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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.12.2011

Was ist ein Jude?

Howard Jacobson: "Die Finkler-Frage", Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011

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Der britische Schriftsteller Howard Jacobson (picture alliance / dpa / Oliver Weiken)
Der britische Schriftsteller Howard Jacobson (picture alliance / dpa / Oliver Weiken)

Böse Ironie im London des 21. Jahrhunderts: Ein unfähiger Kulturmanager und Promi-Doppelgänger will sich eine neue Identität zulegen - und wandelt sich zum Juden. Howard Jacobson zeigt mit diesem Roman sein Können als grandioser Erzähler und tiefernster Humorist.

Was ist ein Jude? Sie wissen es nicht? Das ist die Finkler-Frage und damit geht es Ihnen wie unserem Helden von der traurigen Gestalt Julian Treslove, denn der wäre gerne einer, weil er mit sich selbst ausgesprochen unzufrieden ist. Die Rolle des verfolgten Außenseiters gefällt ihm, sieht er sich doch sein Lebtag lang schon als tragisches Opfer. Er sucht das Unglück, um sich dann an ihm zu weiden. Die Liste seiner Misserfolge ist lang. Gescheiterter Liebhaber und miserabler doppelter Vater, erfolgloser Ex-BBC-Redakteur, unfähiger Kulturmanager. Sein derzeitiger Job als Doppelgänger prominenter Schauspieler ist alles andere als glamourös.

Dann wird er eines Abends von einer Frau überfallen und ausgeraubt. Auf der Suche nach einer Erklärung überzeugt er sich davon, dass die Räuberin ihn als "Du Jud" beschimpft hat. Das ist zwar nicht besonders glaubwürdig, aber Einbildung versetzt bekanntlich Berge. Julian begreift die vermeintliche Beschimpfung als Wink des Schicksals. Transformiert er sich zum Juden, kann er sich eine neue Identität zulegen. Und anfangs scheint alles gut zu gehen. Er verliebt sich unsterblich in eine Jüdin. Die erwidert seine Gefühle. Eigentlich geht es ihm prächtig, wären da nicht seine Kopfgeburten zukünftiger Katastrophen.

Doch so sehr sich unser Protagonist auch bemüht, genauso konsequent scheitert er allein an der simplen Tatsache, dass kein Jude dem anderen gleicht. Zwar verkörpert für ihn sein Freund, der Medienstar Sam Finkler das Jüdische. Juden und Finkler werden für ihn zum Synonym. Aber über 400 Seiten lang macht sich dann Howard Jacobson über diese Versuche lustig, typisch Jüdisches zu definieren. In witzigen Wortgefechten und sarkastischen Streitgesprächen wird das Thema hin- und hergewendet. Es wird wenig gehandelt, viel geredet. Mit großem Vergnügen bestätigt und widerlegt der Autor alle antisemitischen Vorurteile. Einer der jüdischen Protagonisten sagt sogar: "Wir sind alle Antisemiten. Wir haben gar keine Wahl. Du, ich, wir alle."

Howard Jacobson liebt Ironie und absurde Dialoge, nimmt eigentlich nichts und niemanden ernst und ist dennoch bitter ernst, weil sein Thema es ist angesichts eines wiedererwachenden Antisemitismus. Gibt es etwas typisch Jüdisches? Ja, diese Art von Humor, der sich selbst auf die Schippe nimmt. Da wird zum Beispiel dreckiges Geschirr nicht abgewaschen. Schlussfolgert Julian: "Warum sich ums Geschirr sorgen, wenn man nicht wusste, wo man morgen sein würde, ja, ob man überhaupt noch am Leben war." Böse Ironie im London des 21. Jahrhunderts.

Julian scheitert schließlich bei seinem Versuch, sich eine neue Identität zuzulegen. Er läuft lieber aus Angst vor dem Scheitern davon. Howard Jacobson brennt ein Feuerwerk an Einfällen ab. Jede Seite des Buches bringt einen zumindest zum Lächeln. Immer wieder finden sich sarkastische Bemerkungen wie "Richtige Juden mussten leiden für ihr Leid, doch dieser Julian Treslove meinte, er könne aufs Karussell hüpfen, wann immer ihm danach war, und dürfe sich auf Anhieb schlecht fühlen." Ein grandioser Erzähler und tiefernster Humorist ist zu entdecken.

Besprochen von Johannes Kaiser

Howard Jacobson: Die Finkler-Frage
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011
436 Seiten, 22,90 Euro

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