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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.02.2009

Warten ohne Grund

Lorcas "Doña Rosita" - inszeniert von Thomas Langhoff am Berliner Ensemble

Von Eberhard Spreng

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Immerzu warten. Aber warum? (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Immerzu warten. Aber warum? (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

Fernando Garcia Lorcas "Donna Rosita bleibt ledig oder die Sprache der Blumen" zeigt eine junge Frau, die vergeblich ihr Leben lang auf ihren Verlobten wartet. Dieser hat sich in die neue Welt davon gemacht und mit einer neuen Frau ein neues Leben angefangen. Warum Rosita immer weiter wartet, macht Langhoff jedoch nicht deutlich.

Es gibt sie wirklich, die Rosa Mutabilis, die Dona Rositas Onkel in seinem Gewächshaus gezüchtet hat. Sie blüht nur einen Tag und sie ist Gegenstand des leitmotivisch wiederholten Gedichts des andalusischen Dramatikers, die Kern-Metapher für die Vergänglichkeit der weiblichen Schönheit, die Zeitlichkeit der menschlichen Existenz.

In dieser "Sprache der Blumen", wie Lorcas Doña Rosita im Untertitel heißt, vollzieht sich das vergebliche Warten einer jungen Dame auf den ihr versprochenen Bräutigam, ein Warten, das sich nach dessen Abreise auf den neuen Kontinent ein ganzes Leben lang hinziehen wird. Was sie nicht wissen will: Ihr Liebster fängt in Lateinamerika ein neues Leben an und heiratet dort eine andere Frau.

Es ist ein Märchen vom Verzicht aufs Glück und es ist, im Spanien der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, auch Anklage gegen die Lage der andalusischen Frau. Neben der zentralen metaphorisch überfrachteten Titelfigur hat das Stück wirkungsmächtige Nebenfiguren zu bieten: Rositas Tante, gespielt von Jutta Wachowiak und vor allem die von Carmen-Maja Antoni mit deftigem Mutterwitz verkörperte volkstümliche Haushälterin überzeugen in Langhoffs Inszenierung.

Ein schmuckloses dreiteiliges Dekor beherbergt die bunt kostümierten Freundinnen der Rosita, einen Lehrer und einen Professor, Tanz und Gesang, Gerede und Poesie, sowohl Figuren aus einer untergegangenen Welt als auch Gestalten der Moderne.

Doña Rosita, die zentrale Figur, müsste all das Disparate in der Ästhetik des Stücks zusammenhalten. Aber Ursina Lardi findet für ihre Doña Rosita nur eine Farbe: Die der früh enttäuschten und früh verhärmten, aggressiven Jungfer. Jahrzehnte Stillstand, keine Entwicklung, keine Hinweis auf das Warum ihres Glücksverzichtes. Und so findet denn auch im letzten, tragischen, dem "Tschechowschen" Akt, das ganze Warten keine Begründung, keine Auflösung.

"Donna Rosita bleibt ledig oder die Sprache der Blumen"
Von Fernando Garcia Lorca
Aufführung am Berliner Ensemble
Regie: Thomas Langhoff

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