Das Marienevangelium

Was nicht in der Bibel steht

10:59 Minuten
Marienillustration
Marienevangelium: „Weint nicht und seid nicht betrübt und zweifelt nicht!" © SFB 980, Martina Hoffmann
Von Stefanie Oswalt · 08.12.2021
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Über Jesus von Nazareth gab es viele Erzählungen. Manche landeten als Evangelium in der Bibel, andere nicht – wie das Marienevangelium. Obwohl es besonders anschaulich erzählt.
Eine Situation wie diese kommt in keinem der vier Evangelien des Neuen Testaments vor: Nachdem Jesus seinen Jüngern erschienen ist, verlässt er sie. Zurück bleibt Maria Magdalena, die die Jünger zu trösten versucht und mit ihnen über Jesu Worte diskutiert.

„Dann stand Maria auf, begrüßte sie alle und sagte zu ihren Geschwistern:

„Weint nicht und seid nicht betrübt und zweifelt nicht! Denn seine Gnade wird mit euch allen sein und euch beschützen. Vielmehr aber lasst uns seine Größe preisen, weil er uns vorbereitet und er uns zum Menschen gemacht hat“, sagt Maria.

Nachdem Maria diese Dinge gesagt hatte, wendete sie ihr Herz dem Guten zu … Und sie begannen über die Worte des Retters zu diskutieren. Petrus sagte zu Maria:
„Schwester, wir wissen, dass der Retter dich mehr liebte als die anderen übrigen Frauen. Sprich mit uns über die Worte des Retters, derer du dich erinnerst. Diese Worte, die du weißt, wir aber nicht, und die wir nicht gehört haben“, sagt Petrus.

Der Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Sonderforschungsbereich 980 der Freien Universität Berlin „Episteme in Bewegung“. Unter „Hinter den Dingen – 5000 Jahre Wissensgeschichte zum Mitnehmen und Nachhören“ finden Sie die ganze Geschichte zu Leonardos Bücherliste als Podcast.

Die Passage stammt aus dem Marienevangelium, einer Schrift, die im 2. Jahrhundert nach Christus entstanden ist – zu einer Zeit, als sich im Römischen Reich ein Netz frühchristlicher Gemeinden bildete. In einer Abschrift in koptischer Sprache landete der Text im fünften Jahrhundert in einem Kodex in einer Bibliothek eines christlichen Priesters in Ägypten. Heute wird er im Depot der Papyrussammlung des Ägyptischen Museums in Berlin aufbewahrt.

„Wenn wir heute von Kopten sprechen, dann meinen wir Christen, die zur koptisch-orthodoxen Religion gehören. Das Koptische ist die letzte Sprachstufe des Ägyptischen, eine Mischung aus griechischen Buchstaben plus zusätzlichen, ja, genuin koptischen Buchstaben, die an Laute aus dem Ägyptischen angelehnt sind.“
Jacquline Wormstädt. Eine junge Frau mit kurzen dunklen Haaren und Brille lächelt in die Kamera.
Jacquline Wormstädt: "Löst Materie sich irgendwie auf? Oder geht Materie irgendwie zu Ende?“© SFB 980, Erika Borbély Hansen
Jacquline Wormstädt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Antikes Christentum an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie hat die erhaltenen Fragmente des Marienevangeliums aus dem Koptischen neu übersetzt und wissenschaftlich analysiert. Ein Text, der in frühchristlicher Zeit entstand und nach Maria benannt ist, wirft viele Fragen auf. Worum geht es in diesem Evangelium? Welche Rolle spielt Maria Magdalena darin? Und warum fand es keinen Eingang ins Neue Testament?
„Der überlieferte Text setzt ein mit einer Frage, deren Anfang wir nicht haben und damit nicht wissen, wer diese Frage stellt. Die Frage lautet erst mal: Löst Materie sich irgendwie auf? Oder geht Materie irgendwie zu Ende?“

Begegnung der Seele mit feindlichen Kräften

Im Text reflektiert Maria über den Aufstieg der Seele nach dem Tod. Der Text beschreibt die Begegnung der Seele mit verschiedenen feindlichen Kräften, die diese überwindet, indem sie ihnen die richtige Antwort gibt. Gibt der Text damit Antworten auf Fragen, die in der Bibel nicht beantwortet werden? Gehört er also in den Bereich der Gnosis? Christoph Markschies, Professor für Antikes Christentum an der Humboldt-Universität und Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, ist skeptisch:

„Gnosis ist eine Elitebewegung innerhalb des antiken Christentums, die zu Leerstellen der mehrheitskirchlichen Lehre Zusatzwissen bietet. Und dieses Zusatzwissen betrifft die Frage, was vor der Erschaffung von Adam und Eva geschah, also der Beginn der Welt, und betrifft die Frage, was nach meinem materiellen oder seelischen Tod geschieht, also betrifft den Anfang und das Ende, soweit es durch die Bibel nicht erzählt wird. Was das Marienevangelium über die Materie sagt, was das Marienevangelium über Sünde sagt, was das Marienevangelium darüber sagt, was die Seele machen soll, um sich in den Himmel zu begeben, das ist nicht spezifisch gnostisch."
Christoph Markschies. Ein Mann mit Brille und kurzen Haaren lächelt in die Kamera
„Apokryphe Literatur lockt dazu, Verschwörungstheorien aufzustellen", sagt Christoph Markschies.© BBAW, Pablo Castagnola
Als apokrypher Text hat es das Marienevangelium nicht in die Bibel geschafft – anders als die Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Das griechische apokryphos bedeutet „verborgen“ und bezeichnet hier außerkanonische religiöse Schriften.

