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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 14.06.2006

Warum Deutsche zum Islam konvertieren

Kultursoziologin Monika Wohlrab-Sahr über ein zunehmendes Phänomen

Moderation: Gabi Wuttke

Die Hände betender Muslime in der "Mevlana-Moschee" in Berlin-Kreuzberg (AP)
Die Hände betender Muslime in der "Mevlana-Moschee" in Berlin-Kreuzberg (AP)

Hier zu Lande sind es vor allem Frauen, die zum Islam übertreten. Als Gründe nennt Monika Wohlrab-Sahr von der Universität Leipzig die Anpassung an einen muslimischen Partner oder den Wunsch nach einer biografischen Veränderung. Laut des Zentralinstituts Islamarchiv sind 2005 erstmals mehr als Tausend Deutsche zum Islam konvertiert.

Wuttke: Islamische Parallelgesellschaften, verschlafene Integration. Wer muss sich nun wo hineinfinden, wo soll gefordert, wo Toleranz geübt werden. Schlagworte einer Debatte, die in Deutschland wohl noch lange geführt werden wird. Drehen wir die Münze aber doch einmal um. Wo stehen eigentlich Deutsche, die zum Islam konvertieren? Prof. Monika Wohlrab-Sahr vom Institut für Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig ist jetzt am Telefon. Guten Morgen, ich grüße Sie!

Wohlrab-Sahr: Guten Morgen!

Wuttke: Was bewegt Deutsche dazu, den Islam zu ihrer Religion zu machen?

Wohlrab-Sahr: Die meisten bewegt wahrscheinlich ganz banal die Tatsache, dass sie einen Partner oder eine Partnerin gefunden haben, der oder die selber Muslimin ist und diesen Partner heiraten wollen und aus diesem Grund zum Islam konvertieren. Also, das ist wahrscheinlich die ganz überwiegende Zahl derer, die sich dieser Religion anschließen und das bleibt vergleichsweise folgenlos. Hat im Prinzip hauptsächlich die Funktion so ein Stück eine gemeinsame Grundlage für so eine Partnerschaft zu finden.

Wuttke: Gilt das für Männer genauso wie für Frauen?

Wohlrab-Sahr: Das gilt überwiegend – jedenfalls für Deutschland kann man das sagen – für Frauen. Es gibt natürlich auch Männer die aus dem Grund zum Islam konvertieren. Das hat Gründe in der jeweiligen Religion und in den jeweiligen Kulturen, aus denen die Partner kommen, also dass es im Grunde genommen leichter ist für Männer aus den entsprechenden Regionen deutsche, nichtislamische Frauen zu heiraten, als umgekehrt für Frauen aus den Regionen, deutsche Männer zu heiraten. Das hat was mit den Zahlenverhältnissen zu tun.

Wuttke: Und was bedeutet ganz praktisch die Konversion zum Islam im Hinblick auf das gesellschaftliche Leben? Sie sagen, es ist eine Annäherung an den Partner, den offensichtlich vornehmlich Frauen vornehmen. Ist diese Orientierung dann auch immer ein Rückzug, ein Weggang aus dem bisher gelebten Leben oder öffnet sich damit vielleicht auch eine neue Tür?

Wohlrab-Sahr: Also ich denke, das kommt sehr darauf an, um was für einen Typus von Konversion es sich dabei handelt. Also das, was ich jetzt gerade beschrieben habe, diese eher unspektakulären Konversionen, die haben sicherlich eine Art Brückenfunktion, also zwischen der Herkunftskultur der Konvertiten, Konvertitinnen und der Kultur der meistens Männern aus den anderen Ländern. Also, insofern gibt es da ein Scharnier, das funktioniert nicht immer gut. Zum Teil funktioniert es, zum Teil aber bleiben diese Anpassungsversuche oder diese Versuche, sich in die neue Familie zu integrieren, auch prekär. Aber gut, das sind Prozesse, die sind vergleichsweise normal. Das ist mit jeder Form von Interkulturalität sind solche Brückenschläge, die Scheitern manchmal und manchmal gelingen sie, verbunden. Aber das ist sozusagen, das ist die unspektakuläre Mehrheit, und dann gibt es eine kleine Gruppe, also ich würde das jedenfalls als eine kleine einschätzen von meinen Beobachtungen her, von Personen, die für sich selber manchmal in Verbindung mit einem Partner, aber manchmal findet man so einen Partner auch erst im Nachhinein, die so einen Persönlichkeitswandel, eine biografische Veränderung, eine radikale Veränderung für sich vollziehen über den Weg der Konversion. Und das, wenn das eine Konversion in diesem Sinne so einer persönlichen Transformation ist, dann ist es im Grunde genommen egal, um was für eine Konversion es sich handelt, ob das jetzt der Katholizismus ist oder der Buddhismus oder der Islam. Es ist dann immer so verstanden im Grunde genommen ein doch relativ fundamentaler Prozess, der hat zu tun mit anderer Form der Kleidung, manchmal lassen die Leute sich einen anderen Namen geben. Sie hören auf, bestimmte Dinge zu essen. Sie gehen nicht mehr in bestimmte Kneipen oder sonst was. Das heißt, man versucht, seine gesamte Lebensführung auszurichten an der neuen Religion. Das sind dann die Fälle, die uns auffallen, weil sie anfangen, sich anders zu kleiden oder weil sie im Grunde genommen in ihrer Verhaltensweise strenger sind als die Muslime, die etwa aus der Türkei in der Regel zu uns kommen, die einen gelebten Glauben mitbringen und den immer schon auch mit der kulturellen Tradition vermischen oder sozusagen daran anpassen und in dem Sinne sind Konvertiten dann natürlich immer strenger, also dieser Typus ...

