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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.11.2007

Was macht eigentlich ein Leben aus?

Jon McGregor: "So oder So", Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2007, 394 Seiten

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Auch im Roman verläuft das Leben eines Paares ganz und gar nicht so, wie sie sich das als junge Leute vorgestellt hätten.  (AP)
Auch im Roman verläuft das Leben eines Paares ganz und gar nicht so, wie sie sich das als junge Leute vorgestellt hätten. (AP)

Es ist erstaunlich, dass ein so junger Autor wie Jon McGregor - er ist 1976 geboren - so einfühlsam und zärtlich über den Prozess des Alterns schreiben kann: über das allmähliche Entgleiten der Jahre und der Lebenspläne und über den Zusammenhalt eines Paares trotz aller Widrigkeiten. Der Autor erzählt mit "So oder So" einen Lebensroman, eine Liebes- und Ehegeschichte.

David ist Museumskurator und hat es folglich mit Gegenständen zu tun, die eine Geschichte erzählen können. Schon als Kind hat er nach dem Krieg im zerstörten Coventry nach Überresten in den Trümmern gesucht und sich so eine kleine Galerie der Dinge zusammengesammelt, die ihm als "komprimierte Erinnerung" und "verdichtete Zeit" schwer in der Hand lagen.

Es ist, als hätte er sich damit instinktiv auf das Geheimnis vorbereiten wollen, das er mit 22 Jahren erfährt: Dass er nicht der Sohn seiner Eltern ist, sondern das Kind einer jungen Irin, die während des Krieges als Hausmädchen in England arbeitete. So muss er, für den Herkunft und Geschichte so wichtig sind, damit leben lernen, über die eigene Herkunft nicht Bescheid zu wissen. Dabei ist es ausgerechnet eine an Demenz leidende Tante, die das Geheimnis ausplaudert, weil sie vergessen hat, dass es ein Geheimnis ist.

Jon McGregors zweiter Roman hieß im englischen Original "So many ways to begin". Im Deutschen hat er den nichtssagenden Titel "So oder so" erhalten, hinter dem dieses außergewöhnliche Buch verloren zu gehen droht. McGregor erzählt einen Lebensroman, eine Liebes- und Ehegeschichte, die mehr als ein halbes Jahrhundert umfasst und den Raum zwischen England, Schottland und Irland ausmisst.

Davids Frau Eleanor kommt aus einer schottischen Werftarbeiterfamilie mit zahlreichen Geschwistern. Ihre verbitterte, lieblose Mutter machte ihr die Kindheit zur Hölle, so dass sie nach der Heirat jeglichen Kontakt zu ihrer Familie abbricht und zeitlebens mit schweren Depressionen zu kämpfen hat. Sie ist der Gegenpol zu David, der seine wirkliche Abstammung nicht kennt, aber sehr geborgen aufwächst. Welche Bedeutung hat dann die "reale" Herkunft überhaupt, die zu entdecken zu einer fixen Idee Davids wird?

Es ist erstaunlich, dass ein so junger Autor wie Jon McGregor - er ist 1976 geboren und lebt in Nottingham - so differenziert, so einfühlsam und zärtlich über den Prozess des Alterns schreiben kann, über das allmähliche Entgleiten der Jahre und der Lebenspläne und über den Zusammenhalt eines Paares trotz aller Widrigkeiten.

Ihr Leben verläuft ganz und gar nicht so, wie sie sich das als junge Leute vorgestellt hätten. Auch in ihrer Liebe gibt es Geheimnisse und Rückzugsräume, die sie gegenseitig zu respektieren lernen müssen. Dabei umkreist McGregor auf vielfältige Weise die Frage, was eine Biographie eigentlich ausmacht:

"Das Leben wurde bewegt durch viele kleine Auslöser, zufällige Begegnungen, belauschte Gespräche, das Hängen und Stolpern, das den Lauf der Dinge ständig verändert und neu ordnet und in neue Bahnen bringt; Geschichte entstand aus einer Million bruchstückkleiner Augenblicke, so vielen, dass man sie unmöglich alle ordnen oder kennen oder verzeichnen konnte. Die wahre Geschichte, er wusste es ja, war wesentlich komplizierter als alles, was man in ein paar Alben zusammensammeln konnte."

Der Roman stellt dennoch einen Versuch dar, das Leben aus Bruchstücken zu rekonstruieren. Die 62 kurzen Kapitel sind jeweils mit einer Jahreszahl und mit einem Gegenstand überschrieben, der das Erzählen in Gang setzt: Ein Türschlüssel an einem zusammengeknoteten Band, ein Tablettenröhrchen, ein handgezeichneter Familienstammbaum - solche Dinge. Von einer Gegenwartsebene im Jahr 2000 aus, in der David und Eleanor nach Irland reisen, wo er glaubt, seine wirkliche Mutter gefunden zu haben, wird in zahlreichen, mehr oder weniger chronologisch geordneten Fund- und Trümmerstücken aus zurückgeblendet.

Dieses Verfahren, jeweils einen sinnlichen Ausgangspunkt der Erinnerung zu haben, erinnert an Prousts "Madeleines", und auch McGregors sorgfältiger, genauer, manchmal etwas kostbar tönender, aber immer auf jedes Detail achtende Stil steht in dieser Tradition. Anke Caroline Burger hat diese eigenwillige Prosa in ein schönes, gut zu lesendes Deutsch übertragen.


Rezensiert von Jörg Magenau


Jon McGregor: So oder So
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2007, 394 Seiten, 22,50 Euro

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