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Fazit | Beitrag vom 25.09.2019

Wandteppiche von Hannah Ryggen in der SchirnGewebter politischer Aktivismus

Von Marietta Schwarz

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Ein Ausstellungsraum in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt mit mehreren Webteppichen der Künstlerin Hannah Ryggen. (Foto: Norbert Miguletz)
Harte politische Themen hat Hannah Ryggen auf ihren Teppichen dekorativ umgesetzt. (Foto: Norbert Miguletz)

Die schwedisch-norwegischen Künstlerin Hannah Ryggen webte großformatige Teppiche mit politischen Motiven, deren Botschaften auch heute noch gültig sind. Eine Ausstellung in der Schirn widmet ihr die erste Retrospektive in Deutschland.

Jeden Tag läuft Ashild Adsen mehrfach an diesem Teppich vorbei. Sie ist Direktorin des Kunstgewerbemuseums Trondheim mit der größten Hannah-Ryggen-Sammlung weltweit. Der Teppich hängt im Treppenhaus, zwölf Quadratmeter groß. Unten rechts sieht man eine große Narbe. Eine Spur des Attentats, das der Rechtsterrorist Anders Breivik 2011 in Oslo verübt hat. 

Ashild Adsen erklärt: "Der Teppich hing in der Lobby des Regierungsgebäudes in Oslo und wurde bei dem Bombenanschlag durch Anders Breivik beschädigt. Danach gab es eine große Diskussion unter den norwegischen Kunsthistorikern, wie man mit dem Riss umgeht." Die Restauratoren machten die Spur sichtbar – schließlich handelte es sich um eines der bedeutendsten Werke von Hannah Ryggen, einer Künstlerin, die gegen den Faschismus anwebte. "We are living on a star", 1958 im Auftrag der norwegischen Regierung gewebt.

Auf dem Wandteppich an der Wand des Museums sieht man ein nacktes, sich umschlingendes Paar. Um dieses Paar herum ranken sich Köpfe, Hände, Werkzeuge. Rechts und links je ein Säugling. Es dominiert die Farbe blau, ein braunes Oval spannt sich wie ein großer Buchstabe O über die gesamte Fläche. Außerhalb erkennt man desweiteren Sterne und den Mond. (Foto: Norbert Miguletz)Der Wandteppich "We are living on a star" aus dem Jahr 1958, den Ryggen im Auftrag der norwegischen Regierung webte, ist eines ihres bedeutesten Werke. (Foto: Norbert Miguletz)

Man sieht darauf ein nacktes, sich umschlingendes Paar, und um dieses Paar herum: Köpfe, Hände, Werkzeuge. Rechts und links zwei Säuglinge. Es dominiert die Farbe blau, ein braunes Oval spannt sich wie ein großer Buchstabe O über die gesamte Fläche. Außerhalb erkennt man Sterne, den Mond, vieles erkennt man aber auch nicht. Vielleicht sind das Raumschiffe, vielleicht unbekannte Lebewesen. Der Teppich erinnert an ein antikes Mosaik, aber auch an mittelalterliche Volkskunst. Er enthält Spuren von Comic und Science Fiction. Und ist zugleich figürlich, abstrakt und ornamental.

Ashild Adsen: "Das Ornament taucht immer wieder auf bei ihr, das umrandende Ornament wie zum Beispiel der achtzackige Stern. Ihre Referenzen sind die Bibel, die Volkskunst, die Kunstgeschichte. Sie kennt sich sehr gut aus und lässt sich davon inspirieren, und findet dann ihren eigenen Ausdruck, der in der Tradition verwurzelt ist."

Hannah Ryggen ist an einem zimmergroßen Webstuhl um 1964 in schwarz-weiß zu sehen.  Adresseavisen, Trondheim. (Frankfurter Schrin )In der Einsamkeit fertigte Hannah Ryggen aus natürlichen Materialien an einem selbstgebauten Webstuhl ihre politischen Wandteppiche. (Frankfurter Schrin )

Es macht die Teppiche von Hannah Ryggen einzigartig, dass sie in einer Zeit der Moderne vor dem eigensinnigen Umgang mit dem Ornament nicht zurückschrecken, vor allem aber, dass sie harte politische Geschichten auf einem Medium abbilden, das in jener Zeit eher dekorativ eingesetzt wurde. Entstanden sind die meisten Werke an einem selbstgebauten Webstuhl in der Einöde. 

Hannah Ryggen führte zusammen mit ihrem Mann Hans und der Tochter Mona ein Einsiedler-Leben auf der norwegischen Insel Orlandet. Sie waren unromantische Selbstversorger, politisch links. Das Haus steht nicht mehr, im örtlichen Kulturzentrum hängen weitere Ryggen-Teppiche. Sie webte ohne Vorlage, sagt die Leiterin Thina Andresen. Keine Skizzen, alles war im Kopf.

Alle Materialen selbst hergestellt

"Und wir wissen ja, dass Hannah Ryggen die Natur sehr kreativ genutzt hat, auch intensiv für ihre Kunst. Sie scherte die eigenen Schafe, hat selbst gesponnen, und sie färbte mit pflanzlichen Pigmenten. Nur einmal, in ihrem Vietnam-Teppich, hat sie künstliche Farbstoffe eingesetzt, um die im Krieg eingesetzten Chemiewaffen zu versinnbildlichen. Aber sonst ausschließlich natürliche Farbstoffe. Aus Baumrinde, Blättern, Pflanzen."

In den 1930er/40er Jahren, zur Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus in Europa, landeten die Köpfe von Hitler, Mussolini und dem norwegischen Nazi und Literaturnobelpreisträger Knut Hamsun auf Ryggens Tapisserien. Aber auch die der Gegenseite, sagt Marit Paasche, Hannah-Ryggen-Biografin und Kuratorin der Frankfurter Ausstellung: Carl von Ossietzky, Lieselotte Herrmann, Albert Einstein.

Engagement durch Kunst in die Welt hinaustragen

"Ihre Kunst ist politischer Aktivismus. Und durch ihre Kunst trug sie ihr Engagement hinaus in die Welt. Das können wir an ihren Teppichen sehen, zum Beispiel am Äthiopien-Teppich, mit dem sie ihre Solidarität mit den Äthiopiern kundtun wollte, auf dem sie einen Mann einen Speer durch Mussolinis Kopf stoßen ließ."

Dieser Teppich, "Etiopia", wurde 1937 – wie Picassos "Guernica" – bei der Weltausstellung in Paris gezeigt und ZENSIERT. Der Teil mit Mussolinis Enthauptung musste nach hinten umgeschlagen werden, weil die Franzosen den "Duce" damals noch als Alliierten gegen Hitler betrachteten.

2012 wurden Teppiche von Hannah Ryggen auf der documenta gezeigt. Seither, sagt die Trondheimer Museumsdirektorin Ashild Adsen, steht ihr Telefon nicht mehr still. Das verwundert nicht. Hannah Ryggens Teppiche aus der Mitte des 20. Jahrhunderts rufen zu uns in eine Gegenwart des erstarkenden Rechtspopulismus. Eine hochbegabte Künstlerin wird wiederentdeckt. Eine politische Aktivistin. Eine, die in einem extrem entschleunigten Prozess Pflanzen sammelte, Wolle färbte, am Webstuhl in der Einsamkeit saß und von dort dem Weltgeschehen ein eigenes Gesicht gab.

Die Ausstellung "HANNAH RYGGEN. GEWEBTE MANI­FESTE" ist bis zum 12. JANUAR 2020 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu sehen. 

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