dass da auch nicht wirklich alles einfach beantwortet wird, sondern da werden auch ganz viele verschiedene Aspekte beleuchtet. Also insofern, dass man jetzt sagen könnte, der Sachbuchmarkt ist jetzt nur ein Ratgebermarkt, das würde ich da wirklich auch verneinen an der Stelle.

Kassel: Aber ist es denn so, um auch konkret wieder über die Patchworkfamilie zu reden, Frau Kindermann, dass da auch nicht nur erklärt wird, was soll der Einzelne tun, Stichwort persönliche Leistung, Initiative, sondern auch über Rahmenbedingungen geschrieben wird? Sie haben es vorhin ja schon mal erwähnt, dass auch bei uns natürlich staatlich-politisch trotzdem immer noch alles so auf die klassische Familie ausgerichtet ist.

Kindermann: Ist es immer noch, da sind die Bücher, da nehmen die auch nichts weg. Da muss man sagen, in den Büchern, die ich mir jetzt angeschaut habe, werden die politischen Rahmenbedingungen als gegeben betrachtet, das wird ein bisschen beklagt, aber mehr auch nicht. Das Buch, wenn man will, das mit dem Titel "Eltern, empört euch", das gibt es noch nicht, vielleicht kommt das nächstes Jahr dann hier auf den Markt. Es wäre wünschenswert, weil einfach doch Familie mit ihrem ganzen Drum und Dran ein spannendes Thema ist. Vielleicht wäre es noch ganz wichtig, an der Stelle zu sagen, dass es ja immer ein bisschen darum geht, dass dieser Werteverfall so allgemein beklagt wird, und das macht ja Melanie Mühl.

Sie ist da nicht allein, sie hatte auch einen Mitautor, der hat schon 2004 genau eine ähnliche Schrift geschrieben wie sie, das ist Joachim Bessing – beide sind Jahrgang, 1970er-Jahrgänge. Und das zeigt, da scheint irgendwas am Gären zu sein in dieser Generation. Ich möchte es jetzt nicht zu einem Generationsbuch erklären, weil dafür wäre es zu einfach zu sagen, hier gibt es zwei Menschen, die etwas beklagen, und schon ist es ein Generationsproblem, aber ich glaube, da ist was am Brodeln im Markt. Und insofern müssten Familien und Eltern auch doch noch klarer gucken, wie leben wir eigentlich heute, und nicht nur die Patchworkfamilie, ein Patchwork-Bashing zu betreiben, ist wirklich billig, sondern einfach zu gucken, wie sieht unsere Realität aus und wie kommen wir da möglichst gut durch und was vermitteln wir unseren Kindern, damit die die Normalität, die ja heute schon herrscht, auch wirklich gut akzeptieren können.

Kassel: Vielen Dank! Kim Kindermann war das live von der Frankfurter Buchmesse über "Die Patchwork-Lüge" und andere Bücher zum Thema Patchworkfamilien.


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