Walter Tilemann: Ich, das Soldatenkind

Vorgestellt von Jens Brüning |
Walter Tilemann erzählt in seinem Buch "Ich, das Soldatenkind" davon, wie er als neunjähriger Junge im Winter 1941 aus einem russischen Waisenhaus flieht, sich einer Partisanengruppe anschließt und von der Wehrmacht mit nach Deutschland genommen wird. Auch wenn die Episode, von der Tilemann berichtet, nur ein Jahr währte, so gelingt es ihm doch, die Wirren des 20 Jahrhunderts zu dokumentieren.
Walter Tilemann erzählt in seinem Buch "Ich, das Soldatenkind" davon, wie er als neunjähriger Junge im Winter 1941 aus einem russischen Waisenhaus flieht, sich einer Partisanengruppe anschließt und von der Wehrmacht mit nach Deutschland genommen wird. Auch wenn die Episode, von der Tilemann berichtet, nur ein Jahr währte, so gelingt es ihm doch, die Wirren des 20 Jahrhunderts zu dokumentieren.

Der Schauplatz ist Russland, das Jahr 1941. Es ist Winter. Es ist Krieg. Der neunjährige Walter lebt mitten im Wald. Heute ist Walter Tilemann 72 Jahre alt und erinnert sich:

"Dieses Gebiet, in dem wir dann also uns zurückgezogen hatten, war eingekesselt worden, das war der ... Kessel von Wolokolamsk."

Wir, das waren in diesem Winter 1941 russische Jungen aus den Dörfern um Wolokolamsk, westlich von Moskau.

" Da bildete sich dann so eine Gruppe, die angeführt wurde von einem Russen..., das war ein Student, und das war ein überzeugter Bolschewist, der sich aufgerufen fühlte durch Stalins Aufrufe und dann eine Partisanengruppe bildete. Ich war der allerjüngste, aber der kannte mich auch aus Jahren davor und hat mich aufgenommen, weil ich ja kein Zuhause hatte. Und diese Gruppe zog dann in den Wald sich zurück, um später, wenn die Deutschen vorrücken würden, die zu überfallen."

Wie Walter Tilemann seine Geschichte erzählt, ist spannend. Ein Problem entsteht durch die professionellen Eingriffe seines Mitautors Erich Schaake in die lebensgeschichtliche Erzählung Walter Tilemanns. Da geht vieles von deren Echtheit verloren. Ein allwissender Über-Erzähler macht aus den Erlebnissen eines in den Strudel der Weltgeschichte geratenen Jungen eine Historie der Wirren des Weltkriegs nebst Vorgeschichte aus dem Milieu deutscher Kommunisten und Nacherzählung der stalinistischen Gulags. Walter Tilemann, geboren 1932 in Berlin, wuchs in Moskau auf. Sein Vater emigrierte als überzeugter Bolschewist gleich nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Januar 1933 in die Sowjetunion und bekam einen Posten als Lektor. Er bat seine Frau nachzukommen, denn Hitler an der Macht, das bedeute Krieg. So war die kleine deutsche Familie in Moskau vereint und half beim Aufbau der Sowjetunion. Im Oktober 1937 wurde der Vater von der Geheimpolizei abgeholt. Er kam nie wieder.

" 1999 bekam ich noch eine Mitteilung vom Roten Kreuz, dass über meinen Vater nichts zu finden sei in Moskau. Und kurze Zeit darauf, in 2000, da bekam ich die Mitteilung, dass man die Akten von meinem Vater gefunden hat. Und das war für mich der Anlass, die Geschichte zu schreiben."

Der Vater war zwei Monate nach seiner Verhaftung - wie aus den Akten zu erfahren war - "wegen Spionage für den deutschen Geheimdienst und Organisierens von terroristischen Gruppen" zum Tode verurteilt worden und am selben Tag erschossen worden. 1989 wurde er rehabilitiert. Sein Sohn Walter, beim Tod des Vaters ein fünfjähriger Bub, war aber schon vorher überzeugt,

" ... dass mein Vater eben ein überzeugter Kommunist und kein deutscher Spion war."

Walter Tilemann und seine Mutter wurden in ein Dorf westlich von Moskau deportiert. Als die Deutsche Wehrmacht 1941 den Krieg auch nach Osten führte, wurde die Mutter von Stalins Geheimpolizei abgeholt. Der inzwischen neunjährige Wolodja kam in ein Waisenhaus, riss aus und schloss sich den Partisanen an. Bei einem Erkundungsgang wurde Walter von der Deutschen Wehrmacht aufgegriffen. Er fand einen Feldwebel, der sich um ihn kümmerte. Der Junge zog mit der Wehrmachtseinheit gen Moskau und schließlich, als der Angriff auf Moskau scheiterte, nach Frankreich. Dort endlich findet der Feldwebel heraus, woher die Familie des "Soldatenkindes" stammt. Die letzten Kriegsjahre erlebt Walter Tilemann bei der Großmutter, der Tante und den Nichten in Bonn-Kessenich. Es fallen Bomben, die Amerikaner kommen, der Schwarzhandel beginnt, und dann kommt Post, Post von der 1941 verhafteten Mutter:

" 1949 bekamen wir den ersten Brief von ihr aus Sibirien ... Sie schrieb an ihre Mutter, ... und ich konnte ihr dann antworten aus Bonn. Sie hatte ein bisschen Glück bei ihrem Unglück, dass sie in ein Dorf kam, in dem Mennoniten waren, und die haben sie sehr menschlich aufgenommen."

Aber erst 1956 kam die Mutter aus Sibirien nach Bonn. Walter Tilemanns Buch "Ich, das Soldatenkind" enthält eigentlich drei Bücher: Die Geschichte der Eltern, die des Sohnes und die der Mutter. Spannend ist es da, wo der Junge aus eigenem Erleben erzählt, wo sein journalistischer Co-Autor Erich Schaake sich mit seinen Recherche-Ergebnissen in der Vordergrund drängt, wird aus dem Erlebten das Hörensagen.

Walter Tilemann: Ich, das Soldatenkind
Knaur-Taschenbuch Verlag
München 2005
297 Seiten, 8,90 Euro