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Religionen / Archiv | Beitrag vom 18.09.2010

Was ist eine Sünde?

Serie: "Was kann ich wissen, was muss ich glauben ?" (Folge 3)

Von Andreas Malessa

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Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

"Da habe ich gesündigt" - heute lächeln wir über die kleinen Sünden, die uns die Werbung offeriert . Aber was ist eigentlich Sünde, und was nicht? Für den christlichen Glauben bezeichnet Sünde den durch den Menschen verschuldeten Zustand das Getrenntseins von Gott.

Nein, die Liebe an sich kann keine Sünde sein. Der Seitensprung schon, oder?

Platz 2 der landläufigen Verwendung des Wortes "Sünde": Zu viel essen. "Nein, danke, kein drittes Stück Schwarzwälder Kirschtorte mehr, ich habe heute schon genug gesündigt", sagen wir umgangssprachlich. Gefolgt von der populären Sünden-Definition Nr 3: Umweltsünde. "Wir haben große Probleme, wir verschwenden Energie" - diesen Satz spricht ein amerikanischer Satiriker so aus:

"Diatsünde, Verkehrssünde, sexuelle Sünden, einzelne Vergehen sozusagen. Aber für den christlichen Glauben ist Sünde zuerst die grundsätzliche Entfremdung vom Geber des Lebens. Eine Beziehungsstörung zwischen mir und dem Grund meines Lebens, sodass ich insgesamt in meiner ganzen Existenz fehl laufe, fehlorientiert bin, in die falsche Richtung gehe. Es gab früher eine Lehre von den Todsünden, dazu zählten Hochmut, Geiz, Neid, Zorn, Wollust, Völlerei, Trägheit, aber das ist alles auch zeitgebunden. Die größte Sünde ist die, wenn ich nichts wissen will davon, dass ich mich einem Schöpfergott verdanke, das heißt, wenn ich mich selbst zum Gott mache, wenn ich nur noch mich selber kenne."

Professor Peter Bubmann unterrichtet praktische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Erlangen bei Nürnberg. Er unterscheidet zwischen der populären Vorstellung einzelner Taten, die man als moralische Regelverstöße in einem "Sündenregister" auflisten könnte und der korrekten Übersetzung des Wortes "Hamartia" in den ältesten griechischen Texten der Bibel: Zielverfehlung. Welches Ziel da verfehlt wird, fahrlässig oder absichtlich, das beschreibt Jesus als Zusammenfassung aller Gesetze

Ein Schriftgelehrter fragte Jesus: "Welches ist das wichtigste Gebot im Gesetz Gottes?" Und Jesus antwortete ihm: "Liebe Gott, den Herrn, von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit Verstand und – liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Alle anderen Gebote und Forderungen sind in diesen Geboten enthalten."

Ein Zitat des Kirchenvaters Augustinus aus dem 4.Jahrhundert. "Liebe – und dann tu, was Du willst", denn wer sich, die anderen und Gott liebt, wird ihnen nichts Böses wollen. Sollte man meinen. Die Lebenserfahrung ist freilich eine andere:

Ich will zwar immer wieder das Gute tun und tue doch das Schlechte. Ich verabscheue das Böse, aber ich tue es dennoch. Wenn ich also immer wieder gegen meine Absicht handle, dann ist klar, dass es die Sünde in mir ist, die mich zu allem Bösen verführt.

Das ist nicht die Lebensbeichte eines pädophilen Triebtäters, sondern ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief. Diesen Zwiespalt – das beabsichtigte Gute nicht zu erreichen und das vermeidbare Böse zu wiederholen – nannte er die "Verlorenheit des Menschen". Der bereits erwähnte Augustinus nannte die Unfähigkeit, das gewollte Gute dauerhaft zu praktizieren, "Erbsünde". Und machte indirekt den Zeugungsakt für die Weitergabe der Sünde verantwortlich. Was in der katholischen Kirche zu Misstrauen und Angst gegenüber der Sexualität führte. Deshalb mag Professor Peter Bubmann Wort "Erbsünde" nicht, hält es aber inhaltlich für zutreffend, wenn damit das "Sündersein per se", der "menschliche Makel an sich" gemeint ist.