„Apokryphe Literatur lockt dazu, Verschwörungstheorien aufzustellen. Und die Verschwörungstheorie zu unserer Literatur lautet: Da gab es ursprünglich eine große Pluralität von ganz vielen Evangelien, und dann kam die böse Kirche und hat das unterdrückt.“
Nein, meint Christoph Markschies, die vatikanischen Bibliotheken seien inzwischen sehr gut erforscht, die Geschichte Jesu Christi müsse nicht grundsätzlich neu geschrieben werden.

„Wir sagen gern über das Marienevangelium, der hat es nicht in die Bibel geschafft. Die Frage ist: Wollte er das überhaupt?“

Die kanonischen Evangelien sind nicht gut erzählt

Gemeinsam mit Jacquline Wormstädt hat Christoph Markschies die Inhalte, Figurenkonstellation und die Sprache des Marienevangeliums auch im Verhältnis zu den bekannten, den vier kanonischen Evangelien untersucht.

„... In den kanonisch gewordenen Evangelien wird nicht gut erzählt. Da steht: Jesus von Nazareth kam bei einem vorbei und sagte: ‚Folgt mir nach. Da ließ der alles stehen und ging los. Und da fragt man sich: Moment mal. Der saß an einem Zollhaus. Hat der seine Kasse stehen lassen oder hat er die Kasse einem anderen überreicht? ... Das ist beim Marienevangelium natürlich schon anders.“
 
Für Christoph Markschies zeichnet sich das Marienevangelium vor allem durch seine erzählerischen und dialogischen Qualitäten aus, nicht durch seinen theologischen Gehalt.
„Es ist Unterhaltungsliteratur über theologische Fragen, die sich gleichzeitig auch als Offenbarungsliteratur, als Mitteilung von wichtigen Geheimnissen, vorstellt. Das gehört aber auch so ein bisschen zum Unterhaltungscharakter: Hier ist etwas ganz Besonderes.“

Geschlechterproblematik trägt zur Spannung bei

Im Marienevangelium steht: Nachdem Maria diese Dinge gesagt hatte, schwieg sie, weil der Retter mit ihr bis zu dieser Stelle gesprochen hatte. Andreas aber antwortete und sprach zu den Geschwistern:

„Sprecht aus das, was ihr über das, was sie gesagt hat, sagt. Denn ich glaube nicht, dass der Retter diese Dinge gesagt hat. Denn in der Tat sind diese Dinge von anderem Denken“, sagt Andreas.

Petrus antwortete und sprach über die Dinge von dieser Art. Er fragte sie wegen des Retters:

„Hat er etwa mit einer Frau heimlich gesprochen und nicht öffentlich zu uns? Sollen wir uns auch umkehren und alle auf sie hören? Hat er sie mehr als uns erwählt?“, sagt Petrus.
Nicht zuletzt die Geschlechterproblematik trägt hier zur Spannung bei. Maria Magdalena, sagt Jacquline Wormstädt, komme in den apokryphen Schriften weit häufiger vor als in den kanonischen. Sie verweist auf die ebenfalls im Berliner Kodex enthaltene Schrift Sophia Jesu Christi:

„... Da ist explizit davon die Rede, dass die zwölf Jünger und Jüngerinnen eine gemischte Gruppe ist. (...) Und Maria ist diejenige, die den Frauen quasi vorsteht, vergleichbar wie Petrus, der den Männern vorsteht. Das ist eine Funktion. Die andere wäre, dass Maria häufig als neugierige Fragenstellerin auftritt. ...Sie erweist sich als jemand, der besonders hohes Verständnis hat, und wird auch dementsprechend gelobt von Jesus Christus. Also sie steht als Figur besonderer Erkenntnis oft in Texten apokryphen Charakters.“

Jesus hatte kein Interesse an Wein und Weib

Kann man aus diesen Konstellationen auf eine Liebesbeziehung zwischen beiden schließen, wie es zahlreiche moderne Fiktionen versucht haben? Nikos Kazantzakis in seinem Jesus Roman „Die letzte Versuchung“, der 1988 von Martin Scorsese verfilmt wurde oder Dan Brown in „Da Vinci Code“? Christoph Markschies wendet ein:  
„Jesus von Nazareth ist Asket. Der gründet keine Familie. Das ist somit das Desaströseste, was ein junger jüdischer Mann seiner Zeit tun kann. Also dieser Mensch liebt es, in der Gegend umherzuziehen, ohne festen Wohnsitz, ohne festen Beruf, abhängig von Unterstützern. Dass der besonderes Interesse an Wein, Weib und Gesang hatte, wird man eher nicht sagen können.“ 
Jesus von Nazareth war auch schon für die Menschen der antiken Welt verstörend anders. Das Marienevangelium zeigt: Es bedurfte einer christlichen Unterhaltungsliteratur, die seine Lehre den Gläubigen näherbrachte. Es erweckt biblische Figuren zum Leben und regt bis heute die Fantasie an.

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