Kunst und Klimawandel

Der schwindende Klang der Gletscher

07:00 Minuten
Mann mit Stirnlampe geht in die Gletscherhöhle des Morteratsch-Gletschers in der Schweiz.
Studierende und Dozenten der ETH Zürich haben Geräusche des Schweizer Morteratsch-Gletschers zu einer Soundcollage verarbeitet. © imageBROKER/Robert Haasmann
Von Sven Kästner · 27.01.2022
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Auch Gletscher haben einen Sound. Mit dem Klimawandel drohen sie und damit auch ihre Klänge aber zu verschwinden. In der Schweiz gibt es dazu ein besonderes Klangkunstprojekt.
Ein Knirschen, ein Knacken, Tropfen die ins Wasser fallen. So hört es sich an, wenn ein Gebirgsgletscher taut.
„Wir wollten den Klimawandel hörbar machen. Und nicht in entfernten Gebieten, sondern eigentlich direkt vor der Haustür. Und auch nicht als abstrakte Daten, sondern ganz körperlich und sinnlich. Also so, wie man wirklich mit dem Stethoskop einen kranken Körper abhört, wollten wir den Gletscher abhören. Und das Faszinierende an dem Gletscher ist, dass man wirklich hört, was im Hier und Jetzt passiert.“
Das ist Ludwig Berger, Klangkünstler aus dem Elsass. Gemeinsam mit Studierenden und Dozenten der ETH Zürich hat er Geräusche des Schweizer Morteratsch-Gletschers zu einer Soundcollage verarbeitet. Insgesamt sechs Mal war die Truppe an der Eiszunge, hat dort Spezialmikrofone festfrieren lassen oder in Pfützen gehalten. Berger sieht sich auch in der Tradition von Glaziologen, also von Gletscherforschenden.
„Es gibt tatsächlich so Bilder – so um die Jahrhundertwende, um 1900 rum – wo wirklich Glaziologen mit so langen Abhörgeräten versucht haben, in den Gletscher rein zu horchen. Und heutzutage gibt es Glaziologen, die auch Unterwassermikrofone nutzen, um zum Beispiel das Schmelzen von Meeresgletschern festzustellen. Also so anhand der Frequenz und der Lautstärke dieser Klänge kann man dann feststellen, wie stark und auf welche Art der Gletscher schmilzt.“

Gletscher als Symbole des Klimawandels

Am Gletscher verschmelzen Kunst und Wissenschaft – nicht nur bei Ludwig Berger. 2021 ließ sich die britische Künstlerin Emma Critchley von den Eismassen zu einer Videoinstallation für die Biennale in Venedig inspirieren, mit Musik des oscarprämierten Filmkomponisten Nicolas Becker.
Die Schweizer Kunststiftung Pro Helvetia hat sogar Stipendien für die Zusammenarbeit mit Gletscherforschenden ausgeschrieben. Kultur- und Medienwissenschaftler Dominik Schrey untersucht diese Beziehungen zurzeit:
„Meine Ausgangsthese wäre, dass den Gletschern in der heutigen Situation eine dreifache Rolle zukommt. Nämlich dass sie einerseits Symbole des Klimawandels sind, Indikatoren oder Sensoren des Klimawandels und auch Archive der Klimageschichte. Also das in dem Eis Informationen enthalten sind darüber, wie sich das Klima über sehr, sehr lange Zeiträume hinweg verändert hat.“
Schrey lehrt an der Universität Passau, derzeit ist er Fellow der Kunstuniversität Linz in Wien. Die Kooperation von Gletscherforschung und Kunst hat eine lange Tradition.  
„Der Beginn dieses bis heute anhaltenden globalen Gletscherrückganges … um 1850 fällt zeitlich zusammen mit dem Zeitpunkt der ersten Fotografien von Gletschern. Fällt zeitlich auch zusammen mit dem Beginn der wissenschaftlichen mehr oder weniger systematischen Beobachtung von Gletschern.“
Ein Aquarell des Künstlers Samuel Birmann. Zu sehen ist ein Gletscher im Hinter-, ein Dorf im Vordergrund.
Samuel Birmann beschäftigte sich mit Fotografie, malte aber vor allem auch Gletscher. Hier ein Aquarell von ihm aus dem Jahr 1823.© picture alliance / akg-images
Schon um 1820 zeichnete der Schweizer Landschaftsmaler Samuel Birmann fotografisch genaue Gletscherbilder, für die sich auch Wissenschaftler interessierten. Als die Fotografie noch in den Kinderschuhen steckte, schleppten erste Künstler ihre schweren Apparate in die eisigen Höhen.
Der bayerische Geodät Sebastian Finsterwalder fertigte Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Vermessungsfotos – und wies so das Schrumpfen der Alpengletscher nach. Finsterwalder erkannte das Potenzial dieser Bilder für die Öffentlichkeit – wenn man sie entsprechend aufbereitet.
„Finsterwalder hat einen Gebirgsmaler, Rudolf Reschreiter, beauftragt, seine Messfotografien abzumalen. Und diese Bilder wurden dann im alpinen Museum in München auch ausgestellt. Auf denen der Vorstoß und vor allem Rückgang des Vernagtferner sichtbar ist. Und man kann das nachlesen in Zeitungsrezensionen aus der Zeit, wie beeindruckend das offenbar die Zeitgenoss*innen gefunden haben, dass man auf diesen Bildern diese Prozesse sehen kann“, sagt Dominik Schrey.

