Wanken auf schwankenden Planken

Der kanadische Regisseur Robert Lepage © AP
Von Jörn Florian Fuchs · 28.01.2012
Zum Schluss gibt es doch noch eine klitzekleine Regieidee. Die im Rheingold so triumphal auftretenden Götter sind inzwischen zu Gipsfiguren erstarrt und während die letzte Himmlische – Brünnhilde – sich meuchelt, zerplatzen die Köpfe der Gipsgötter. Dann senkt sich das riesige, viele Millionen Dollar teure Gerüst mit beweglichen Stahlstreben ein letztes Mal und zeigt eine bunte Mischung aus Wasser, Feuer, Licht – was am Ende eines Rings halt so übrig bleibt. Aber sind wir davon wirklich bewegt oder gar überzeugt?
Dem Frankokanadier Robert Lepage waren immer schon technische Finessen wichtiger als konkrete Konzepte oder eine genaue Personenführung oder gar eine Botschaft. Im Fall des New Yorker Wagnerspektakels ist der Hauptdarsteller ein offenbar selbst für Lepage und sein umfangreiches (massiv ausgebuhtes) Team viel zu komplizierter Bühnenkoloss. In den vorherigen Ring-Teilen steckte das Ding immer wieder fest, zur Rheingold-Premiere fiel der Göttergang nach Walhall einfach aus. Beim jetzigen Dämmern der Götter schien zwar alles zu klappen, dafür wird indes auch weniger herumgeturnt. Stattdessen flimmerten Brünnhildes flammender Felsen, die karge, Holz getäfelte Wohnung der Gibichungen und der Rhein über die Planken. Dazwischen knarzte und stöhnte das Teil allerdings ganz erbärmlich.

Besonders präzise sind die Bilderfluten übrigens nicht, wenn die Musik zum Beispiel vom finalen Feuerregen erzählt, fließt bei Lepage bereits das Videowasser.

Kostümmäßig bewegt man sich (n)irgendwo, mal gibt es elegante Couture von heute, mal wurde scheint's der Fundus angestaubter Ringe geplündert. Für Lacher sorgte Brünnhildes Pferd, das alle Regisseure seit Jahrzehnten aus Lächerlichkeitsgründen streichen, Lepage schickt ein allerliebstes Tierchen mit nickendem Köpfchen herum und nicht nur Frauchens Versuch, sich in den Sattel zu wuchten, erheitert arg.

Passend zur 'unintellektuellen' Regie geriet das Dirigat Fabio Luisis. Wo andere das Orchester in sämtlichen Farben schwelgen lassen, gab es eher karge Kost. Statt Spannungsbögen aufzubauen, reihte Luisi Nummer an Nummer. Diverse Bläsereinsätze gingen schmerzhaft schief. Beim Superhit mit Tränengarantie – dem Trauermarsch – und im Finale entdeckte Luisi überraschenderweise Wagner als spätromantischen Symphoniker mit speziellem Hang zu Sibelius.

Bleiben die Sänger. Hans-Peter König gab den Bösewicht Hagen eindringlich, wirkte aber eher wie ein gutmütiger Busfahrer. Waltraud Meier durfte als Waltraute zart Lyrisches zum Besten geben, sie sang hier einmal gar nicht auf Risiko, sondern zurückhaltend fein – ein stürmisch bejubelter Auftritt. Deborah Voigt überzeugte mit leichten Einschränkungen (zeitweise scharfe Höhen) als Brünnhilde. Die größte Enttäuschung war freilich Jay Hunter Morris als Siegfried, rau in der Mittellage, weiter oben kehlig-bemüht. Sehr solide Eric Owens als Alberich, glänzend Iain Patersons Gunther, akzeptabel die Gutrune von Wendy Bryn Harmer. Beim Casting der Nornen (herausragend das MET Debüt der Düsseldorferin Maria Radner) wurde ebenso viel Wert auf Qualität gesetzt wie bei den Rheintöchtern. Exzellent auch der von Donald Palumbo einstudierte Chor.

Insgesamt ist diese Götterdämmerung so uninspiriert kühl wie die ständig ins Auditorium geblasene, eisige Luft der MET Klimaanlage.