Wuttke: ...also die besseren Gläubigen sozusagen.

Wohlrab-Sahr: Genau. Aber das hat was mit der Konversion als solcher zu tun. Man will ja von etwas weg und zu etwas Neuem hin. Man will sich selber zu einer neuen Person machen.

Wuttke: Aber was bedeutet dieses weg? Ist der Grund dafür ein Mangel?

Wohlrab-Sahr: Das ist, glaube ich, ganz unterschiedlich, da muss man sich, glaube ich, sehr genau die Biografien dieser Person anschauen. Ich würde schon sagen, aber immer nur gesprochen für diese kleine Minderheit, ja, für die anderen ist es schlicht eine Öffnung hin zum Partner, aber für diese kleine Minderheit derer, die für sich selber etwas verändern wollen, es steht, glaube ich, schon im Hintergrund ein Mangel, ein Problem in der eigenen Biografie, vielleicht auch ein Problem der Integration in die eigene Gesellschaft, in die eigene Kultur, ein Stück Außenseitertum, eine Erfahrung in der Entwertung, das ist jedenfalls, was ich in meinen Forschungen gefunden habe, auch in intimen Beziehungen, in Partnerschaften, eine marginale Position, die dann zu so einer Suche nach einer neuen Einbindung führt, und die dann von manchen eben im Islam gefunden wird.

Wuttke: Wenn wir bei diesen Minderheiten bleiben und wenn wir mal darauf schauen, was der Islam zu bieten hat. Er ist ja ein Politikum und er wird seit dem 11. September 2001 mehr denn je als ein solches wahrgenommen. Schwingt für Aspiranten auch eine politische Botschaft im Islam mit?

Wohlrab-Sahr: Auch da, glaube ich, muss man sehr genau differenzieren. Es gibt sicherlich einen Teil von Konvertiten, die den Islam kennen lernen etwa in Ländern in denen der Islam praktiziert wird, die vielleicht längere Auslandsreisen gemacht haben, die sich in eine andere Kultur einleben und die dann im Grunde sich auch die Kultur dieser Religion aneignen. Da hat das zunächst mal eine kulturelle Komponente und auch über die kulturelle Komponente eine zutiefst religiöse Komponente. Es gibt Konvertiten, die über eine, die auch in Deutschland, die also gar nicht diese Auslandserfahrung haben, die in Deutschland über einen religiösen Zusammenhang zunächst mal sich angesprochen fühlen, über Personen, die für sie den Islam in einer glaubhaften Weise repräsentieren. Oft sind das Leute die vorher gar nicht besonders stark religiös gebunden waren, also es ist, man stellt sich immer vor, man konvertiert vom Christentum in den Islam.

Wuttke: ... muss natürlich nicht sein.

Wohlrab-Sahr: Ja und viele konvertieren im Grunde genommen von einer religiösen Indifferenz zum Islam. Das findet man vielleicht auch eine irgendwie in seiner persönlichen Situation überzeugende Form der Frömmigkeit. Und dann gibt es aber sicherlich einen Teil, also ich hab das mal genannt in meiner eigenen Studie symbolische Emigration. Also wo im Grunde genommen die eigene prekäre Stellung in der deutschen Gesellschaft oder in einer anderen europäischen Gesellschaft dazu führt sich etwas zu suchen, was man als den Gegenpol, als etwas ganz anderes im Vergleich dazu erlebt, und dass man über diese Religion eine Art Ausstieg aus der eigenen Kultur vollzieht und gleichzeitig aber drin bleibt.