" Diese Ursünde, oder "Erbsünde" wie die Tradition auch sagte, bestimmt über meine ganze Person. Das ist machtartig zu denken: Da hat eine falsche Macht über mich Macht und nicht die Macht zum guten Leben."

Hinter dem, was der Karnevalsschlager verniedlicht, stecken drei Grundsatzfragen, an denen sich seit 2000 Jahren die Geister scheiden. Die evangelisch-reformierte Kirche hat sie in ihrem sogenannten "Heidelberger Katechisnus" 1563 im Stil eines Lehrgesprächs so beantwortet:

Hat Gott den Menschen also böse und verkehrt erschaffen? Nein. Sondern Gott hat den Menschen gut und nach seinem Ebenbild erschaffen. Woher kommt dann die verderbte Art des Menschen? Aus dem Fall und Ungehorsam unserer ersten Eltern Adam und Eva, da unsere Natur so vergiftet worden ist, dass wir alle in Sünden empfangen und geboren werden. Tut Gott dem Menschen dann nicht unrecht, wenn er ein Gesetz von ihm fordert, das er nicht erfüllen kann? Nein, denn Gott hat den Menschen so erschaffen, dass er es tun konnte. Der aber hat sich und alle seine Nachkommen durch mutwilligen Ungehorsam dieser Gabe beraubt.

Das ist, die Reformatoren mögen verzeihen, ein philosophischer Widerspruch, Gott habe den Menschen gut geschaffen, obwohl wir das Gute nicht schaffen. Es ist zumindest stark dialektisch gedacht. Peter Bubmann vom religions-pädagogischen Institut der Universität Erlangen stimmt diesem paulinisch-lutherischen Bild vom Menschen trotzdem zu:

"Jedenfalls hat er einen Defekt, das würde ich tatsächlich so sagen, einen Ur-Defekt mitbekommen. Der unter Umständen daran liegt, dass er eben Freiheit hat und sich entscheiden muss in seinen Werte-Orientierungen, in dem, was er zu seinem Lebensentwurf macht. Mit der Freiheit, diesem Besten, was uns Menschen gegeben ist, ist zugleich die Möglichkeit zur Sünde gegeben. Warum wir so eingerichtet sind? Das ist letztlich Spekulation.Offenbar hat uns Gott so gewollt. Zugleich will er aber nicht die damit verbundene Möglichkeit zur Sünde und deswegen ist die Geschichte Gottes genau ein Weg, um uns aus dieser Macht der Sünde herauszuholen."

"Freilich werden immer wieder Leute behaupten, sie hätten das nicht nötig, sie seien frei von aller Schuld. Doch wer das sagt, betrügt sich selbst. Wenn wir jedoch unsere Sünden bereuen und sie bekennen, so ist Gott treu und gerecht und erfüllt seine Zusage: Er wird unsere Sünden vergeben und uns von allem Bösen reinigen."

So steht`s im ersten Johannesbrief des Neuen Testaments; unter anderem darauf gründet sich das Angebot der Beichte in den christlichen Konfessionen. Ganz unabhängig davon, ob man den Sündenbegriff des Christentums einleuchtend oder abstrus findet: In der Bibel sind Erfahrungen und Überzeugungen dokumentiert, die zu den Grundlagen aller moderner Rechtssysteme wurden: Dass Menschen aktiv und passiv, durch Tat oder Unterlassung, aneinander schuldig werden können; dass sie Unrechtsbewusstsein empfinden und die Notwendigkeit einer Wiedergutmachung einsehen sollten; dass Regelverstöße bestraft und reuevolle Geständnisse strafmildernd belohnt werden müssen; dass Vergeltung meist alles nur schlimmer, Vergebung aber das meiste erträglich macht. Weil jeder Mensch, auch der Übeltäter, als Geschöpf Gottes anerkannt werden muss und:

""Weil aus dieser Erfahrung der Anerkennung heraus dann auch die Macht und die Möglichkeit wächst, ein anderes Leben zu führen.""

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Gestorben für unsere Sünden?

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