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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 31.07.2013

Was Familien wirklich wollen

Zur Einführung des Betreuungsgeldes

Von Maya Dähne

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Brauchen Eltern wirklich mehr Geld - oder mehr Zeit für die Kinder? (dpa / Patrick Pleul)
Brauchen Eltern wirklich mehr Geld - oder mehr Zeit für die Kinder? (dpa / Patrick Pleul)

Ab 1. August erhalten Familien, die ihre Kinder nicht in eine Kita bringen, 100 Euro Betreuungsgeld. Die Bundesregierung hält das Konzept für fortschrittlich. Die Buchautorin Maya Dähne dagegen meint: Die Rechnung "mehr Geld, mehr Kinder" geht einfach nicht auf.

Kennen Sie Malen nach Zahlen? Wahllos angeordnete Ziffern von eins bis, sagen wir, 100 werden mit einem Buntstiftstrich verbunden - fertig ist das Bild vom Elefanten. Oder doch nur von der Maus. Je nach dem. Malen nach Zahlen ist derzeit das Lieblingsspiel der Familienministerin. Wie viele Kita- und Krippenplätze gibt es? 700.000 oder 800.000? Egal. Hauptsache alle Leons und Lenas in Bamberg, Bonn und Berlin haben am Ende einen.

Na gut, es wird am 1. August vielleicht nicht flächendeckend Kitas mit frisch gewachsten Naturholzmöbel, frisch gekochten Biomöhren oder frisch ausgebildeten Erziehern geben. Manch ein Kevin, manch eine Chantal muss womöglich im Container oder in einer ausgebauten Kellerwohnung toben und mit der Praktikantin Legohäuser bauen.

Aber das Ziel ist erreicht. Und Deutschland ein Kinder-, Mütter- und Familienparadies. Wirklich?

Zumindest Kristina Schröder ist sich sicher, dass plötzlich alle Frauen wieder Kinder bekommen, weil sie ja wissen, sie können ihre Kleinen gleich nach der Geburt in eine Krippe outsourcen. Die Arbeitsministerin ist sich sicher, dass plötzlich alle Mütter Karriere machen, weil es büronahe Rund-um-die-Uhr-Betreuungscenter gibt. Und der Finanzminister ist sich sicher, dass dank der vielen berufstätigen Mütter endlich wieder Geld in die klammen Rentenkassen fließt. Wenn sie sich da mal nicht irren.

Kinder und Eltern lassen sich nicht so leicht kaufen

Kinder kriegen die Leute immer, hatte weiland Bundeskanzler Adenauer verkündet. Irrtum! Die Deutschen bekamen immer weniger Nachwuchs. Und auch die Rechnung "mehr Geld, mehr Kinder" geht anscheinend nicht ganz auf. Ungefähr 200 Milliarden Euro lässt sich Deutschland seine Kinder kosten. Aber Kinder (und Eltern) lassen sich offenbar nicht so einfach kaufen – weder mit Steuererleichterungen noch mit Kindergeld oder Kitaplätzen.

Kinder kriegen ist in Deutschland offenbar etwas, das unbedingt gefördert werden muss, denn Kinder sind ganz schön anstrengend. Sie sind ein Karrierehindernis, ein Kostenfaktor und – ganz ehrlich – eigentlich kaum zumutbar. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat kürzlich eine Studie zur Kinderlust der Deutschen vorgelegt. Experten präsentieren darin Zahlen, Fakten und Tabellen über die Einstellung der Deutschen zu Kindern.

Das Ergebnis: "Nicht einmal die Hälfte der kinderlosen Deutschen glaubt, dass sich ihre Lebensfreude und ihre Zufriedenheit verbessern würden, wenn sie in den nächsten drei Jahren ein Kind bekommen." Und immerhin acht Prozent aller Deutschen möchten nicht, dass Menschen mit vielen Kindern in ihrer Nachbarschaft leben.

Auch die Wirtschaft ist nicht ganz so kinderfreundlich, wie sie auf der Webseite des Familienministeriums präsentiert wird. Aktenkoffer und Teddybären, Visitenkarten mit Kindergekritzel oder Büroschlüssel mit Schnuller zieren die Prospekte. Viel ist von "familienbewusster Arbeitszeitkultur" und "lebensphasenorientierten Arbeitszeitmodellen" die Rede. Sogar eine Charta mit acht Leitsätzen zur familienfreundlichen Arbeitszeitgestaltung gibt es. In den meisten Büros hat sich das allerdings noch nicht rumgesprochen.

In vielen Büros heißt es: Teilzeit ist was für Weicheier

Dort gilt weiterhin: Karriere wird nach 18 Uhr gemacht und Teilzeit ist was für Weicheier oder für Mütter, denen ihr fieberndes Kleinkind wichtiger ist als die Vorstandssitzung. Laut Familienmonitor wünscht sich die überwältigende Mehrheit der Väter und Mütter mehr Zeit für die Familie. Und mehr als jeder zweite Arbeitnehmer findet, dass in seinem Betrieb zu wenig Rücksicht auf die Zeitbedürfnisse von Eltern genommen wird.

Liebe Politiker, liebe Unternehmer, liebe lärmempfindliche Nachbarn: Bei der berühmten Work-Life-Balance geht es nicht darum, das leidige Kinder- und Familienthema irgendwie in den Griff und zusammen mit dem Job unter einen Hut zu kriegen. Es geht darum, Menschen nicht nur als Arbeitnehmer zu bewerten. Es geht darum, die Leistungen von Eltern und Erziehern wirklich anzuerkennen. Es geht darum, Kinder nicht als anstrengende Störenfriede oder allenfalls noch als Rentenzahler von morgen zu betrachten. Es geht nicht um 700.000 oder 800.000 Kitaplätze. Es geht schlicht um die Zukunft.

Maya Dähne, Buchautorin (Hermann Bredehorst)Maya Dähne (Hermann Bredehorst)Maya Dähne ist Journalistin und Buchautorin. Gerade ist ihr Buch "Deutschland sucht den Krippenplatz" im Beltz Verlag erschienen. Maya Dähne hat fünf Jahre als freie Journalistin in den USA unter anderem für den NDR und tagesschau.de gearbeitet. Zurück in Deutschland war sie als Pressesprecherin einer internationalen Kinderhilfsorganisation tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

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