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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.03.2010

Was der Körper aushalten kann

Marina Abramovic-Retrospektive in New York

Von Andreas Robertz

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Marina Abramovic bei einer Performance auf der Biennale in Venedig, 1997 (AP)
Marina Abramovic bei einer Performance auf der Biennale in Venedig, 1997 (AP)

Das Museum of Modern Art zeigt mit "The Artist is Present" die erste große Schau der wegweisenden Arbeiten der serbischen Performancekünstlerin Marina Abramović. Bekannt wurde sie mit Aktionen wie dem Kämmen des Haares, bis die Kopfhaut zu bluten beginnt.

Ein schmaler Durchgang, an den Seiten stehen eine nackte Frau und ein nackter Mann, durch die man sich hindurchzwängen muss. Wie geht man da hindurch? Welcher Seite wendet man sich dabei zu? Auf einer Bank liegt ein weiterer männlicher Performer, nackt, mit einem Skelett auf ihm. Das Skelett bewegt sich im Rhythmus seines Atems. Nach einer Zeit kommt es einem so vor, als ob das Skelett atmet. In einem kleinen ausgeleuchteten Raum sitzen ein Mann und eine Frau unbeweglich Rücken an Rücken. Man kann durch einen Rahmen ihre Oberkörper sehen, ihre Haare sind miteinander verflochten. In einem schwarzen Raum stehen sich ein Mann und eine Frau in Anzug gegenüber und richten den Unterarm mit ausgestrecktem Zeigefinger aufeinander. Die Fingerkuppen berühren sich fast.

Die Ausstellung "The Artist is present" ist der erste Versuch eines Museums in einer großen Retrospektive die wegweisende Arbeit der in Serbien geborenen Marina Abramović über vier Jahrzehnte hinweg zu präsentieren, erklärt Klaus Biesenbach, Chefkurator der Abteilung Medienkunst am MoMa und neuer Direktor des P.S.1 in Queens:

"Die Ausstellung ist zusammengekommen über mittlerweile fast 18 Jahre Dialog mit der Künstlerin mit dem Versuch, eine Abbildung zu machen, von historischen Performances in einer Art Ablauf."

Bei der großen Fülle an Material in Form von Installationen, Objekten, Videos, Filmen, Fotografien und Re-inactments wichtiger Performances ihrer Karriere bekommt man sehr schnell ein Gefühl für die Leitmotive ihres Schaffens: der Körper als Subjekt, der Körper als Objekt oder als Medium, die Subjektivität von Zeit und Raum und immer wieder die Faszination mit der Frage: Wie viel und vor allem wie lange kann mein Körper was aushalten.

"Ich glaube, dass Marina Abramović eigentlich relativ konservativ, fast wie eine Bildhauerin arbeitet. Sie testet die Grenzen, sie findet heraus, wo ihr Körper beginnt und wo ihr Körper aufhört."

Ob es das stundenlange Stehen, Gehen oder Sitzen in Räumen ist, das Essen einer Zwiebel, das Kämmen des Haares, bis die Kopfhaut zu bluten beginnt, oder das Ritzen eines fünfeckigen Sternes, das Symbol des kommunistischen Systems, auf die Bauchdecke, viele dieser Experimente haben einen ritualistischen Charakter, andere sind mehr experimentell oder symbolisch.

"Ich denke, das Marina im Kanon der Bilder, die zum Beispiel hier im Museum oder im Metropolitan Museum augestellt werden, eigentlich gar nicht so außergewöhnlich ist. Jemand sagte: "Oh Gott, das sind relativ viele nackte Menschen auf den Bildern." Habe ich nur gesagt: "Tja, das ist genauso wie auf den anderen Etagen hier im Museum." Wenn es figurativ ist, ist das das Motiv, was Künstler beschäftigt."

Das Herzstück von "The Artist is Present" sind die fünf erneuten Aufführungen ihrer historischen Performances durch speziell von Marina Abramović geschulten Performern und eine ganz neue Performance der Künstlerin selbst mit dem Titel der Ausstellung. Im Atrium des MoMA sitzt sie in einem großen ausgeleuchteten Quadrat an einem Tisch mit einem leeren Stuhl ihr gegenüber. Besucher der Austellung sind eingeladen, sich schweigend ihr gegenüber hinzusetzen und so lange sie wollen in stumme Interaktion mit der Künstlerin zu treten.

Angelehnt an ihre berühmte Performancearbeit "Nightsea Crossing", in der sie sich mit ihrem damaligen Performancepartner Ulay an verschiedenen Orten und in längeren Zeitperioden an einen Tisch gegenüber setzte und sich ansah, transformiert sie die gegebene Situation eines alltäglichen Settings – zwei Menschen sitzen an einem Tisch und schauen sich an – in eine Studie über Zeit, Gegenwart und Kontakt.

In "The Artist is Present" mehr als 20 Jahre später, lädt sie den Zuschauer nun ein, mit ihr selbst in Kontakt zu treten und einen Moment zeitloser Präsenz zu erschaffen. Dabei steht die Stille dieses Momentes in Spannung zum lärmenden Betrieb des Museumsatriums und wird damit zu einer Reflexion über den Museumsbetrieb selbst. Insgesamt wird sie in der längsten Solo-Performance ihres bisherigen Schaffens während der normalen Öffnungszeiten des Museums bis zum Ende der Ausstellung insgesamt über 700 Stunden auf ihrem Stuhl sitzen.

"Sie können diesen ganzen Parcours durchmachen, und es ist immer so, dass Sie als Besucher eigentlich die Kunst letztendlich zur Vollendung bringen, dass der Betrachter wirklich ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit selber ist, was Sie ja dann im Atrium, wo Sie sich wirklich hinsetzen können, mit ihr, was ja dann wirklich - als Bild komplettieren Sie die Kunst, sind Sie Teil der Kunst."

Um die Performer auf die außerordentliche Strapaze und die notwendige Geistesdisziplin vorzubereiten, die sie für die Re-Inactments benötigen, hat sie vier Tage lang in einem speziellen Workshop, den sie nach einer alten Zenübung "Cleaning the House" genannt hat, mit ihnen gearbeitet. Zu den Übungen gehören unter anderem Gehen in Zeitlupe, das Zählen von Reiskörnern, stundenlanges Beobachten von Objekten und das Baden bei Sonnenaufgang in eiskaltem Flusswasser. Insoweit tritt Marina Abramović ganz im Sinne von Joseph Beuys sowohl in ihrer Eigenschaft als Künstlerin als auch als Lehrerin auf, die die Kunst der Performance an die nächste Generation weitergibt.

Mit "The Artist is Present" ist dem MoMA eine außerordentlich komplexe Austellung über die Biografie einer Künstlerin, ihres Körpers und ihrer künstlerischen "Präsenz" gelungen und damit gleichzeitig auch eine Austellung über die Kunst der Perfomance selbst.

MoMA: Marina Abramovic: The Artist Is Present

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