Wuttke: Frau Wohlrab-Sahr, was Sie jetzt schildern, erinnert mich an den Namen Susanne Osthoff, Konvertitin, bekannt geworden als Geisel im Irak.

Wohlrab-Sahr: Also, ich bin ein bisschen vorsichtig, weil ich diesen Fall natürlich auch nur aus der Presse kenne und das heißt, ich kenne ihn auch nur mehrfach gefiltert.

Wuttke: Wir kennen ihn alle nur so.

Wohlrab-Sahr: Ja, also, wobei ich da, so von dem Eindruck den ich habe, das ist ja eine sehr eindrucksvolle Person, wenn auch sehr schillernd in ihrer ganzen Radikalität. Da ist auch sicherlich manches problematisch, aber irgendwie auch beeindruckend in ihrer Radikalität, und da würde ich sagen, dass das sicherlich was zu tun hat mit dieser Erfahrung, im Irak so lange zu arbeiten und im Grunde genommen in dieses Land wirklich einzutauchen. Und dass sich im Zuge dessen, also so ist jedenfalls mein Eindruck aus den Medienberichten gewesen, dass im Zuge des Eintauchens in dieses Land, und sie hat ja wirklich eine Art Emigration vollzogen auch was die Lösung offensichtlich von ihrer Herkunftsfamilie angeht, im Zuge dieses Eintauchens ist sie dann auch in die Religion eingetaucht und hat sich die aber als Religion zu eigen gemacht, als Teil der Kultur des Landes und als Religion zu eigen gemacht, gar nicht politisch, glaube ich, in dem Zusammenhang. Und das ist schon also ich glaube, da trifft dieser Ausdruck der symbolischen Emigration in dem Fall dann noch mit einer wirklichen Emigration verbunden. Und ich habe sie gesehen in diesem Interview mit Beckmann im Fernsehen, wo sie dann fantasieren sollte, wie sie sich ein Leben vorstellt, und sie dann sagte: in einem Zelt quasi im Irak lebend unter dem freien Himmel oder so ähnlich. Das fand ich sehr eindrücklich als Bild, weil es genau diesen Wunsch, irgendwo in eine neue Kultur wirklich ganz einzutauchen, ganz Teil davon zu werden.

Wuttke: Aber auch ein bisschen Sozialromantik.

Wohlrab-Sahr: Sicherlich, ja klar. Aber diese Sozialromantik ist, glaube ich, ein Teil davon. Also das ist natürlich auch eine Konstruktion, eine Wunschvorstellung, die da eine Rolle spielt, wirklich ganz Teil zu werden von etwas anderem und da wird natürlich sehr viel ausgeblendet, davon, was daran prekär ist, was man sich vielleicht auch daran nur vormacht. Ich kann das jetzt für Frau Osthoff nicht beurteilen.

Wuttke: Frau Wohlrab-Sahr, das Zentralinstitut Islamarchiv hat im vergangenen Jahr über Tausend deutsche Konvertiten gezählt. In den Jahren zuvor soll es die Hälfte gewesen sein. Ist das eine seriöse Größenordnung? Kann man überhaupt mit Zahlen hantieren?

Wohlrab-Sahr: Also, ich finde es ganz schwierig, mit Zahlen zu hantieren. Journalisten fragen natürlich immer nach Zahlen, weil man wissen will, wie verändert sich das Phänomen, nimmt es zu, nimmt es ab. Ich find es ganz fragwürdig, mit solchen Größenordnungen zu operieren. Ich weiß, dass das Islamarchiv diese Zahlen irgendwie erhebt, aber ich habe keine Ahnung wie und es ist kein wissenschaftlich kontrollierter Prozess. Also es gibt nicht wirklich eine Dokumentation darüber, wie man zu diesen Zahlen kommt. Wahrscheinlich fragen sie in Moscheegemeinden, das ist auch, wenn es keine Statistiken gibt, ein sinnvolles Verfahren, aber es scheint mir sehr fragwürdig. Man muss das, glaube ich, sehr vorsichtig bewerten, weil die Frage, welche Zahlen von Moscheegemeinden genannt werden, wie das kontrolliert wird, das ist so undurchsichtig, dass man immer auch damit rechnen muss, dass man immer auch ein stückweit damit rechnen muss, dass es eine interessensbestimmte Zahl ist, eine Zahl, die auch was damit zu tun hat, dass man den Islam als einen erfolgreichen und starken präsentieren will, aber auch das kann ich im Grunde genommen nicht mit Sicherheit sagen.

Wuttke: Warum Deutsche zum Islam konvertieren dazu Prof. Monika Wohlrab-Sahr von der Universität Leipzig. Ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch!

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