Faszination Gletscherfotos

Längst können wir Gletscherfotos zu Hauf mit einem Klick im Internet aufrufen. Aber noch immer faszinieren sie. Dominik Schrey ist der Meinung, dass vor allem die Bilder unser heutiges Verständnis vom Klimawandel geprägt haben. 
„Weil natürlich Bilder und vor allen Dingen solche Vorher/Nachher-Vergleiche und Reihenbilder sehr viel weniger abstrakt sind als Kurvendiagramme, als komplexe Klimamodelle. Und uns eben auf diese Weise helfen, etwas überhaupt erst sinnlich erfahrbar zu machen, was unserer Wahrnehmung sonst eigentlich entzogen ist.“
Forschende rekonstruieren aus den alten Eisschichten in der Tiefe von Gletschern das Klima früherer Jahrhunderte. Die Daten können sie mit denen von heute vergleichen. Auch darauf basiert die Erkenntnis, dass der derzeitige Klimawandel menschengemacht ist. Aber das Klimaarchiv in der Tiefe ist bedroht: Die Erderwärmung lässt das einst als ewig geltende Eis tauen.
Margit Schwikowski vom Schweizer Paul-Scherrer-Institut hat im vergangenen Jahr bei Bohrungen am Grand Combin in den Walliser Alpen erlebt, dass die sogenannten Signaturen, also die Spuren in der Tiefe, bereits verwischt sind.

Ein Gletscherklangarchiv für die Zukunft

„Wir hatten von diesem Gletscher schon einen kürzeren Bohrkern aus dem Jahr 2018. Da haben wir die Signaturen gefunden, so wie wir sie erwarten. Und dann eben zwei Jahre später ist das nicht mehr so. Das heißt, innerhalb von diesen zwei Jahren ist da so viel Schmelzwasser eingesickert und hat die Signatur zerstört. Und das zeigt uns einfach, wie empfindlich diese Gletscher schon sind. Also da kann so ein Ereignis von hohen Temperaturen über eine zweiwöchige Periode das Ganze kaputtmachen.“
In nur zwei Wochen des heißen Sommers 2019 haben die Alpen 800 Millionen Tonnen Eis verloren. Das haben Glaziologen errechnet. Prognosen zufolge soll bis Ende dieses Jahrhunderts die Mehrheit der Alpengletscher verschwunden sein. 
Dann werden die Sounds von Klangkünstler Ludwig Berger neben ihrem künstlerischen auch einen dokumentarischen Wert haben.
„Letztendlich geht es auch darum, so eine Art Klangarchiv für die Zukunft zu machen. Weil diese Klänge werden einfach in vielleicht 150 Jahren verschwunden sein.“

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