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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 15.11.2012

Warum wir wieder mehr Autorität brauchen

Plädoyer für einen unverkrampften Umgang mit Macht

Von Astrid von Friesen

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Ein Chef verlangt viel von seinen Mitarbeitern. (Stock.XCHNG / Tom Denham)
Ein Chef verlangt viel von seinen Mitarbeitern. (Stock.XCHNG / Tom Denham)

Seit den Achtundsechzigern gelten Autorität und Macht in Deutschland als verdächtig. Doch ganz ohne geht es nicht, meint die Therapeutin Astrid von Friesen. Sie plädiert für klare Strukturen und positive Autoritäten - in den Familien, in der Schule und am Arbeitsplatz.

Der Soziologieprofessor der London School of Economics, Richard Sennett, hat die These aufgestellt, dass zu Sigmund Freunds Zeiten die Sexualität das Haupttabu war, wohingegen heute das Thema Autorität tabuisiert wird. Tabuisierungen führen generell zu falschen Sichtweisen, zu Denkblockaden und schwierigen mitmenschlichen Beziehungen.

Für Ethnologen sind dagegen Tabus ein Instrument, um die wirklichen sozialen Strukturen zu entschlüsseln. Denn sie bilden ab, was geheim bleiben muss, damit die soziale Ordnung im Alltag mit dem notwendigen Automatismus funktionieren kann. Außerdem ziehen sie die Grenzen zwischen Gut und Böse, erwünschenswerten und unakzeptablen Handlungen, zwischen dem Sakralen und dem Profanen.

Ethnologen haben traditionellerweise vormoderne und ländliche Gesellschaften erforscht. Dort war und ist es tabu, schicksals- oder gottgegebene Autoritäten in Frage zu stellen. Es gab einen Konsens, dass Götter allmächtig, Könige mächtig und normale Bürger Herr im Haus waren. Unbewusst sind diese tiefen Mentalitäts- und Ordnungsstrukturen immer noch präsent. Insgeheim gibt es heute immer noch die Sehnsucht nach klaren Strukturen, positiven Autoritäten und guten Eltern.

In der Modere jedoch, besonders im 20. Jahrhundert, erfuhren wir die grausamen Seiten von Macht und Autoritäten in Potenz. Die beiden Weltkriege zerstörten die tradierten Macht- und Gehorsamsgefüge. Als Reaktion darauf bildeten sich in den 1960er-Jahren antiautoritäre Bestrebungen, die den Hausherren sowie die weltliche Macht und die göttliche Allmacht entthronten.

Seither hat sich ein Verständnis breit gemacht, in der Macht und Autorität in einen Topf geworfen und nahezu in allen Situationen als missbräuchlich, unfair und entwicklungshemmend definiert wird.

Als Therapeutin bin ich jedoch der Meinung, dass Kinder in den Familien, Jugendliche in den Schulen, aber auch Erwachsene an ihren Arbeitsplätzen weniger leiden und sich besser entwickeln würden, wenn es klare, konsequente Rollenträger in den Führungspositionen gäbe. Rollenträger mit unneurotischen, nicht narzisstischen Beziehungen zur eigenen Machtposition. Denn das Gegenteil sind unheilvolle Vermischungen, stressige Unübersichtlichkeiten und tief verunsichernde sowie energieraubende Beziehungsunklarheiten.

In den Familien lässt sich beobachten: Die Erwachsenen agieren immer infantiler, weswegen den Kindern eine ständig zunehmende Selbst- und sogar Elternbestimmung abverlangt wird. Eine vergleichbare Funktion – im Großen wie im Kleinen – haben alle Chefs ihren Mitarbeitern gegenüber. Gefordert ist das Gegenteil jenes Wahns, Chefs alle zwei bis drei Jahre auszuwechseln und ebenso oft Institutionen umzustrukturieren, was Menschen erst recht verwirrt und destabilisiert.

Jeder Chef, Lehrer und Politiker, jedes Elternteil braucht die Einsicht, dass sie erstens eine Autoritätsposition tatsächlich innehaben, die sie zweitens positiv und offen annehmen und drittens möglichst unneurotisch, das heißt mit kritischer Selbstreflektion ausfüllen sollten. Autorität auszuüben heißt nicht, jemandem etwas anzutun, sondern Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass etwas gemeinsam getan, gemeinsam erreicht wird und dass ein jeder im Team Raum findet, sich zu entwickeln.

Die Forderung Autorität positiv anzunehmen ist keineswegs ein Rückfall in die schlechten alten Zeiten. Denn sie wird letztendlich nur wirksam, wenn beide Seiten sie akzeptieren und damit legitimieren. Und wenn sich der Inhaber von Autorität und Macht bewusst ist, dass seine Macht geliehen und zeitlich begrenzt ist. Doch dazu gehört das Allerschwierigste: Demut.

Astrid von Friesen (privat)Astrid von Friesen (privat)Astrid von Friesen, Jahrgang 1953, ist Journalistin, Erziehungswissenschaftlerin, sowie Gestalt- und Trauma-Therapeutin. Sie unterrichtet an den Universitäten in Dresden und Freiberg, macht Lehrerfortbildung und Supervision. Im MDR-Hörfunkprogramm "Figaro" hat sie eine Erziehungs-Ratgeber-Sendung. Außerdem schreibt sie Bücher, zuletzt: "Schuld sind immer die anderen! Die Nachwehen des Feminismus: frustrierte Frauen und schweigende Männer" (Ellert & Richter Verlag Hamburg).

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