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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.01.2019

Warten auf den neuen Houellebecq Prophet der "Gelbwesten"-Proteste

Dirk Fuhrig im Gespräch mit Gabi Wuttke

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Der französische Autor Michel Houellebecq bei der Präsentation seines 2015 erschienenen Buchs "Unterwerfung" in Barcelona. (EPA/ANDREU DALMAU)
Der französische Autor Michel Houellebecq. (EPA/ANDREU DALMAU)

Am heutigen Freitag erscheint der neue Roman "Serotonin" von Michel Houellebecq in Frankreich. Parallelen zu den französischen Gelbwesten stellt die Literaturkritik in den Mittelpunkt. Dabei vollendete er den Roman, bevor die Proteste losgingen.

"Wenn man das Buch liest, denkt man unwillkürlich an die Gelbwesten. Es kommen Straßensperren vor, bewaffnete Bauern schießen auf Autofahrer. Die Gewalt eskaliert", erklärt Dirk Fuhrig aus der Deutschlandradio-Literaturredaktion, "da sieht man wieder: Houellebecq spürt diese gesellschaftlichen Konflikte voraus."

Aber auch seine politische Haltung, die er schon oft geäußert hat, fließt in den Roman wieder mit ein. "Er ist gegen das Parlament, für Volksabstimmungen und scheint damit auch wieder etwas vorzugeben, was jetzt von 'Gilets jaunes' aufgegriffen wird."

Über einen depressiven Agrar-Ingenieur

"Serotonin" handelt von Florent-Claude Labrouste, Agrar-Ingenieur im Dienste des Landwirtschaftsministeriums - ein biografischer Bezug. Florent-Claude ist eine Figur, die "frustriert von der Arbeit, den Frauen, dem Leben" ist. "All das bekämpft er mit entsprechenden Mitteln, einem Antidepressivum, das den Serotonin-Ausstoß im Gehirn beeinflusst – also das Glückshormon", so Fuhrig. "Florent-Claude ist am Boden. Er gibt seinen Job auf, zieht in ein Mittelklassehotel, kappt alle Verbindungen zu seinem bürgerlichen Leben – nur das Auto behält er. Damit besucht Studienkameraden von früher, auf dem Land, in der Normandie. Dort herrscht das reine Elend. Denn die EU hat die Milchquoten gesenkt – die Bauern können sich gegen Konkurrenz aus China nicht mehr behaupten."

"Er weiß, wie er die Medien dazu bringt, über ihn zu schreiben"

In Frankreich wird der Roman mit Spannung erwartet. Am 27. Dezember, mehrere Tage vor dem Erscheinen des Buches, endete die Sperrfrist für die Medien. Das ist durchaus unüblich. Seitdem erscheinen in allen wichtigen Zeitungen bereits Rezensionen, alle Medien berichten über den neuen Houellebecq. Eine perfekte Marketing-Kampagne des Verlags: "Das ist sicherlich alles sehr genau abgesprochen mit ihm und von ihm auch befördert. Er ist da gar nicht so der verwirrte Typ. Er hat da ganz knallharte Interessen. Einerseits ist so ein Buch ein Abgesang auf die Konsumgesellschaft, aber er weiß ganz genau wie man mit so einem Buch Geld verdienen kann", so Fuhrig.

Die Startauflage in Frankreich liegt bei 320.000 Exemplaren. Houellebecq kündigte seinen Roman im Oktober selbst an und äußerte sich im Vorfeld positiv zu Donald Trump: "Er weiß natürlich, wie er die Medien dazu bringt, über ihn zu schreiben: Ein Lob Donald Trumps vom prominentesten lebenden französischen Schriftsteller – das orchestrierte natürlich das Buch."

Houellebecq-Fans werden wieder auf ihre Kosten kommen. "Es ist ein Houellebecq wie wir ihn kennen. Es sind Gemeinheiten gegenüber Frauen, gegenüber Schwulen, gegen Ausländer – das ist alles da drin. Das gehört dazu, diese Provokation, diese scharfe Sprache", sagt Dirk Fuhrig.

Reaktionen auf die Veröffentlichung des Buches in Frankreich von Jürgen König und ein Lektüre-Eindruck von Andreas Isenschmidt (10:43 min.):

"Serotonin" erscheint in Deutschland am 7. Januar im Dumont-Verlag.
Michel Houellebecq: "Serotonin"
DuMont, Köln 2019
336 Seiten, 24 Euro

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